08.06.2017

Nach Tötung in Arnschwang

Streit um konvertierte Flüchtlinge

Ein afghanischer Flüchtling wird nicht abgeschoben, weil er zum Christentum konvertierte. Jetzt hat er einen kleinen Jungen erstochen. Hat er sich das Asyl durch die Taufe erschlichen?


Foto: kna
Können sich Flüchtlinge mittels einer Taufe und Eintritt in das Christentum ein Bleiberecht in Deutschland erschleichen?

 

Der Fall ist heikel für Kirchen und Politik: Da ersticht ein 41 Jahre alter Flüchtling aus Afghanistan im oberpfälzischen Arnschwang einen Jungen. Zuvor hatte der Mann wegen schwerer Brandstiftung im Gefängnis gesessen und war dort zum Christentum konvertiert. Deshalb wurde er nicht abgeschoben.

In einer Zeit, in der Vertreter aller Parteien mit Blick auf den Berliner Attentäter Anis Amri eine konsequente Abschiebung von Straftätern unter den Asylbewerbern fordern, stellen sich Fragen mit neuer Schärfe: Erschleichen sich Flüchtlinge mit der Taufe bessere Chancen auf Asyl? Prüfen Priester und Gemeinden die Ernsthaftigkeit der Konvertiten ausreichend?

Die Kirchen stehen unter Druck: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erklärte, er erwarte, "dass sie sich sehr genau anschauen, ob einer wirklich zum Christentum übertritt". Der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Ulf Küch, erklärte: "Dass muslimische Flüchtlinge zum Christentum konvertieren, halte ich für einen Trick, um im Land bleiben zu können." Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, rief die Kirchen deshalb zu kritischer Prüfung auf. "Missbräuchliche, erschlichene Taufen können nicht geduldet werden", sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Dabei zeigen sich die Kirchenvertreter mit Blick auf die Taufe von Muslimen sehr zurückhaltend. In einer im Frühjahr veröffentlichten Handreichung unterstreicht etwa das katholische Bistum Aachen, dass "Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen - und das kann auch auf Geflüchtete zutreffen - nicht zur Taufe geführt werden dürfen". Flüchtlingen müsse deutlich gemacht werden, dass mit der Konversion nur in wenigen Fällen ein gesicherter Aufenthaltsstatus verbunden sei.

 

Erzbischof Heße: "Missbrauch des Taufbegehrens ist so gut wie ausgeschlossen"

Der in der katholischen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen zuständige Hamburger Erzbischof Stefan Heße betonte kürzlich: "Jeder, der sich Christus anschließen will, ist uns willkommen." Zugleich setze die Taufe in der katholischen Kirche jedoch einen längeren Prozess voraus, in dem ein Mensch mit der Lehre und dem Leben der Kirche vertraut gemacht werde. "Angesichts dieses Vorbereitungsweges, der in der Regel ein Jahr dauert, ist ein Missbrauch des Taufbegehrens so gut wie ausgeschlossen."

Und der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, ergänzte, dass die Taufe allein in der Regel noch keinen Asylanspruch begründe. Sie könne dann einen Schutz vor Abschiebung zur Folge haben, wenn "im Heimatland mit beachtlicher Sicherheit eine Verfolgung aus religiösen Gründen zu erwarten ist".

Das katholische Bistum Augsburg wies unterdessen Vorwürfe wegen der Taufe des Afghanen zurück. Der Leiter des Seelsorgeamts, Bertram Meier, sagte, die Bewerber stünden in engem Kontakt mit Seelsorgern, die sie in den Glauben einführten. Die Seelsorger könnten so die Ernsthaftigkeit prüfen.

Konkrete Zahlen über Konversionen muslimischer Flüchtlinge gibt es nicht. Für die katholischen Bistümer liege keine Schätzung vor, sagte Kopp. Im Bistum Augsburg war die Zahl der konvertierten Muslime laut Meier "erfahrungsgemäß stets eher gering und betrug bistumsweit weniger als zehn Personen pro Jahr". Die evangelischen Landeskirchen und die Freikirchen hatten im vergangenen Jahr von mehr als 2.000 Konversionen seit 2014 gesprochen. Zugleich erklärten sie, es gebe eine beträchtliche Dunkelziffer, weil manche Pfarrer in Eigeninitiative auf die Taufe vorbereiteten.

Offenkundig ist, dass die meisten Konvertiten aus dem Iran stammen. Kirchenvertreter betonen, dass zumindest ein Teil von ihnen schon dort Christ geworden sei, aber wegen drohender Verfolgung noch keine Taufe erhalten habe. Vor diesem Hintergrund warfen kürzlich Vertreter der evangelischen Landeskirchen und der Freikirchen den Asylentscheidern vor, Anträge von christlichen Iranern fälschlicherweise abgelehnt zu haben. Die Organisation Open Doors fordert deshalb eine Neuüberprüfung. Die Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge besäßen nicht die notwendige Qualifikation, um die Aufrichtigkeit der Konversion zu prüfen. 

kna