10.03.2017

Partner auf Augenhöhe

Seit schon fast zehn Jahren setzen sich die beiden Mediziner Ricarda und Udo Niedergerke in Stadt und Region Hannover mit einer Stiftung für Menschen in Not ein. Ihr Glaube an Gott ist für die beiden dabei eine wichtige Motivation. Dass sie sich selbst vermarkten müssen, damit ihre Stiftung erfolgreich ist, war für beide zunächst ungewohnt.

Das Arztehepaar Dr. Ricarda und Dr. Udo Niedergerke engagiert sich für Menschen in Not.  |  Fotos: Marie Kleine

Eine Stiftung gründen, die den eigenen Namen trägt? Für Dr. Ricarda und Dr. Udo Niedergerke war das 2008 eigentlich nicht denkbar. Die beiden Ärzte – sie Gynäkologin, er Internist – waren gerade in den Ruhestand getreten. Und sie wollten sich engagieren. „Für uns war der Beruf das Leben. Von morgens sieben bis abends sieben Uhr waren wir in unseren Praxen und ich habe dann zum Teil noch Hausbesuche gemacht“, sagt Udo Niedergerke.„Als wir aufgehört haben zu arbeiten, haben wir einmal tief durchgeatmet und dann gesagt, wir machen jetzt weiter das, was wir als Mediziner gelernt haben: Menschen in Not helfen.“

Da ihnen immer wieder aufgefallen war, dass wenige obdachlose Menschen in ihre Arztpraxen kamen, weil sie sich dort nicht wohl fühlten, wollte das Paar sich um diese Gruppe mit ihrer Stiftung besonders kümmern. Statt sich also zurückzulehnen und ihren Lebensabend mit ihrer Kunstsammlung zu genießen, fingen sie an zu planen. Sie versteigerten die Kunstwerke, die in ihren Praxen hingen und gründeten von dem Geld die Stiftung. Doch bald zeigte sich, dass die beiden auch als Personen auftreten müssen, um Spenden zu sammeln.

„Wir wollten uns nie in die vordere Reihe drängeln!“

„Wir wollen nicht die Gutmenschen sein, die sich mit ihren Namen in die vorderste Reihe drängen. Aber wir müssen betteln gehen, um Projekte zu verwirklichen und die Stiftung zum Erfolg zu führen“ sagt Udo Niedergerke nachdenklich. „Das war für uns ein schwieriger Spagat. Aber schließlich haben wir die Stiftung, die wir 2008 als Treuhandstiftung der Bürgerstiftung Hannover gegründet haben, nach uns benannt. Weil uns viele Menschen durch unsere Praxen und meine Arbeit in Berufsverbänden kennen.“ Und seine Frau Ricarda sagt lachend: „Wir haben da einen Prozess durchgemacht, jetzt sind wir mittlerweile völlig skrupellos.“

Und diese „Skrupellosigkeit“ scheint die beiden zum Erfolg zu führen: Im vergangenen Jahr konnte ihre Stiftung 50  000 Euro an Fördergeldern vergeben. Zum Beispiel an Projekte des Caritasverbandes, der Malteser Migranten Medizin und anderer Wohlfahrtverbände. „Wir setzen uns vor allen Dingen für Menschen ein, die keine Krankenversicherung haben, obdachlos sind oder von Migration betroffen sind“, erklärt Ricarda Niedergerke. „Durch unseren persönlichen Hintergrund werden wir besonders oft angefragt, wenn es um medizinische Fragen geht.“ Ministerpräsident Stephan Weil ist Schirmherr ihrer Stiftung.
 

Ricarda und Udo Niedergerke sitzen fast täglich in ihren Büros und arbeiten für die Stiftung. „Meistens sind das aber nur drei oder vier Stunden am Tag“, sagt Udo Niedergerke.

Seit vier Jahren organisieren die beiden eine jährliche musikalisch-artistische Benefizveranstaltung im GOP Varieté-Theater in Hannover, um Spenden zugunsten der medizinischen Versorgung obdachloser Menschen in der Stadt und Region zu sammeln. „Mit dieser Veranstaltung haben wir vergangenes Jahr mehr als 23  000 Euro für die Straßen­ambulanz der Caritas und den Kontaktladen ‚Mecki‘ der Diakonie gesammelt“, sagt Udo Niedergerke stolz. Ultraschallgeräte für die Untersuchung schwangerer Flüchtlinge, Winterjacken für die Verkäufer des Straßenmagazins Asphalt oder eine spezielle Babykappe um Schädeldeformationen auszugleichen – Niedergerkes sind fast täglich mit der Stiftung beschäftigt.

Sich zu engagieren ist für die beiden Christen selbstverständlich. „Wir sind engagierte und praktizierende Christen in beiden Kirchen“, sagt Ricarda Niedergerke lächelnd. „Ich bin evangelisch und mein Mann ist katholisch.“ Schon ihre Berufswahl sei stark von ihrem Glauben beeinflusst gewesen. „Man muss für diesen Beruf Menschen lieben und dann ergibt sich die Tat aus der Liebe. Das ist zwar nicht ständig präsent, aber es steht immer im Hintergrund“, sagt sie.

Früh formte sich als Kind in Osnabrück der Wunsch, anderen als Ärztin zu helfen. Ihrer Mutter, die meinte, Krankenschwester reiche doch auch, erklärte sie: „Ich will die volle Verantwortung tragen, so wie die männlichen Ärzte auch.“ Im Studium in Münster lernte sie beim Präparieren des Kopfes einer männlichen Leiche ihren Mann kennen. Der war damals ein paar Semester über ihr und bereits Hilfsassistent.
Über die damaligen

Konventionen hinweg kirchlich geheiratet

Das junge Paar interessierte sich für Theologie, besuchte gemeinsam immer wieder Vorlesungen von Joseph Ratzinger, Karl Rahner und Hans Küng. 1968 heiraten sie trotz des Drucks der Verwandten und der damaligen gesellschaftlichen Konventionen kirchlich. „Ich bin sehr religiös aufgewachsen, es gab viel Druck und theologische Diskussionen wegen der unterschiedlichen Konfessionen. Ich liebte einfach nur meinen Mann“, sagt Ricarda Niedergerke lächelnd. Zusammen mit ihm, der im katholisch geprägten Münster aufwuchs, kam sie vor mehr als dreißig Jahren nach Hannover. „Hannover ist sehr weltoffen. Das hat uns gleich gefallen“, sagt Udo Niedergerke.

Die Stiftungsarbeit ist nun seit fast zehn Jahren ihr gemeinsames Projekt. „Wir sind ein Paar auf Augenhöhe, hatten wir auch immer getrennte Praxen“, betont Ricarda Niedergerke. „Wir haben unendlich viel an Anerkennung und Dankbarkeit durch unsere Patienten bekommen.“

Heute wird ihr Engagement für die Stiftung gewürdigt: 2012 bekamen die beiden den Stadtkulturpreis vom Freundeskreis Hannover und 2014 die Stadtplakette der Stadt Hannover verliehen. „Auch wenn wir eigentlich nicht so im Mittelpunkt stehen wollten mit unserer Stiftung, auf diese Auszeichnungen sind wir schon stolz“, sagt Udo Niedergerke.

Kontakt: Ricarda und Udo Niedergerke Stiftung, Tel. 05 11 / 45 00 07 70, stiftung@niedergerke-stiftung.de, www.niedergerke-stiftung.de.

Marie Kleine