17.05.2016

Multireligiöse Feiern

Rabbi, Priester, Imam

Unsere Gesellschaft ist icht mehr rein christlich. Deshalb möchten viele Institutionen öffentliche Feiern wie Einweihungen oder Schulentlassungen „multireligiös“ gestalten. Aber wo und wie und mit wem? Ein Beispiel aus der Schule.

Multireligiöse Feiern, wie hier in Kevelaer, müssen gründlich durchdacht sein. Foto: epd-bild

Wenn im August im Osnabrücker „Gymnasium in der Wüste“ die Fünftklässler eingeschult werden, wirken dabei vier Geistliche mit: ein Rabbi, ein Imam und je ein Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche. „Vor zehn Jahren haben wir überlegt, dass wir den Kindern mehr mitgeben wollten als nur: ‚Das ist dein Lehrer, hier ist deine Klasse‘. Es sollte etwas Religiöses sein, aber da wir recht viele muslimische Schüler haben, auch kein ökumenischer Gottesdienst“, blickt Doerthe Blömer, Lehrerin für katholische Religion, Deutsch und Darstellendes Spiel, zurück. Bereits im Jahr 2005 hatte die Schule in städtischer Trägerschaft die heruntergekommenen Innenhöfe des 70er-Jahre-Betonbaus in „Gärten der Weltreligionen“ verwandelt. „Da lag es nahe, dort etwas Multireligiöses zu gestalten.“ In der Praxis ist das aber leichter gesagt als getan. „Wir haben im Vorfeld lange überlegt – und in den folgenden Jahren auch immer wieder etwas verändert.“ Viele Kleinigkeiten gilt es zu beachten:

 

Was wird gefeiert? „Als ich einmal mit einem der Beteiligten telefonierte und von ‚Gottesdienst‘ sprach, hörte ich: ‚Das ist kein Gottesdienst, das ist eine Einschulungsfeier“‘, erzählt Blömer. Egal, ob der Amtsräger recht hat: „Es ist wichtig, auch auf Worte zu achten, wenn man gut zusammenarbeiten will.“ Und unnötige theologische Debatten vermeinden möchte.

 

Wo wird gefeiert? „Ich würde einen neutralen Ort empfehlen“, sagt Blömer. Der „Garten der Weltreligionen“ bot sich in dieser Schule an. „Bis wir ihn aus Brandschutzgründen nicht mehr dafür nutzen durften.“ Jetzt ist die Feier in der Aula. „Das ist atmosphärisch nicht so toll, aber dafür haben wir Klavier, Beschallung und Bühne.“ Eine Kirche oder Moschee als Ort zu wählen, ist weniger günstig: Vielleicht nimmt einer der Beteiligten dann gar nicht teil oder fühlt sich dort zumindest sehr unwohl.

 

Wer feiert mit? Bei den christlichen Kirchen ist es leicht:  Eine Schule gehört zu einem bestimmten Kirchenbezirk, die Stadt hätte etwa einen Stadtdechanten oder Superintendeten als Ansprechpartner. Auch jüdische Gemeinden gibt es (wenn überhaupt) meist nur eine mögliche. Aber wen fragt man seitens der Moscheegemeinden? „Wir haben uns hier vor Ort bei den Experten für christlich-islamischen Dia-log erkundigt“, erzählt Doerthe Blömer. „Oft gibt es ja schon auf anderer Ebene Kontakte zu einer Moschee oder einem bestimmten Imam.“ In den ersten Jahren lud die Schule den Imam der DITIP-Gemeinde ein, „der hatte sogar Kinder bei uns, da war es einfach“. Seit er versetzt wurde, kooperiert die Schule mit einer anderen Moschee. „Es gibt dort eine Muslima, die gut Deutsch spricht, das erleichtert manches.“

 

Wer hat was an? Auch die „Kleiderfrage“ ist nicht so einfach, wie es scheint. Bei einem formellen Gottesdienst tragen Amtsträger liturgische Gewänder. „Bei uns kommt immer nur der evangelische Pastor im Talar, alle anderen tragen Zivil“, berichtet Blömer. Vorgegeben hat die Schule das nicht. „Das kann jeder so machen, wie er will.“ Die zivile Kleidung zeigt, dass es sich im Prinzip um eine säkulare Feier handelt, die lediglich religiöse Elemente hat. Nachteil: Die religiösen Amtsträger sind nicht sofort als solche erkennbar.

 

Wer bereitet vor? „Beim allerersten Mal wollten wir die Feier gemeinsam mit den Religionsvertretern planen. Das ging aber schon aus Termingründen nicht.“ Deshalb wird sie durch einen verantwortlichen Religionslehrer vorbereitet. „In der Regel machen wir das kurz vor den Sommerferien – teilweise im Unterricht mit einer fünften oder sechsten Klasse, die dann bei der Einschulungsfeier beteiligt ist.“ Das gilt für szenische Anspiele genauso wie für Musik.  Im vergangenen Jahr war auch die Sprachlernklasse für Flüchtlingskinder beteiligt. „Das Friedensgebet, das Mohammed, ein syrischer Junge, sprach, war sehr eindrücklich.“

 

Wer sagt was? „Uns war von Anfang an wichtig, dass jeder Religionsvertreter etwas sagt – und zwar etwa gleichberechtigt“, sagt Doerthe Blömer. An drei Stellen sind sie nun beteiligt: 1. bei der Lesung: Zum gewählten Thema (z.B. Lebensweg, Schöpfung, Segen) wird eine passende Stelle aus dem Alten Testament als gemeinsames Buch von Juden und Christen und dem Koran ausgesucht werden, die die Religionsvertreter auf Deutsch, Hebräisch und Arabisch verlesen. „Das Neue Testament kommt nicht vor, weil wir das Verbindende betonen wollen.“ 2. bei den Fürbitten, wo sie gemeinsam mit Schülern eine Bitte übernehmen können. 3. beim Segen: „Der Aaronitische Priestersegen aus dem Buch Genesis wird auf Deutsch und Hebräisch gespendet; der muslimische Vertreter schließt dann ein arabisches Gebet an.“

„Wir haben uns auch überlegt, in welcher Reihenfolge die Religionen sprechen“, erzählt Blömer ein Detail. „Wir machen es nach  Alter der Religionen – das ist allen einsichtig und vermeidet das Missverständnis, dass der Erste der Wichtigste ist.“

 

Wie sind die Reaktionen? „Die Teilnahme an der religiösen Feier ist freiwillig“, sagt Blömer, „aber in der Regel kommen alle.“ Und melden Positives zurück. „Die Feier ist immer sehr berührend. Selbst wer nicht sehr religiös ist, empfindet das so.“

Von Susanne Haverkamp