28.09.2017

Nonne im Geheimen

Die Oktoberrevolution hat für die Kirche über Jahrzehnte hinweg fatale Folgen: Unter kommunistischer Herrschaft werden Gotteshäuser geschlossen und Geistliche ermordet. Für die Weitergabe des Glaubens sorgen oft ältere Frauen. Die Ukrainerinnen Olha Köpp und Nataliia Michajluk erinnern sich.

Erreichte auf Umwegen die Ukraine: Ein in Paderborn
gedrucktes Gebetbuch in kyrillischer Schrift befand
sich im Besitz des Großvaters von Olha Köpp (kleines
Bild).| Fotos: Nestmann

Nataliia Michajluk (39), Frau des Ukrainisch-Unierten Priesters Ivan Michajluk, stammt aus der ukrainischen Kleinstadt Nowi Strilyschtscha. Sie ist Musikpädagogin und leitet den Chor der ukrainisch-unierten Kirche St. Wolodymyr in Hannover-Misburg. Ihr Heimatort liegt in der Westukraine, die bis Ende des Ersten Weltkrieges zur österreichischen Provinz Galizien, danach zu Polen, ab September 1939 zur Sowjetunion gehörte, im Sommer 1941 von deutschen Truppen besetzt und im Jahr 1944 von der Roten Armee zurückerobert wurde. Der Ort erlebte viele Deportationen nach Sibirien. Nataliia Michajluk sagt: „Dafür reichte nach dem Krieg schon das Singen eines ukrainischen Weihnachtsliedes in der Öffentlichkeit.“ Ihr Großvater war wegen Mitgliedschaft in der für eine unabhängige Ukraine kämpfenden Untergrundbewegung UPA zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Er arbeitete zehn Jahre im Uran-Bergbau und wurde dann entlassen.

 

Olha Köpp

Schikaniert und bewundert

Nataliia Michajluk zeigt ein Porträtbild: „Das ist meine Großtante Olha Horyn. Ihr verdanke ich viel an religiösem Wissen. Geboren wurde sie am 20. Januar 1920 in eine fromme Familie mit zwölf Kindern. Ihr Vater war Diakon und Kantor, ihr Bruder Priester. Meine Großtante war Schulleiterin in den umliegenden Dörfern. Dann, unter den Kommunisten, ging das nicht mehr. Ab 1950 arbeitete sie als Buchhalterin an der Medizinischen Hochschule in Lemberg. Olha betete viel und fastete, wofür sie von Kollegen oft verhöhnt und schikaniert wurde. Aber sie wurde auch bewundert, weil sie ihren Glauben weiter bekannte, als es die meisten anderen Menschen nicht mehr wagten.“ Schließlich geht Olha Horyn einen gefährlichen Weg: Sie wird Nonne im Untergrund. Nach außen geht sie weiter ihrer normalen Arbeit nach, tatsächlich ist sie eine Ordensfrau.

An ihrem Todestag in Nonnentracht

1978 tritt sie der Gemeinschaft des Heiligsten Herzens Jesu bei und nimmt den Ordensnamen Anhelyna an. Sie hilft zwei alten Patres, den Haushalt zu führen und bereitet für sie die Liturgie vor. Das alles ist illegal und kann schnell zu Haft in einem Straflager führen. Deshalb ist strikte Geheimhaltung gefordert. „Nicht einmal mein Vater, nur meine Mutter wusste, dass die Großtante Nonne geworden war. Wir erfuhren das erst am 3. Dezember 1991, ihrem Todestag. Als sie zur Totenfeier aufgebahrt dalag, sah ich sie zum ersten und einzigen Mal in ihrer Nonnentracht“, berichtet Nataliia Michajluk.
 

Nataliia Michajluk

Den Glauben im Geheimen zu leben, das hatte auch die Logopädin Olha Köpp (45) in ihrer Kindheit in der Kleinstadt Muschylew gelernt. Die mit einem deutschen Katholiken verheiratete Angehörige der Ukrainisch-Unierten Gemeinde St. Wolodymyr ist eine entfernte Großnichte des Kardinals Jossif Slipyj. Dieser war nach dem Krieg 18 Jahre lang in Sibirien inhaftiert. In der Hand hält Olha Köpp ein Gebetbuch der Ukrainisch-Unierten Kirche. Es ist auf einfachstem Nachkriegspapier im Jahr 1947 beim Verlag Schöningh in Paderborn gedruckt worden. Olha Köpp sagt: „Es war im Besitz meines Großvaters. Es ist eines jener kostbaren religiösen Bücher, die auf abenteuerlichen Wegen aus dem Westen in die Sowjetunion geschmuggelt wurden. Wie das bei diesem Buch gelaufen ist, weiß ich aber nicht.“

Olha Köpp erinnert sich: „Schon als kleines Mädchen lernte ich: Zu einer älteren Frau mit Kopftuch darfst Du „Grüß Gott“ sagen, zu einer jüngeren Frau nicht. Es war eine Erziehung zur Schizophrenie.“ Olha Köpps Eltern sind Kolchose-Bauern, und ihre Kinder sollen einmal bessere Chancen haben als sie selbst. Offen praktizierter christlicher Glaube aber macht die Anstellung in einem qualifizierten Beruf zunichte. „Du wirst ihnen nicht wie uns die gesamte Zukunft versauen“, sagt Olha Köpps Mutter zu ihrer eigenen Mutter.
 

 Die Geheime Nonne: Olha
Horyn

Oma Anna Schkirka zieht eine klare Kante. Sie will den Kommunisten nicht klein beigeben. Sie und ihr Mann waren wohlhabende Bauern gewesen, hatten kräftige Arbeitspferde gezüchtet – und die ukrainische Untergrundbewegung UPA unterstützt. Von den Kommunisten sind sie enteignet worden. Ihr Mann, Olha Köpps Großvater, war von den NKWD-Soldaten beim Verhör so schwer misshandelt worden, dass er zwei Tage später starb. Die Oma hatte in einem günstigen Moment fliehen können, war durch einen eisigen Bach gewatet, um die Spürhunde abzuschütteln und hatte sich zwei Jahre lang an den verschiedensten Stellen versteckt gehalten, bis die Luft wieder rein war.

Messehören auf Radio Vatikan

Weil die Ukrainisch-Unierte Kirche verboten ist, nimmt Oma Anna Schkirka ihre Enkelin mit in die Russisch-Orthodoxe Kirche. Olha Köpp erinnert sich: „Das ging bis zum Schuleintritt so, dann nur noch einmal. Da war ich sieben Jahre alt. Die Oma und ich gingen zusammen in die Feier der Russisch-Orthodoxen Osternacht. Das war ergreifend und wunderschön. Als ich am Montag wieder in die Schule ging, war mein Besuch der Ostermesse bereits bekannt. Ein Junge und ich waren die einzigen Kinder der Schule, die dabei gewesen waren. Ich wurde von der Lehrerin nach vorne gerufen und dort eine Stunde lang vor der ganzen Klasse fertiggemacht. Danach habe ich mich nicht mehr getraut, in die Kirche zu gehen.“

Aber für die kleine Olha gibt es einen Ausweg. Sonntags zur Oma gehen und Radio hören. Sie schalten auf die Frequenz von „Radio Vatikan“. Von dort erklingt, immer mal wieder durch Geräusche sowjetischer Störsender überlagert, der Gesang aus der Messfeier der Ukrainisch-Unierten Kirche St. Sofia in Rom. Stehend, eine brennende Kerze auf dem Tisch und die Hände gefaltet, feiern Oma und Enkelin die Messe mit.

Tillo Nestmann

 

 

Kirche in Martyrium und Untergrund

Die Oktoberrevolution zwang Christen aller Bekenntnisse zu einem über 60 Jahre dauernden Überlebenskampf. Von Anfang an sah die Kommunistische Partei das Christentum als seinen Feind und bekämpfte es mit allen Mitteln. Hunderttausende wurden wegen ihres Glaubens liquidiert oder starben in Lagern. Trotz aller Unterdrückung blieb die Kirche am Leben.

Für den Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin war die Sache schon vor der Revolution klar. In seinem Werk „Sozialismus und Religion“ schrieb er im Jahr 1905: „Die Religion ist das Opium des Volkes. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.“ Die Partei- und Staatsführung erlässt eine Reihe von Gesetzen und Erlassen, welche den Gläubigen ihr Glaubensleben so schwer wie möglich machen sollen. Und von Anfang an, schon in der Revolutionszeit setzt sie auf Mord und Folter, um ihr Ziel zu erreichen.

Alle Religionsgemeinschaften sind betroffen. Am schwersten leidet die Russisch Orthodoxe Kirche. Vor 1917 hatte sie in ganz Russland 54 174 Kirchen, 26 000 Kapellen und 1025 Klöster. Im Jahr 1936 gibt es noch 100 Kirchen, in denen noch regelmäßig eine Heilige Messe gefeiert wird. Klöster gibt es nicht mehr. Für die Russische Orthodoxen war das Jahr 1922 das schlimmste: 2691 Priester, 1962 Mönche und 3447 Nonnen wurden zum  Tode verurteilt, 15 000 Geistliche ohne Urteil hingerichtet.

Insgesamt wurden 96 000 Priester, Mönche, Nonnen und kirchliche Mitarbeiter erschossen. Ab 1929 wird der Druck religiöser Bücher verboten.

Nach sowjetischem Religionsgesetz waren Kirche und Staat getrennt. Der Kirche war nur der Kultus, nicht aber eine soziale Tätigkeit gestattet. Eine religiöse Unterweisung durfte nur für Menschen ab vollendetem 18. Lebensjahr erfolgen. Die atheistische Propaganda  berieselte die Menschen schon ab dem Grundschulalter. Ihr durfte nichts, auch keine Argumente entgegengehalten werden.
 

Die unierten Ukrainer

Die Griechisch-Katholischen Kirche wird auch Ukrainisch-Unierte Kirche genannt. Sie ist eine Kirche des byzantinischen Ritus und erkennt den Papst und die römisch-katholischen Lehrentscheidungen an. Zwischen der Römisch-Katholischen und der Ukrainisch-Unierten Kirche besteht Sakramentengemeinschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ukrainisch-Unierte Kirche in der Sowjetunion verboten, ihre Gotteshäuser wurden entweiht oder der Russisch-Orthodoxen Kirche übereignet. Erst im Jahr 1989 wurde sie wieder zugelassen.