06.07.2017

Sternschnuppen leuchten ...

Seit 70 Jahren: Die Mitglieder der einstigen Mädchengruppe in Braunschweig halten heute noch zusammen und treffen sich einmal im Monat zur Gruppenstunde. Weil Licht Freude und Glück bringt.

Die Sternschnuppen im Jahr 1949 in der Asse
beim Picknick. | Foto: privat

Es war Spätsommer 1946. Etwa 40 junge Mädchen im Alter zwischen 17 und Anfang 20 folgten einer Einladung der damaligen Braunschweiger Gemeinde St. Nicolai – heute St. Aegidien. Fremd in der Stadt, waren sie auf der Suche nach neuen Freunden und einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Alle waren kurz nach Kriegsende aus ihrer schlesischen Heimat gekommen, viele hatten traumatische Erfahrungen aus Krieg, Flucht und Vertreibung zu verarbeiten. Das eint die daraus hervorgegangene Gruppe der „Sternschnuppen“ noch heute. Kürzlich feierten sie das 70-jährige Bestehen ihrer Gruppe. Da durften auch ihre Männer mit dabei sein.

Die Stadt lag in Trümmern. Aber die Gruppenstunde am Mittwochabend war heilig. Egal, welche Widrigkeiten es gab: „Jede brachte Heizmaterial mit, um den Raum in der kalten Jahreszeit mit Hilfe des eisernen Kanonenofens gemütlich zu erwärmen”, erinnert sich Barbara Grothaus, heute 87 Jahre alt.

Namen als positives Zeichen für die Zukunft

An den Abenden wurde über religiöse und weltliche Themen diskutiert, alte und neue Lieder gesungen, gespielt und versucht, das noch erst kürzlich erlittene Leid ein wenig zu verdrängen. Mit der Namensgebung wollten die Jugendlichen ein ganz positives Zeichen für die Zukunft setzen. „Sternschnuppe, das heißt doch Licht! Licht, das Freude bringt und Glück, das den Mut uns bringt zurück“, heißt es in einem Gedicht zur Gründungsfeier.

Für Barbara Grothaus ist es, als ob die Zeit in der Mädchengruppe gerade gestern erst vorbeigegangen ist. „Es hat mich immer gefesselt dorthin zu gehen. Zu Hause gab es nämlich keine Privatsphäre“, berichtet sie. Und weiter: „Ich lebte anfangs mit meinen Eltern in einem 15 Quadratmeter großen Zimmer, mit drei Familien mussten wir uns ein Badezimmer teilen.“ Der Kontakt zu den Freundinnen ist nie abgebrochen – auch nicht, als sie 1957 frisch verheiratet nach Münster ging.

Raus aus der Enge – das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Sternschnuppen: Der 1. Mai wurde mit Kochtopf, Päckchensuppen und selbst gemachtem Kartoffelsalat im Freien verbracht. An das Zeltlager in den Sommerferien an der Aller in der Heide bei Gifhorn mit dem Gottesdienst unter freiem Himmel erinnern sich die Beteiligten noch gerne zurück.

Gerade nach den Erfahrungen von Krieg und Flucht bedeutet für die Mädchen Heimat in ers­ter Linie Verbundenheit. Dieses Miteinander ist aber nicht ortsgebunden. Schnell sind aus der Notgemeinschaft tiefe Freundschaften entstanden. Geändert haben sich nur die Themen in den Gesprächsrunden. Schließlich wurden aus Jugendlichen Ehefrauen, Mütter und letzten Endes Großmütter.

Immer noch einmal im Monat Gruppenstunde

Inzwischen lebt von den damals 20 Sternschnuppen noch etwa ein Dutzend, einige wohnen im Altenheim. Ist eine der Damen krank, organisiert die Gruppe regelmäßige Krankenbesuche.

Auch sonst sind die Sternschnuppen noch aktiv. So treffen sich die Mitglieder, die in Braunschweig und Umgebung leben, einmal im Monat – damals wie heute unter einem Leitwort mit ihrer mittlerweile 91-jährigen Gruppenleiterin Christa Willim. Zu den Jahrestreffen kommen dann auch die verstreuten Sternschnuppen wieder in die Löwenstadt.

Sabine Moser