09.03.2017

Seniorenstift St. Paulus schließt

Es ist nur zu 70 Prozent ausgelastet. Es müsste dringend saniert werden. Es schreibt rote Zahlen. Das Caritas Seniorenstift St. Paulus in Göttingen soll zum Jahresende geschlossen werden.

Das Seniorenstift St. Paulus schreibt rote Zahlen. Zum Jahresende soll es geschlossen werden. | Foto: Stiftung Katholische Altenhilfe

Schon seit Jahren ist die wirtschaftlich schlechte Situation bekannt. Der Träger, die Stiftung Katholische Altenhilfe im Bistum Hildesheim, hat in den vergangenen Jahren rund eine halbe Million Euro zugeschossen. Mit Beschluss der Regionalkommission Nord der Arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas, wurden im Arbeitsvertragsrecht (AVR) festgeschriebene Sondervergütungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld nicht mehr gezahlt, um die schwächelnde Einrichtung nicht noch weiter abrutschen zu lassen. „Wir mussten jetzt die Notbremse ziehen, auch wenn wir damit unseren Mitarbeitern einen herben Schlag versetzt haben“, sagt Norbert Ellert, Geschäftsführer der Stiftung Katholische Altenhilfe (SKA) im Bistum Hildesheim.

Zwei Millionen Euro an Sanierungsbedarf

Das Seniorenstift ist in die Jahre gekommen. 1969 wurde es  von der Kirchengemeinde gebaut und 1970 dem Caritasverband der Diözese Hildesheim übertragen. Inzwischen ist das Seniorenstift eine eigene Gesellschaft. Hundertprozentiger Gesellschafter ist die SKA.

Die letzte Sanierung liegt inzwischen schon 17 Jahre zurück. Dringend müsste in Modernisierung investiert werden. „Mit den Standards anderer Heime können wir einfach nicht mehr mithalten. Um da wieder konkurrieren  zu können, müssten wir rund zwei Millionen Euro investieren“, schätzt Ellert.

Immer wieder würden Interessenten nach einer Besichtigung der Räumlichkeiten abwinken. „Von unseren 63 vollstationären Pflegeplätzen sind nur 43 belegt, das entspricht einer Auslastung von rund 70 Prozent. Das reicht schon lange nicht mehr für eine schwarze Null. Wir schreiben hier richtig dicke rote Zahlen“, betont der SKA-Geschäftsführer. Mit einem Umbau, gerade die Bäder müssten vergrößert werden, würden die Wohneinheiten weiter schrumpfen, der Betrieb „noch unwirtschaftlicher werden“.  Auch im Bereich Barrierefreiheit müsste einiges getan werden.

Ein anderes Problem sind laut Ellert die „guten“ Gehälter, die nach der AVR des Caritasverbandes gezahlt werden, und die gleichzeitig niedrigsten Pflegesätze der westlichen Bundesländer, die die Pflegekassen im  Land Niedersachsen zahlen. „Dieser Spagat tut nicht nur St. Paulus weh. Daran haben auch andere kirchliche und tarifgebundene Einrichtungen zu knapsen“, erklärt Ellert.

Den Spagat und die Zahlen kennt auch Kerstin Bettels, die Vorsitzende der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen (DiAG MAV): „Aber allmählich müssen wir uns fragen, ob wir als Bistum die  Altenhilfe noch als wesentliche Aufgabe der Kirche ansehen.“

Zahl der Altenheime hat sich halbiert

Vor zehn Jahren bestanden in unterschiedlicher Trägerschaft noch 25 Altenheime im Bistum. Mit dem Aus für St. Paulus und dem vor kurzem angekündigten Ende für das Marienhaus in Hannover, einer Einrichtung des Vinzenz-Verbundes, hat sich die Zahl halbiert: „Es kann doch nicht sein, dass wir ein Altenheim nach dem anderen schließen oder verkaufen und vorher die Mitarbeiter Gehaltsverzicht leisten, um die Einrichtung zu retten“, empört sich Bettels.

Zwar stellt das Bistum seit 2008 Mittel aus Kirchensteuern zur Verfügung – aktuell etwa 750 000 Euro im Jahr. Jedoch soll mit dem Geld vorrangig eine Insolvenz der Einrichtung vermieden werden: „Aus unserer Sicht ist das zu wenig. Wir brauchen eher einen Solidarpakt für die Altenhilfe im Bistum“, sagt Bettels
Die Mitarbeiter der Altenheime werden weiterhin Verzicht leisten müssen: Anträge auf erneute Gehaltsabsenkungen sind von der Stiftung Altenhilfe bereits angekündigt.

Edmund Deppe und Rüdiger Wala

 

Norbert Ellert ist Geschäftsführer der Stiftung Katholische Altenhilfe im Bistum Hildesheim. | Foto: Edmund Deppe

Zur Situation des Seniorenstifts St. Paulus in Göttingen hat die KirchenZeitung nachgefragt bei Norbert Ellert, dem Geschäftsführer der Stiftung Katholische Altenhilfe im Bistum Hildesheim.
Wenn St. Paulus schließt, wo bleiben die Bewohner?

Ihnen beziehungsweise ihren Angehörigen bieten wir Hilfe bei der Suche nach einem neuen Pflegeplatz an, entweder in einem unserer anderen Häuser, wenn das von den Entfernungen passt, oder in einer anderen Einrichtung hier vor Ort in Göttingen. Für die Bewohner werden wir dann jeweils die Umzugskosten in die neue Einrichtung übenehmen.

Und wie sieht es für die Mitarbeiter aus?

Auch da versuchen wir zu helfen, wo wir können. Wer will, auch wenn es mit längeren Fahrwegen verbunden ist, kann in einer anderen Einrichtung des SKA weiter arbeiten – zu den Konditionen der AVR. Für ein Jahr würden wir sogar die Fahrtkosten übernehmen. Gerade für die Fachkräfte im Pflegebereich dürfte es nicht schwer sein, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, auch auf dem freien Markt, denn Pflegekräfte werden zur Zeit gesucht. Allerdings müssen sie außerhalb des kirchlichen Bereichs mit Lohneinbußen rechnen.

Aber Sie beschäftigen nicht nur Fachkräfte im Pflegebereich, sondern haben auch Mitarbeiter in der Küche oder im technischen Bereich.

Wir sind im Gespräch mit anderen kirchlichen Einrichtungen hier in der Region und versuchen für alle Mitarbeiter eine gute Lösung zu finden. Wir bieten auch an, die Kosten für Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zu  übernehmen. Und wenn jemand ein Jobangebot hat, sind wir bereit, die Mitarbeiter sofort freizustellen, damit sie so ein Angebot annehmen können.

Ist St. Paulus ein Einzelfall oder werden demnächst noch weitere Schließungen von Altenpflegeeinrichtugen in Trägerschaft der SKA folgen?

Da kann ich beruhigt mit einem klaren Nein antworten. Wir haben es in den letzten Jahren geschafft, die Situation der Heime zu stabilisieren. Sie werden aber auch weiterhin mit Bistumsmitteln unterstützt. Allerdings sind diese Mittel begrenzt, denn auch das Bistum muss sparen. Und: Die allgemeinen Probleme sind natürlich weiterhin da, die kann man nicht weg diskutieren. Sie bereiten uns schon Kopfschmerzen.

Interview: Edmund Deppe