14.09.2011

Klangmeditation in der Kirche

Segen von Anselm Grün

Benediktinerpater Anselm Grün hat rund 650 Menschen in die Osnabrücker Kirche St. Johann gelockt. Seine Klangmeditation trug den Titel „Du bist ein Segen“. Sie war Bestandteil der 1000-Jahr-Feier der Kirche.

Pater Anselm Grün

Um kurz vor acht ist es schon zu spät und die Pfarrkirche St. Johann fast voll besetzt. Wer jetzt noch kommt, ergattert nur noch einen Platz, bei dem die Säulen der Kirche den Blick auf Anselm Grün versperren. Selbst die zusätzlichen Stühle im Mittelgang sind besetzt. Alle warten auf den Benediktinerpater.
Doch zunächst begrüßt Manager Burkhard Löher das Publikum und bittet darum, erst am Ende des Abends zu klatschen. Das gelingt nicht ganz. Der Blockflötenspieler Hans Jürgen Hufeisen und der Pianist Oskar Göpfert beginnen die Konzertmeditation. Als der letzte Ton verstummt ist und Anselm Grün nach vorne tritt, ertönt aus einer der mittleren Reihen Klatschen.
Aber mit jedem Satz, den Anselm Grün spricht, weicht jegliche Hektik und das Publikum wird ruhiger. Manche sitzen locker, die Hände im Schoß gefaltet. Eine Frau ganz vorne hat eine meditative Haltung eingenommen. Sie sitzt kerzengerade auf ihrem Stuhl, die Augen geschlossen, ihre Hände liegen auf den Oberschenkeln, Daumen- und Zeigefingerkuppe berühren einander. Ein paar Reihen weiter hinten hat es ihr ein Mann gleichgetan.
Sie hören zu, wie Anselm Grün über den Segen spricht. Der Benediktinerpater bezieht sich auf die Bibel und erzählt, wie Jesus die Kinder gesegnet hat oder wie Maria und Elisabeth einander segnen. Mit sanfter Stimme ermuntert er die Zuhörer, selbst ein Segen zu sein und sich aus Abhängigkeiten und Trübungen der Vergangenheit zu lösen. „Wenn wir der Mensch sind, als den Gott uns geschaffen hat, dann sind wir ein Segen.“  

Ein dreiviertel Jahr auf den Abend gefreut

Manche, wie Walburga Lammerding aus Coesfeld, haben sich schon seit einem dreiviertel Jahr auf diesen Abend gefreut. „Ich lese viel von ihm und auch die Texte heute haben mir sehr gefallen. Es sind ganz einfache Gedanken, die man gut in den Alltag mitnehmen kann.“ Elisabeth Meyer war von den Worten Anselm Grüns erst überrascht: „Ich hatte anspruchsvollere Texte erwartet, aber ich bin beeindruckt, die Worte sind sehr treffend und berühren mich tief.“ Ihr einziger Kritikpunkt: „20 Euro als Eintrittspreis finde ich doch ein bisschen viel.“
Zu Anselm Grün, da gehen bestimmt nur Frauen hin – so könnte man vermuten. Aber von wegen! Beim Blick durch die Kirche scheint das Geschlechterverhältnis ausgewogen. Viele Paare sind gekommen. Reinhold Siegmann etwa hatte sich die Karten von seiner Frau zum Geburtstag gewünscht. „Ich habe schon einige Bücher von Anselm Grün gelesen und wollte ihn gerne einmal live sehen, er ist sehr faszinierend.“
Als Anselm Grün das Publikum bittet, mit ihm die Segensgeste zu machen, stehen alle auf und halten beide Arme auf Brusthöhe, während er selbst ein Gebet spricht. Befremdlich, abstrakt, albern? „Nein“, meinen Ursula Mecke-Derix und ihre Freundin Miriam Widey aus Lippetal, „wer hierherkommt, der ist bereit, sich für so etwas zu öffnen.“ Renate Siegmann hat hingegen ein mulmiges Gefühl: „Es ist schon komisch, dass wirklich alle aufstehen und mitmachen.“  
Eine solche Segensgeste, sagt der Pater, könne jeder machen und damit den Segen morgens über die Wohnung ausbreiten oder aber die segnen, mit denen er im Streit ist: „Dann bleibe ich nicht in der Opferrolle, sondern werde aktiv und schicke positive göttliche Energie.“
Während der Pause bildet sich hinten in der Kirche eine Schlange: Anselm Grün gibt Autogramme und spendet den Segen. „Hätte ich das gewusst“, ärgert sich am Ende des Abends eine Frau. Sie wollte Anselm Grün so gerne einmal aus der Nähe sehen und hatte sich gewünscht, dass er wenigstens einmal durch die Kirche bis nach hinten geht.

Susanne Schäfer