22.12.2017

Messias in Windeln

In Betlehem wird Gott Mensch und begegnet uns von Angesicht zu Angesicht – als das Kind in der Krippe, gewickelt wie jedes andere Kind auf der Welt.

Wohl eine der ältesten Krippendarstellungen im
Bistum Hildesheim aus dem Anfang des 12. Jahr-
hunderts ist in der Basilika St. Godehard in Hildesheim
zu finden. Sie ist in einem Kapitell der Säulen ein-
gearbeitet. Deutlich zu erkennen: Das Christkind ist
in Windeln gewickelt. | Foto: Edmund Deppe

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus…“ - In wenigen Tagen hören wir wieder das Lukas-Evangelium, sitzen dabei in der Christ-Mette oder vor der Krippe, und hoffen auf ein harmonisches und friedvolles Weihnachtsfest. Die eigentliche Geburt Jesu schildert Lukas dabei ganz kurz und knapp: „… und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“  Kein Glamour, keine Rührseligkeiten. Keine Angaben über Gewicht oder Größe des Kindes finden wir hier, und auch die Dauer der Wehen verschweigt uns der Autor.

Was der Evangelist uns nicht vorenthält: die widrigen Umstände der Geburt – und die Windeln, in die das Baby gewickelt wird. Diese scheinen Lukas so wichtig zu sein, dass auch der Engel sie nicht unter den Tisch fallen lässt. Er verkündet den Hirten auf dem Feld: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“

Die Windeln gehören zur Botschaft der Weihnacht. Sie sind nicht einfach nur Dekoration, irgendwie „nice to have“, sondern verweisen auf die Biologie und die Grundbedürfnisse des Menschen, auf Essen, Trinken und auf Verdauung. Auch das Neugeborene in Betlehem, der Sohn Gottes, ernährt sich nicht alleine von Luft und Liebe. Das Baby im Stall wird gehüllt in Textilien – eine simple und doch zutiefst humane Geste: Die Kleidung ist ein wesentliches Element, das uns Menschen vom Tier unterscheidet. Sie ist unsere zweite Haut, spricht unsere Sinnlichkeit und Ästhetik an. Die Windeln sind ganz praktisch, wenn es um die Hinterlassenschaften des Kindes geht; zugleich bieten sie Bedeckung und Schutz – quasi die persönliche Schutzausrüstung und Uniform eines jeden Säuglings.

Die Geburt Jesu im Hier und Jetzt

Denn: Der Retter, der Messias, der Herr kommt als ganz normales Baby auf die Welt. Auch er braucht Windeln. Und ich wage die Vermutung: Auch er wird mal vor Hunger, Müdigkeit oder einfach so geweint und geschrien haben, wird seine Eltern ordentlich auf Trab gehalten und manches Mal um den Schlaf gebracht haben. Denn ich bin wahrhaftig keine Expertin – doch die Berichte aus meinem Familien- und Freundeskreis zeugen davon, dass das Leben mit Neugeborenen mit der viel besungenen stillen Nacht relativ wenig zu tun hat.

Sicherlich standen Maria und Josef in Judäa nicht die High-End-Windeln zur Verfügung, die es heute in Supermärkten und Drogerien gibt. Die Geburt Jesu in der Stadt Davids kam so ganz ohne Luxus und Glamour daher, wäre nicht wirklich Instagram-fähig gewesen und auch kaum für heutige Mami-Blogs geeignet. Doch auch für uns, so bin ich überzeugt, können die Windeln von Betlehem eine weihnachtliche Botschaft sein: Gott ist als Kind zur Welt gekommen. In einer konkreten Situation, in einer konkreten Zeit, mit konkreten menschlichen Bedürfnissen. Nicht in einem utopischen „Friede-Freude-Eierkuchen-Land“. Sondern in einem „Hier und Jetzt“.
 

Ines Klepka leitet das Katholische
Universitäts- und Hochschul-
zentrum (KHG) Hannover. | Foto: privat

Gott ist wirklich einer von uns geworden. Er simuliert das nicht nur. Nein, Jesus Christus ist so richtig, richtig Mensch. Und das ganz konsequent – angefangen bei der Geburt, gewickelt in Windeln, bis hin zu qualvollem Leiden und Sterben am Kreuz.  „Und das Wort ist Fleisch geworden“, heißt es beim Evangelisten Johannes: Jesus ist wahrer Gott. Und wahrer Mensch. Er begegnet uns auf Augenhöhe. Er weiß um unsere menschlichen Bedürfnisse und Gedanken, um unsere Stärken und Schwächen, und er versteht uns. „Himmlische Ruh“ hin oder her.

Mit Gelassenheit ins Weihnachts-Chaos

Und ganz ehrlich: Bei uns in einer Familie mit drei Kindern war es an Weihnachten höchstens dann wirklich still, wenn wir nach köstlichem Festmahl und leckerem Stollen kurzzeitig pappsatt waren – oder wenn wir mal für ein halbes Stündchen mit den neuen Spielsachen, Büchern oder technischen Errungenschaften beschäftigt waren. Zwischendurch war es laut und hektisch, da wurde erzählt und gelacht, diskutiert und miteinander gerungen. Was Menschen halt so machen. Harmonie haben wir auf unsere ganz eigene Art und Weise ausgelegt, und von zweieinhalb Tagen Ruhe wagten unsere Eltern nur zu träumen. Und so wirklich geändert hat sich das in den letzten Jahren auch nur marginal…

Das Fest der Geburt Jesu findet mitten im Leben statt. Und dieses Leben ist selten perfekt. Da kann es eben auch schon mal hoch her gehen und laut werden, da kann es anders laufen als geplant – Maria und Josef hatten sicher auch andere Pläne, damals zur Zeit von Kaiser Augustus. Die Botschaft von dem Kind, das in Windeln gewickelt in der Krippe liegt, gibt mir ein gutes Stück Gelassenheit: Wenn schon die Geburt Jesu so ganz und gar menschlich und auf den ersten Blick eher unharmonisch war, dann ist es auch vollkommen in Ordnung, wenn unsere Lebensläufe, wenn das Zusammensein in der Familie und mit Freunden und wenn auch die Weihnachtstage mal nicht perfekt laufen. Dann kann ich auch damit leben, wenn es laut und hektisch wird, wenn es Diskussionen gibt und ein leichtes Weihnachts-Chaos entsteht. Schließlich kommt es nicht darauf an, ein Abziehbild des perfekten Weihnachtsfestes zu inszenieren. Sondern wir sind eingeladen, dass wir Gottes Mensch-Werdung feiern: Jesus ist in Betlehem auf die Welt gekommen, in Windeln gewickelt, Mensch wie wir, als einer von uns. Er kennt uns, er versteht uns, er ist bei uns. Weihnachten und alle Tage. Frohe Weihnachten!

Ines Klepka