30.06.2016

Warum demografischer Wandel auch eine Chance ist: Nachfragen bei Professor Dr. Axel Priebs

Nicht so düster, wie es scheint

Niedersachsen wird sich bis zum Jahr 2030 verändern. So viel ist klar. Was genau den demografischen Wandel ausmacht, weiß Dr. Axel Priebs, Vorsitzender des „Zukunftsforums Niedersachsen“, dem Demografie-Beirat der Landesregierung.

Mit Humor hat sich die Caritas bei der Jahresaktion 2015 an ein zentrales gesellschaftliches Thema gewagt: den demografischen Wandel und seine Auswirkungen – wie den Schwund der Menschen auf dem Land. Plakat: Caritas/Christian Schoppe

Beim demografischen Wandel gilt die Faustformel: Wir werden weniger, älter und bunter. Stimmt das für Niedersachsen?

Ja, auf das ganze Land bezogen ist das richtig. Weil weniger Kinder geboren werden und die Lebenserwartung steigt, erhöht sich der Altersdurchschnitt. Die niedersächsische Bevölkerungszahl wird sich deutlich reduzieren. Auch bunter werden wir – durch überregionale und internationale Migration, aber auch durch eine Ausdifferenzierung von Weltanschauungen und Lebensstilen. Kompliziert wird es aber dadurch, dass sich diese Veränderungen in Niedersachsen regional sehr unterschiedlich vollziehen, sogar innerhalb von Regionen gibt es erhebliche Abweichungen. Gerade Zu- und Abwanderungen zeigen erhebliche Unterschiede auf, internationale Wanderungen sind schwer zu prognostizieren. Und auch in der natürlichen Bevölkerungsentwicklung, bei den Geburtenzahlen, gibt es in Niedersachsen Unterschiede.

Städte wachsen, Dörfer verkümmern. Eine weitere dieser Faustformeln. Ist das nicht für ein Flächenland wie Niedersachsen eine düstere Vision?

Ganz so eindeutig ist die Situation nicht. Zwar leiden die Dörfer unter dem drastischen Beschäftigungsrückgang in der Landwirtschaft, doch sind Dörfer auch beliebte Wohnstandorte für Zuzügler – zumindest im Umland der Großstädte und in prosperierenden ländlichen Räumen. Umgekehrt gibt es auch große Städte, die von Strukturwandel und Abwanderung betroffen sind. Und bei Dörfern mit Problemen ist es unterschiedlich, wie die Menschen damit umgehen. Überall in Niedersachsen gibt es gute Beispiele, wie gerade in Dörfern durch zivilgesellschaftliche Initiativen viel Lebensqualität geschaffen wird. Wenn es keinen Dorfladen mehr gibt, werden beispielsweise in genossenschaftlichen Strukturen neue Läden gegründet. Da gibt es viele Beispiele, die Hoffnung machen!

Bildung gilt als der entscheidende „Rohstoff“ in Deutschland. Aber Kinder werden weniger. Wie die Kita und die Schule in der Nachbarschaft halten?

In Regionen, die stark von Schrumpfung betroffen sind, sind viele Standorte bedroht, was auch längere Wege bedeutet. Aber wir haben uns im Zukunftsforum auch mit Kooperationsprojekten befasst, die dem entgegenwirken sollen, zum Beispiel  dem Schulverbund im Wendland. Und ich bin persönlich der Überzeugung, dass auch zwischen Kitas und Schulen noch viel mehr Synergien geschaffen werden können.
 

Axel Priebs ist Vorsitzender des Zukunftsforums Niedersachsen, des Demografie-Beirats des Landes.

Wenn die Gesellschaft im Durchschnitt älter wird, steigt der Bedarf an Pflege. Doch der Beruf hat ein schlechtes Image. Wird Pflege damit ein Fall für die Sozialwirtschaftsförderung?

Nach meiner Einschätzung werden die Leistungen in sozialen Berufen einschließlich der Pflege generell zu wenig anerkannt. Wir müssen vermitteln, dass in diesen Berufsgruppen, die mit Menschen arbeiten, eine gute Ausbildung notwendig ist. Gleichzeitig können sie zu Recht gesellschaftliche Wertschätzung und faire Bezahlung erwarten. Bis das überall in der Pflege so weit ist, müssen wir uns tatsächlich verstärkt darum bemühen, dass Menschen diese Arbeit machen.

Bunter bedeutet: Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Kann eine Kommune bewusst auf Zuwanderung setzen, um ein „demografisches Defizit“ auszugleichen?

Neben der humanitären Motivation ist es legitim, wenn Kommunen mit der Zuwanderung auch die Abwanderung der eigenen Bevölkerung ausgleichen wollen. Dabei darf man aber nicht unterschätzen, was das bedeutet: Zuwanderer können nur integriert werden, wenn sie auch eine Arbeit finden. Allerdings sind viele Menschen der angestammten Bevölkerung gerade deswegen abgewandert, weil sie keine berufliche Perspektive für sich fanden.

Was braucht es für eine gelingende Integration von Zuwanderern? Deutschkenntnisse sind längst nicht alles.

Deutschkenntnisse sind notwendig, aber in der Tat nicht ausreichend. Eine große Frage ist häufig, ob die im Heimatland erworbene Ausbildung hiesigen Ansprüchen der Wirtschaft genügt. Da ist Aus- und Fortbildung gefragt. Darüber hinaus ist es fundamental, dass Zuwanderer unsere Regeln des Zusammenlebens kennen und respektieren. Und sowohl bei Zuwanderern als auch bei der schon ansässigen Bevölkerung sind Offenheit und Interesse an den anderen Menschen erforderlich – gerade für uns Christen sehe ich da eine besondere Verpflichtung.

Beim „demografischen Wandel“ schwingt immer die Vorstellung einer düsteren Zukunft mit. Was ist für Sie das Gute an der Veränderung?

Der Umgang mit dem demografischen Wandel sorgt vielerorts für ungeahnte Kreativität und gelegentlich originelle Lösungen. Manchmal werden damit auch veraltete und wenig leistungsfähige Strukturen optimiert. Und man darf nicht vergessen, dass auch Bevölkerungswachstum Probleme mit sich bringen kann – in den betroffenen Regionen steigt der Druck auf den Wohnungsmarkt, sind die Schulklassen größer und ist auch sehr viel Anpassung in allen Lebensbereichen erforderlich. Gute Lebensqualität ist nicht davon abhängig, dass eine Kommune oder Region wächst!

Welche Akzente kann das Zukunftsforum als eher beratendes Gremium politisch setzen?

Nichts ist nach meiner Überzeugung stärker als das gute Beispiel. Nicht nur Menschen, auch Kommunen und Kirchengemeinden können voneinander lernen. Deswegen ist unser Hauptziel, gute und erfolgreiche Projekte im Umgang mit dem demografischen Wandel publik zu machen. Außerdem wollen wir der Landesregierung Handreichungen geben, wo sie gute Ansätze unterstützen und fördern kann. Da muss es nicht immer um Geld gehen, häufig helfen auch rechtliche und organisatorische Unterstützung.

Welche Rolle können und sollen die Kirchen und Wohlfahrtsverbände beim demografischen Wandel ausfüllen?

Staatliche Strukturen sind wichtig und unverzichtbar. Aber ohne zivilgesellschaftliches Engagement würde unsere Gesellschaft nicht mehr funktionieren. Für mich stehen gerade die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände dafür, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und gerade in denjenigen Regionen, die stark von Schrumpfung und Alterung betroffen sind, haben sie eine tragende Bedeutung für die Aufrechterhaltung menschenwürdiger Lebensverhältnisse vor Ort. Aber das bedeutet natürlich trotz stark ehrenamtlich geprägter Strukturen auch, dass sie finanziell leistungsfähig sein müssen – durch Beiträge ihrer Mitglieder oder durch den Transfer von Mitteln aus boomenden Regionen.

Interview: Rüdiger Wala