19.09.2016

Der Domchor bewegt sich auf semiprofessionellem Level / 150 Mitwirkende bei der Dommusik

Singen ist doppeltes Gebet

Sie nehmen einiges in Kauf und das zahlt sich aus: Jeden Donnerstag versammeln sich knapp 50 Frauen und Männer in der alten Domschule – zur Probe des Domchores. 

Donnerstagabend, 19.30 Uhr. Es ist ein heißer Tag, das Thermometer zeigt noch immer 29 Grad. Bestes Wetter, um im heimischen Garten ein kühles Bier zu trinken und den Grill anzuwerfen. Oder in den nächsten Badesee zu springen. Von solch profanen Gelüsten wollen an diesem Abend die 43 Frauen und 15 Männer nichts wissen und sind wie jeden Donnerstag zur Probe erschienen. 

„Dinge – donge, dinge – donge, ja – ja, jaah“ – Beim Einsingen weiten die Sängerinnen und Sänger ihre Stimme. Fotos: Chris Gossmann

Zu diesen Engagierten gehört auch Benita Ramisch. „Hier kann ich meine Seele auftanken und vergesse komplett meinen Stress“, sagt sie. Stressabbau ist aber nicht das Hauptmotiv für ihr Engagement im Domchor. „Ich freue mich, wenn unser Gesang die Gottesdienstbesucher ein Stück zu Gott hinführt. Singen ist doppeltes Gebet“, erklärt sie. Benita Ramisch erzählt, sie sei „auf der Orgelbank aufgewachsen“, seit vier Jahren singt sie im Domchor. Das verlangt ihr einiges ab. Manchmal ist sie mit Proben und Auftritten dreimal die Woche eingespannt. Der Chor hat bei ihrer Terminplanung Priorität. Doch sie empfindet es nicht als Pflicht, sondern als Freude, im Domchor zu singen. „Und wenn ich nach Hause komme, sagt mein Mann: Du bist ja wie ausgewechselt.“
 

Legt Wert auf Qualität: Dommusikdirektor Thomas Viezens leitet den Domchor.    

Der Probenraum des Domchores war bis zur Sanierung des Hildesheimer Domes ein Teil der Kathedrale, der sogenannte Godehardi-Chor. Hier oben ist es an diesem Tag angenehm kühl. „Dinge-donge, dinge-donge“, „ja, ja, jaaah“, „man-o-man-o-man“, klingt es abwechselnd. Und die Mitglieder des Chores machen dazu ausladende Armbewegungen. Stimmbildner Christoph Rosenbaum ist mit den Sängerinnen und Sängern beim Einsingen. Vor Beginn der eigentlichen Probe geht es darum, die Stimme zu öffnen, größer zu machen, die Resonanz zu erschließen. Später wird er Chormitglieder für jeweils zehn bis 15 Minuten einzeln unterrichten.

Singen als Ausgleich

Als Erste ist heute Monika Rouwen an der Reihe. Wieder klingt es „ja, ja, jaaah“, und dann das Gleiche noch einmal und noch einmal. Die 44-jährige Marienschul-Lehrerin hat schon als Kind in der Mädchenkantorei des Domes gesungen. Mittlerweile hat sie selbst vier Kinder und diverse berufliche wie familiäre Verpflichtungen. Zeit für den Domchor findet sie dennoch. „Ich bin kein Sportmensch und das Singen ist mein Ausgleich“, sagt sie. Sie ist bei fast jeder Probe und bei fast jedem Auftritt dabei. „Man muss schon einen triftigen Grund haben, um sich hier abzumelden“, meint sie. Sie freut sich schon auf Bachs Weihnachtsoratorium und weitere Aufführungen von „Lux in tenebris“ im Frühjahr des nächsten Jahres. Was ihr am Domchor besonders gefällt, ist das hohe Niveau für einen Laienchor. Dass es „semiprofessionell“ zugeht, bestätigt auch Christoph Rosenbaum. Und der kann das beurteilen. Rosenbaum hat in Hannover Operngesang studiert und war danach an der Oper der niedersächsischen Landeshauptstadt und in Dessau engagiert.
 

Einzeltraining: Monika Rouwen übt mit Stimmbildner Christoph Rosenbaum.    

Im großen Saal probt unterdessen Dommusikdirektor und Domchorleiter Thomas Viezens mit den Sängerinnen und Sängern Mendelssohns „Hör mein Bitten“, später steht dann eine Missa brevis von Michael Haydn auf dem Programm. Immer wieder spornt er die Männer und Frauen an, unterbricht, setzt neu an, gibt mit Gestik und Mimik Unterstützung für den Chor. „Wenn wir mit Gott in Kontakt treten wollen, muss die Musik Qualität haben“, sagt er. Viezens: „Bei jeder Feier gibt es Musik. Auch der Gottesdienst ist ein Fest mit Musik. Wie erhebend kann es sein, wenn die liturgischen Elemente passend ineinandergreifen!“ Die große Bedeutung der Musik für die Liturgie hat auch das Zweite Vatikanische Konzil betont. Musik sei ein „notwendiger und integraler Bestandteil der Liturgie“, heißt es da.
 

Ganz bei der Sache: Die Sängerinnen und Sänger des Domchores sind voll konzentriert.    

Rund zehn Gottesdienste pro Jahr gestaltet der Domchor musikalisch mit, hinzu kommen ein bis zwei große Konzerte. Eine Vielzahl anderer Gottesdienste wird durch weitere Chöre der Dommusik begleitet. Neben dem Domchor gibt es einen Kammerchor, die Schola Gregoriana, die Mädchenkantorei und die Domsingknaben. Insgesamt zählt die Dommusik rund 150 Sängerinnen und Sänger. Besonders gut ist die Mädchenkantorei unter der Leitung von Domkantor Dr. Stefan Mahr besetzt.

Breites Spektrum

Je nach Chor ist für jeden Musikgeschmack etwas dabei, von den Anfängen der Kirchenmusik im 8./9. Jahrhundert bis zu englischsprachigen Kompositionen aus der heutigen Zeit. Wer in einem der Chöre mitsingen will, muss Notenkenntnisse, nach Möglichkeit Chorerfahrung und eine geeignete Stimme mitbringen. „Und natürlich Disziplin“, sagt Viezens. Diese Disziplin hat Mathias Marschall. Er singt bereits seit 14 Jahren im Domchor und muss nicht nur die Zeit für die Proben und Auftritte einplanen, sondern auch für seine Fahrten.

Marschall wohnt in Hameln und hat gut eine Dreiviertelstunde An- und Rückreise. Doch die nimmt er gern in Kauf. „In Hameln gibt es kein adäquates Angebot, und so komme ich hierher“, sagt der 46-jährige Verkehrsingenieur. In seiner Gemeinde St. Vicelin ist Marschall zudem als Kantor tätig. Wie viel Zeit wendet er Woche für Woche für Kirchenmusik auf? „Das weiß ich nicht und das zähle ich auch nicht.“

Matthias Bode