24.03.2014

Regionaldekanat Hannover

Mittendrin im Leben

Einst sollten die Katholiken aus Hannover vertrieben werden. Heute sind sie in einer überwiegend evangelisch geprägten, aber mittlerweile multireligiösen Landeshauptstadt wieder mittendrin im Leben.  

Mit der Weihe der heutigen Basilika St. Clemens begann
im Jahr 1718 das katholische Leben in Hannover.

Bärtige Männer, Frauen mit Kopftüchern, eine buddhistische Nonne mit kahlgeschorenem Kopf, ein unternehmungslustiges Rentnerpaar und ein junger Kreativer mit Pferdeschwanz: Sie alle schütteln sich die Hände und wünschen sich den Frieden. So emotional ist das Miteinander von Menschen aus 160 Nationen und nicht viel weniger Religionsgemeinschaften in Hannover vielleicht nicht immer zu erleben wie am 10. Jahrestag der Terroranschläge des 11. September. Aber die Religionsgemeinschaften haben sich mit dem Forum, dem Rat und dem Haus der Religionen Strukturen des Miteinanders gegeben, die bundesweit einmalig sind – und die katholische Kirche ist mittendrin.

Propst Martin Tenge ist gemeinsam mit einer muslimischen Kollegin Sprecher des Rates der Religionen. Die Sozialpädagogin Cordula Canisius-Yavuz baut im Haus der Religionen Brücken zwischen den katholischen Gemeinden und anderen Gläubigen. Sie organisiert Führungen in der Moschee, der Synagoge oder der Pagode, Programme für Schulklassen und Kochkurse, um andere Religionen auf kulinarischem Weg zu entdecken.  

Happy End einer komplizierten Beziehung?

Wenn 2017 in Hannover, dem Sitz der Evangelischen Kirche Deutschlands und seit diesem Jahr auch dem der Weltorganisation reformierter Kirchen, der 500. Geburtstag der Reformation groß gefeiert wird, dann feiern die Katholiken das Happy End einer komplizierten Beziehung.

Mit Rutenschlägen sollten die Katholiken aus der Stadt vertrieben werden, sah eine Ratsverordnung von 1536 vor. Dass sie mehr als 150 Jahre später wieder eine eigene Kirche bekamen, verdanken sie einem Tauschgeschäft: Herzog Ernst August von Hannover strebte nach der Kurwürde, dem Recht, den deutschen Kaiser mitzuwählen. Sein ehemaliger Hofkapellmeister Agostino Steffani, inzwischen Bischof und „Apostolischer Vikar für den Norden“, sollte für ihn verhandeln. Doch das Multitalent Steffani handelte auch für die Katholiken in Hannover etwas he­raus: 1718 begann mit der Weihe von St. Clemens das katholische Leben neu. Ein Zentralbau im venezianischen Barockstil – damals noch ohne die mächtige Kuppel, die kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu – muss zu dieser Zeit in Norddeutschland eine Sensation gewesen sein. Geweiht werden musste sie allerdings so diskret, dass kein protestantischer Nachbar daran Anstoß nehmen konnte.

Die Gemeinde war damals schon multikulturell: Die Perückenmacherin aus Frankreich, der Tenor aus Italien, Soldaten aus den katholischen Fürstentümern Deutschlands. Seit dieser Zeit ist die katholische Kirche in der Region Hannover noch internationaler geworden. Im November vergangenen Jahres wurde das Katholische Internationale Zentrum Hannover (KIZH) in der Nordstadt eingeweiht. Hier beten und feiern die italienische, spanischsprachige und kroatische Mission und die deutschsprachige Gemeinde St. Maria in gemeinsamen Räumen. Im „Katholisch-Internationalen Familienzentrum St. Maria“ spielen und lernen Kinder mit und ohne Mig­rationshintergrund, die Eltern erhalten qualifizierte Beratung. Auch wenn die Zuwanderer im Alltag ganz selbstverständlich Deutsch sprechen, ist KIZH-Koordinator Markus Breuckmann überzeugt: „Fluchen, Rechnen und Beten – das tut man in der Muttersprache.“

Katholikenzahl im Dekanat steigt an

Hannover wächst – und die katholische Kirche wächst mit. Familien, Studierende und junge Arbeitnehmer ziehen an die Leine und tragen dazu bei, dass die Katholikenzahl im Dekanat seit 2011 kontinuierlich steigt. Und die Kirche ist jung: Unter den 18- bis 29-Jährigen in Hannover ist der Katholikenanteil mit knapp 16 Prozent am höchsten. Die Gemeinschaft „Exodus“, die sich einmal im Monat an wechselnden Orten zur Eucharistie mit Lobpreis-Liedern, moderner Licht-Regie und anschließendem Beisammensein trifft, zieht immer mehr junge Erwachsene an.

Zur Internationalität Hannovers tragen auch der Flughafen bei und die Messen, während denen die Stadt für einige Tage schwirrt von fremden Sprachen und neuen Gesichtern. Die ökumenische Messekirche und die Flughafenkapelle bieten Orte, um zur Ruhe zu finden.

An diesen Gebetsorten prägen Laien das Gesicht der katholischen Kirche – und an immer mehr entscheidenden Stellen in den Gemeinden.  Vier Frauen und neun Männer sind als Beerdigungsleiterinnen und -leiter aktiv. Betina Schenk aus der Gemeinde St. Maria Immaculata in Wedemark-Mellendorf ist eine von ihnen. „Nach jedem Trauergespräch und jeder Trauerfeier habe ich das Gefühl: Hierfür lohnt es, mich zu engagieren“, sagt sie. Sie ist jedes Mal berührt von den Lebensgeschichten, die sie mit den Familien teilt – und wünscht sich von der Kirche mehr Mut, gerade die Berufungsgeschichten von Frauen ernst zu nehmen.

Anne Beelte

 

Gemeinden

Das Regionaldekanat wurde im Jahr 2007 aus vormals sechs hannoverschen Dekanaten zusammen gelegt. Es umfasst den Bereich der politischen Region Hannover sowie der Pfarrgebiete von Nienburg (Landkreis Nienburg/Weser) und Schwarmstedt (Landkreis Heidekreis).

Zum Regionaldekanat Hannover gehören derzeit 27 Gemeinden mit insgesamt rund 153 000 Katholiken. 10 Gemeinden gehören zum Stadtgebiet der Landeshauptstadt: 

 

Einrichtungen

Im Dekanat gibt es 37 katholische Kindertagesstätten.

Katholische Schulen gibt es im Grundschulbereich in Lehrte (St. Bernward) sowie in Hannover (Bonifatiusschule, Eichendorffschule, Kardinal-Bertram-Schule und Kardinal-Galen-Schule). In kirchlicher Trägerschaft befinden sich die Ludwig-Windthorst-Schule (Haupt- und Realschule, künftig Oberschule) und das Gymnasium
St. Ursula. 

Angebote der Citypastoral gibt es im ka:punkt. In dem Haus in Hannovers Fußgängerzone befinden sich Beratungsstellen des Caritasverbandes und des Bistums.

Das Katholische Internationale Zentrum Hannover ist Anlaufstelle für Katholiken anderer Muttersprachen.

Jugendliche und junge Erwachsene finden Ansprechpartnern im Jugendpastoralen Zentrum Tabor und im Katholischen Universitäts- und Hochschulzentrum (KHG).

Der Caritasverband Hannover unterhält zahlreiche Unterstützungsangebote für Kinder bis Senioren.

Für Kranke und Alte stehen das Vinzenzkrankenhaus, das Hospiz Luise sowie die Seniorenheime St. Monika und Marienhaus zur Verfügung.

Hilfsbedürftige finden eine Unterkunft im Männerwohnheim Kolpinghaus.

Bildungsangebote machen die Katholische Familienbildungsstätte (Fabi)  und die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) Region Hannover. Für Seminare und Tagungen steht das Tagungshaus St. Clemens zur Verfügung.

Ökumene und der Interreligiöse Dialog werden lebendig in gemeinsam getragenen Einrichtungen wie dem Second-Hand-Kaufhaus fairKauf, der Ökumenische Bahnhofsmission und dem Haus der Religionen.

 

Orden

Im Dekanat vertreten sind die Gemeinschaften Cella St. Benedikt, Congregatio Jesu, Gemeinschaft Apostolischen Lebens, Gemeinschaft Jesu (Haus Immanuel), Karmelitinnen, Kleine Schwestern der hl. Theresia, Kleine Schwestern Jesu, Salesianer Don Boscos, Oratorianer und die Vinzentinerinnen.

 

Weitere Informationen gibt es im Internet: www.kath-kirche-hannover.de