Das Krankenhausschiff "Africa Mercy"

Operationen an Bord

Brandverletzungen, Tumore, orthopädische Operationen: Ein Besuch auf dem größten Krankenhausschiff der Welt, der "Africa Mercy".

Nick Cash ist Kaplan der Freien Methodistischen
Kirche und arbeitet derzeit auf der "Africa Mercy".
Foto: kna

Nick Cash grüßt immer wieder Kollegen und bleibt für ein kurzes Gespräch stehen. Der 37-jährige US-Amerikaner, ein freundlicher, ruhiger Typ aus Georgia, ist Kaplan der Freien Methodistischen Kirche. Doch sein Arbeitsplatz ist kein Gotteshaus in den Südstaaten. Manchmal, wenn er durch die langen, schmalen Flure geht, schwankt unter ihm der Boden.

Denn seit 2012 ist Cash Kaplan auf der "Africa Mercy", dem größten Krankenhausschiff der Welt. Acht Monate lang hatten er, seine Frau und die drei Kinder überlegt, einen sicheren Job in den USA aufzugeben und zumindest für eine gewisse Zeit Freunde und Familie zu verlassen. Bis heute fühle sich die Entscheidung richtig an. "Ich bin sehr frei in meiner Arbeit", sagt Cash, der seinen Teil zur christlichen Seefahrt leistet. Auf seinem Dampfer bereitet er Bibelstunden und Gottesdienste vor.

 

Die Menschen behandeln, denen sonst nicht geholfen würde

Logo am Schiff der "Africa Mercy"
Foto: kna

Seit August 2016 liegt das Schiff im Hafen der beninischen Wirtschaftsmetropole Cotonou und wird anschließend Douala in Kamerun ansteuern. Ziel ist es, in Benin bis zur Weiterreise im Juni 2000 Menschen zu operieren, denen sonst kaum jemand helfen würde. Bis Mitte März waren es bereits 1.344 Eingriffe. Im Fokus stehen besonders Lippen- und Gaumenspalten, die Entfernung von Tumoren und orthopädische Operationen. Fünf Operationssäle und 82 Krankenbetten gibt es an Bord.

Nick Cash ist für die mehr als 350 Besatzungsmitglieder ein wichtiger Ansprechpartner. Alle sind ehrenamtliche Helfer der christlichen Organisation Mercy Ships, die 1978 gegründet wurde. Sie arbeiten nicht nur unentgeltlich, sondern kommen sogar für Kost und Logis auf. Häufig unterstützen Familien oder Heimatgemeinden. Manche verbringen zwei Wochen auf dem Schiff, andere wie Cash bleiben Jahre.

Konflikte bleiben nicht aus. "Die persönliche Gesundheit und die der Gemeinschaft sind ständig Thema", sagt der Kaplan. Zwar besitzt das Schiff, das einst als Eisenbahnfähre "Droning Ingrid" Dänemark mit Deutschland verband, modernes Krankenhausequipment. Es gibt Kindergarten und Schule, Vollverpflegung, Shops und ein Cafe. Doch eine eigene Kabine hat niemand, Dreierkabinen gelten schon als Luxus. "Wir geben das Signal: Ihr könnt immer mit uns sprechen", so Cash. Ohne Aussprache, würden häufig schon Kleinigkeiten eskalieren. Trotzdem werde der Aufenthalt für viele zu einer Art Droge und deshalb verlängert.

 

Auch die Mitarbeiter auf dem Schiff brauchen den Kaplan

Saidu wurde mit schweren Brandverletzungen eingeliefert.
Foto: kna

Zwei Stockwerke tiefer sitzt Saidu Bani am Tisch und malt. Dabei verfolgt er alles, was in dem Patientenzimmer passiert. Nur das Sprechen fällt dem Elfjährigen ebenso schwer wie Bewegungen. Saidus Oberschenkel, der linke Arm und der Hals sind verbunden. Ihm ist das geschehen, was vielen Kindern in ländlichen Regionen Westafrikas widerfährt: Er ist zu Hause ins offene Feuer gefallen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich 265.000 Menschen durch Brandverletzungen, die meisten in ärmeren Ländern.

Saidus Vater erinnert sich noch gut an jenen Tag. Seine Mutter wollte Sheabutter zubereiten. Saidu ist gestolpert und mitten in die Flammen gestürzt. Sechs Monate lang wurde der Junge aus Kandi im Norden Benins in einem Krankenhaus behandelt. Doch die Haut wuchs nicht richtig zusammen. "Saidu war nicht mehr wie früher", sagt sein Vater. Jetzt hofft die Familie, dass Saidu wieder zur Schule gehen und später arbeiten kann. Ein Sozialsystem gibt es nicht in Benin, Kranke und Behinderte sind voll auf die Familie angewiesen.

Manchmal sind die Erlebnisse auf der "Africa Mercy" so einschneidend, dass Crewmitglieder mit Kaplan Cash darüber sprechen wollen. "Besonders in den Zeiten, in denen wir große Erstuntersuchungen hatten, war das der Fall", erinnert er sich. An einigen Tagen sahen Ärzte und Krankenschwestern 3.000 bis 5.000 Patienten. Für manche Mitarbeiter eine überwältigende Situation.

Für Nick Cash, der nach dem Einsatz in Benin zurück in die USA gehen wird, überwiegen indes die schönen Momente. Etwas ganz Besonderes sei das Zusammenleben mit Menschen, die aus bis zu 40 verschiedenen Nationen kommen. "Alle haben sie ihre eigene Art, Gottesdienste zu feiern. Und trotzdem kommen wir in einem Raum zusammen."

kna