02.11.2017

Nicht allein gelassen

Besonders im November mit den Gedenktagen Allerseelen und dem Totensonntag erinnern die Kirchen an die Verstorbenen. Dazu gehört auch die Gräbersegnung. Eines von vielen Zeichen in der katholischen Kirche, die mit Sterben, Tod, Trauer und Trost zu tun haben, sagt Domvikar Roland Baule, Leiter der Abteilung Liturgie im Bistum Hildesheim.

Domvikar Roland Baule leitet das Referat Liturgie
im Bischöflichen Generalvikariat. | Foto: Archiv

In allen Lebensphasen des Menschen ist, wenn es gewollt wird, die Kirche da, um ihn zu begleiten. Gilt das auch für den letzten Lebensabschnitt – das Sterben und den Tod?

Dafür gilt es in ganz besonderer Weise. Wenn ein Mensch stirbt, sind viele Gefühle da: Abschiedsschmerz, Angst, Trauer, vielleicht auch Schuld und Hilflosigkeit. Gebete und Zeichen können helfen, diese Gefühle auszudrücken und mit ihnen umzugehen. Als Glaubende haben wir ja eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht; wir müssen angesichts des Todes nicht sprachlos sein. In den kirchlichen Gebeten und Zeichen kommt das zum Ausdruck.

Was für Zeichen und Gebete sind das?

Da sind das Gebet und der Segen am Sterbebett – das können alle Getauften tun. Entsprechende Gebete finden sich im Gotteslob oder man greift auf das zurück, was einem selbst oder dem Sterbenden wichtig ist, vielleicht ein bestimmter Psalm oder auch das Rosenkranzgebet. Ein Segenskreuz mit Weihwasser macht bewusst, dass der sterbende Mensch getauft und von Gott angenommen ist. Vielen ist es wichtig, noch einmal die Kommunion zu empfangen – wir kennen in diesem Zusammenhang den Ausdruck Wegzehrung. Wurde der sterbende Mensch regelmäßig von einem Kommunionhelfer besucht, wäre es eine schöne Geste, wenn er oder sie dies übernehmen würde. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Beichte für viele Sterbende eine befreiende Wirkung haben kann. Noch einmal vor Gott zu bringen, was belastend ist, kann das Sterben leichter machen. Gebet und Segen, Beichte und Kommunion sind in der letzten Phase des Lebens starke Zeichen der Liebe Gottes. Sie bringen ganz intensiv zum Ausdruck, dass Gott sich dem sterbenden Menschen zuwendet.

Und nach dem Sterben?

Wenn wir vom Sterben zu Haus sprechen, halte ich es für wichtig, den Verstorbenen nicht einfach schnell abtransportieren zu lassen, sondern ihn aus der Hausgemeinschaft zu verabschieden. Eine kurze Totenwache, ein Inne­halten, gemeinsam das Vater­unser zu beten hilft, Abschied zu nehmen und gibt Hoffnung angesichts des Todes. Auch Krankenhäuser und Altenheime haben heute fast alle einen Abschiedsraum, wo ein würdevoller Abschied möglich ist; und auch Friedhofskapellen und Leichenhallen bieten diese Möglichkeit an.

Welche Rolle hat das Requiem innerhalb der kirchlichen Trauerfeier?

Eine katholische Beerdigung ist eine Art Stationsgottesdienst. Im Idealfall gibt es mehrere Stationen: den persönlichen Abschied in der Wohnung oder im Heim, die öffentliche Trauerfeier in der Friedhofskapelle, die Beisetzung am Grab. Auch das „Requiem“ – offiziell heißt es heute „Messfeier zum Begräbnis“ – ist eine solche Station. Am Tag der Beerdigung oder in zeitlicher Nähe feiert die Gemeinde, zu der der verstorbene Mensch gehört hat, Eucharistie, im wörtlichen Sinn also „Danksagung“, für diesen Menschen. Noch tiefer greift, dass wir uns in dieser Feier mit dem Lebensschicksal Jesu verbinden – mit seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. So wird der verstorbene Mensch hineingenommen in die Verheißung Gottes: Christus hat dich ins Leben gerufen, wie er bist du gestorben, wie er wirst du auch zum ewigen Leben auferstehen.

 

Die Trauerfeier ist ein Stationsgottesdienst mit bis
zu drei Stationen: Kirche – Friedhofskapelle – Grab.

Warum wird der Sarg bei der Trauerfeier mit Weihwasser besprengt sowie mit Weihrauch beräuchert und das Kreuz über das Grab gehalten?

Die Besprengung mit Weihwasser ist Taufgedächtnis. Die Leiterin oder der Leiter des Begräbnisses spricht dazu: „Der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat.“ Wenn nicht nur der Sarg, sondern auch die Trauergemeinde mit dem Taufwasser besprengt wird, wird erfahrbar, dass wir auch über den Tod hinaus verbunden bleiben. Der Weihrauch ist Zeichen der Hochachtung und Verehrung – auch für den Leichnam! Es heißt dazu: „Dein Leib war Gottes Tempel.“ – und wir glauben an die Auferstehung des Leibes. Über dem Grab wird dann ein Kreuz aufgerichtet. Es ist ein schönes Zeichen, wenn ein Gemeindemitglied dazu ein Vortragekreuz mitträgt. Das Kreuz ist das Hoffnungszeichen schlechthin: Der Tod hat nicht das letzte Wort, Christus hat den Tod überwunden.

Die Lieder und Gebete sprechen von Hoffnung, von Trauer und Abschied. Was zeichnet gerade diese christlichen Texte aus?

Mir erscheinen zwei Aspekte wichtig. Zunächst: Uns steht der Himmel offen. Das ist eine unerhörte Hoffnung angesichts des Todes! Und dieser Glaube macht es uns vielleicht auch einfacher, über ein so schmerzhaftes Thema wie Schuld zu sprechen. Im Leben bleiben wir uns alle gegenseitig etwas schuldig. Auch das gehört zum Tod. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns hilft bei der Bewältigung der Schuld.

Endet die Trauerliturgie mit dem Begräbnis?

Nein, als Kirche sind wir ja sozusagen Erinnerungsgemeinschaft. Im Monats- und Jahresrhythmus denken wir an unsere verstorbenen Schwestern und Brüder, zum Beispiel jetzt an Allerseelen beziehungsweise Allerheiligen. Darüber hinaus erfahren es viele Angehörige als große Wertschätzung, wenn die Namen ihrer Verstorbenen noch einmal öffentlich genannt werden, z. B. an Jahrestagen oder bei Familienfeiern. Auch das ist ein Hoffnungszeichen: Wir haben einen Namen bei Gott – über den Tod hinaus.

Interview Edmund Deppe