08.02.2017

Zukunft der Kirche in Deutschland

Sieht's für die Kirche düster aus?

Selten hat diese Zeitung so viele Reaktionen erhalten, wie auf den Aufruf nach dem offenen Brief der elf Priester aus Köln. Ihre Anliegen sind auch die sehr vieler unserer Leser. Ihnen geht es neben Großpfarreien und Zölibatspflicht auch um die Frage: Was bedeutet es, an Gott zu glauben?

So trostlos wie die Ruine auf einem ehemaligen Kasernengelände bei Aachen ist die Kirche hierzulande nicht. Gleichwohl scheint ihre Zukunft unklar. Foto: imago

Neu sind sie nicht: die Erfahrungen und Forderungen der elf Priesterjubilare aus Köln. In ihrem offenen Brief im Januar haben sie Frust abgelassen über kirchliche „Bunkermentalität“ und Strukturpolitik, sind enttäuscht wegen des mangelnden Interesses vieler Menschen für Gott und haben alte Forderungen erneuert: Abschaffung der Zölibatspflicht, mehr Leitungsverantwortung für Laien und eine Ordination von Frauen.

„Die Anfragen aus dem Brief sind unser ‚täglich Brot‘“, sagt Michaela Labudda, Bundesvorsitzende der Gemeindereferentinnen und -referenten. Die knapp 80 teils ausführlichen und emotionalen Leserzuschriften bestätigen das. Nicht nur sie. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, pflichtet den Elf bei. Der Amtsverzicht des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings vor einem Jahr und sein Rückzug ins Kloster haben ein ähnliches Echo ausglöst. In den USA haben rund 1200 Priester einen ähnlichen Brief an ihre Bischöfe geschrieben.

Dabei schwingt oft eine Alternative mit: Geht es um kirchliche Strukturen oder um persönlichen Glauben? „Diese Kirche ist in ihrer ideologischen Erstarrung total aus der Zeit gefallen“, schreibt ein Ehepaar. Eine andere Leserin meint: „Die Frage, ob die Kirche ‚auf der Höhe der Zeit‘ ist, klingt fortschrittlich, ist aber unsinnig.“ Klar: Zeitgemäßheit ist keine zentrale Aufgabe der Kirche. Aber wie sie spricht – nicht nur ihre Kleriker –, wie ihre Mitglieder sich verhalten und nach außen wirken, all das kann Menschen den Zugang zum Evangelium erleichtern – oder verbauen.

 

Wo erlebe ich, dass der Glaube erlösen kann?

Die grundlegende Frage – das bestätigen Theologen immer wieder – lautet: Was bedeutet es, hier und heute an Gott zu glauben? Woran merke ich das? Als Gläubiger selbst oder als Beobachter? Dass der Glaube an Jesus Christus frei macht, tröstet, positive Energie für diese Welt freisetzt, Vertrauen und Mut schenkt – kurzum: dass er erlöst –, muss ich selbst erfahren. Und müssen andere erleben können. Nur wo?

Großpfarreien und Priesterimport sind allenfalls eine erste Hilfe, aber keine tragfähige Lösung. Es braucht – und viele wünschen sich das – Gemeinschaften vor Ort, verantwortlich geleitet auch von Nichtklerikern. Die müssen – wie alle Laien – zu ihrem Glauben auch etwas sagen können. „Über Jahrhunderte hatte allein der geistliche Herr vorne das Sagen“, so ein Leser, „heute fällt uns das auf die Füße.“ 

Trotz allen Frusts: Die Kirche als wanderndes Gottesvolk ist in neuen Landschaften angelangt, muss auf Neues reagieren und Altes hinter sich lassen, schreibt ein Leser und weiter: „All das verlangt Mut, Gottvertrauen und langen Atem. Ich wünsche es Ihnen und bin mit hoffnungsvollem Gruß …“ 

Von Roland Juchem

Den offenen Brief der elf Priester im Wortlaut finden Sie hier