21.09.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen eines Wohnheims für Taubblinde

Smalltalk nur mit Händen

Menschen, die ohne ihre Augen und Ohren auskommen müssen, sind ein Leben lang auf Hilfe angewiesen. Im Wohnheim des Deutschen Taubblindenwerks in Hannover-Kirchrode erfahren sie Zuwendung und menschliche Wärme. Volker Röpke lernte ihren Alltag kennen.

 Jens Schulze
Die Ergotherapeutin Ewa Binder (rechts) hilft Heimbewohnerin Edith Krause (76) beim Kochen. Volker Röpke darf in die Kochtöpfe schauen. Foto: Jens Schulze
 

Dass heute ein schöner Tag ist, spürt Siegfried Rinderknecht auf seiner Haut. Auf einen Pullover hat er verzichtet, er trägt T-Shirt und Jeans. Die Sonne wärmt ihn. Dass ihre Strahlen durchs Fenster scheinen und ihn in helles Licht tauchen, nimmt er nicht wahr. Für ihn ist die äußerliche Welt dunkel und still, denn er ist blind und taub. Sein Tastsinn ist sein Zugang zur Welt. 

Der 72-Jährige geht in kleinen Schritten durch den Gang, eine Hand immer am Handlauf. Dann spürt er einen Luftzug, jemand ist neben ihm. Es ist Dorota Tomaszek. Die schlanke Frau mit den blonden Haaren und den blauen Augen leitet das Wohnheim. Sie berührt Rinderknecht leicht an der Schulter, signalisiert ihm: Hallo, hier bin ich. Dann fragt der Bewohner die Heimleiterin, wie es ihr geht. Er stellt ihr die Frage mit den Händen, sie ersetzen für taubblinde Menschen die Stimme, die Augen und die Ohren.

Die Hand dient als Tastatur

Mit dem Zeigefinger tippt er auf ihre Fingerkuppen, ihre Handfläche und ihr Handgelenk. Rinderknecht kommuniziert via Tastalphabet mit Tomaszek. Ihre Hand wird dabei zur Tastatur, auf der er seine Botschaft tippt, die verschiedenen Regionen der Hand entsprechen jeweils einem Buchstaben des Alphabets. Ein Tippen auf die Daumenspitze steht zum Beispiel für das A.

Heimleiterin und Bewohner machen Smalltalk nur mit Händen. Im Wohnheim geschieht das hunderte Male pro Tag. 60 Menschen im Alter zwischen 22 und 92 Jahren leben hier, darunter drei Paare. Sie sind in ganz unterschiedlichem Maße hörsehbehindert oder taubblind.

Wer auf seine elementarsten Sinne verzichten muss, steht ständig unter Strom. Da ist die Angst, gegen eine Wand zu laufen, die bei jedem Schritt mitschwingt und die Muskeln verkrampft. Deshalb ist Entspannung so wichtig für die Bewohner. Eine Art Himmelbett mit gelbem Schleier lädt dazu ein. Daneben eine Stereo-Anlage, sie liefert entspannende Musik für die Bewohner. Dafür sorgen ein Lautsprecher unter der Matratze und Styroporkugeln in der Matratze. Die Kugeln transportieren die Schwingungen der Töne. Wer hier liegt, erlebt Musik als wohliges Kribbeln am Körper.

Ein Zimmer weiter steigt gerade die Spannung. Es sieht gut aus für Wolf Dieter Graf. Er hat Glück beim Würfeln. Drei blaue Figuren hat er beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel schon nach Hause gebracht. Die Augen auf der Oberfläche des Würfels ragen hervor. Er kann sie nicht sehen, aber ertas-ten. Dann ist Grafs Mitspielerin Birgit Schröder an der Reihe. Der Zeigefinger ersetzt ihr den fehlenden Blick aufs Spielfeld. Die Fingerkuppe registriert die Felder, und die grüne Spielfigur macht einen Satz nach vorn.

Training der motorischen Fähigkeiten ist wichtig

Das Spiel gehört zum ergotherapeutischen Angebot im Wohnheim. Wer ohne Augen und Ohren auskommen muss, für den ist es umso wichtiger, seine fein- und grobmotorischen Fähigkeiten zu erhalten und sein Konzentrationsvermögen zu trainieren. Sei es beim Spielen, beim Basteln, im Fitnessraum oder in der Küche.

Edith Krause hat sich heute für die Küche entschieden. Sie kocht Nudeln im heißen Wasser. In der Pfanne schwimmen Kürbisstücke und Apelscheiben in einer Weißwein-Sahnesoße. Daraus wird später ein Kürbis-Gratin. Krause rührt mit einem Löffel in der Soße. Sie sieht ihre eigene Armbewegung nicht, aber die Ergotherapeutin Ewa Binder steht an ihrer Seite. Sie sieht für zwei, sie hört für zwei, vor allem aber hat sie ein offenes Herz. „Die Betreuer müssen viele psychische Prob-leme auffangen. Die Bewohner brauchen sie, um nicht in ein noch tieferes seelisches Loch zu fallen, wenn zum Beispiel bei einem tauben Menschen auch noch das Sehvermögen immer schwächer wird“, sagt Dorota Tomaszek.

Mitarbeiter sind Verbindung zur Außenwelt

Zwei ihrer Kollegen sind gehörlos, eine ist blind. Von den Bewohnern werden sie gut angenommen, da die behinderten Mitarbeiter die Welt in ähnlicher Weise wahrnehmen wie sie selbst. Tomaszek formuliert es so: „Es sind Gleichgesinnte.“ Die Betreuer des Wohnheims sind für die Bewohner auch Dolmetscher nach außen. Wenn ein Arztbesuch ansteht, wenn ein Bankgeschäft erledigt werden muss oder wenn der Friseur bloß wissen will, ob eine Dauerwelle gewünscht wird.

Eine intensive, fordernde Arbeit sei das, sagt Tomaszek. Dass es auch eine Arbeit ist, die glücklich machen kann, sagt die 53-Jährige nicht. Aber man merkt ihr an, dass es so ist. Nachdem sie Siegfried Rinderknecht mit ihren Händen erzählt hat, dass es ihr gut geht, umarmt er die Heimleiterin. Und sie strahlt.

Volker Röpke