14.09.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen einer Schwerstpflegestation

Stress wie ein Sportler

Wenn das Thema Sterbehilfe in die Debatte gerät, rücken auch die Menschen im Wachkoma in den Fokus.  Aber wie sieht das Leben von Wachkomapatienten aus? Und der Alltag von Menschen, die sie pflegen?

Wachkoma-Patienten stehen unter ständiger Anspannung. Dass das die Pflege nicht einfacher macht, hat Annedore Beelte bei ihrem Einsatz auf der Schwerstpflegestation im Garbsener Wilhelm-Maxen-Haus erfahren.  Fotos: Jens Schulze

Dieses Lachen ist ansteckend. Ich kann nicht anders, ich lache zurück. So wird das nie etwas mit dem Frühstück. Ich setze den Löffel mit der Spezialnahrung ab, die für eine hohe Kalorienzufuhr sorgt und heftig nach Erdbeeraroma duftet. „Die süßen Sachen kommen am besten an“, weiß Bernd Braasch, stellvertretender Pflegedienstleiter im Seniorenzentrum Wilhelm-Maxen-Haus in Garbsen.

Herr N., den ich gerade füttere – oder ihm das Essen anreiche, wie die Pfleger es nennen – ist eigentlich nicht die Art von Bewohner, die man in einem Seniorenzentrum vermuten würde. Andere Männer in seinem Alter sind junge Familienväter. Herr N. hatte vor zehn Jahren einen Autounfall. Sein Gehirn hat dabei schweren Schaden erlitten. Nur grundlegende Funktionen wie Atmen, Schlucken oder Verdauung kann es noch steuern – und eben, in seinem besonderen Fall, das Lachen.  Es gibt viele Begriffe für diesen Zustand. „Wachkoma“ oder „Apallisches Syndrom“ hört man häufig.

Unklar bleibt, was der Bewohner versteht

Worüber Herr N. lacht, bleibt sein Geheimnis. Er hat schon gelacht, als ich mich vorgestellt und erklärt habe, dass ich heute im Wilhelm-Maxen-Haus ein Praktikum mache, um den Alltag in der Pflege von Wachkomapatienten kennenzulernen. Ich sehe mich in seinem Zimmer um, mache ein paar Bemerkungen zu den Postern, den Plüschtieren und den vielen Fotos. Niemand weiß, was er davon versteht. Ich konzentriere mich sehr. Ich möchte ihn wie einen Erwachsenen ansprechen und ertappe mich doch immer mal wieder dabei, dass mir dieser mütterliche Tonfall in die Stimme rutscht. „Sie sehen jünger aus, als Sie sind“, sage ich. Bernd Braasch gibt mir Recht. Das könne man von vielen Wachkomapatienten sagen, erklärt er. Die Haut produziert viel Talg, von Falten keine Spur.

Unter welchem Stress Herr N. stehen muss, der so entspannt und fröhlich wirkt, wird mir erst klar, als Braasch die Decke zurückschlägt. Seine Füße sind in einer Haltung verdreht, die ich mir selbst bei einem Akrobaten kaum vorstellen kann. Braasch schiebt mit einiger Mühe ein Papiertuch in die Armbeuge von Herrn N., wo sich die schweißnasse Haut gerötet hat. „Die Anspannung ist so groß wie bei einem Hochleistungssportler“, erklärt der stellvertretende Pflegedienstleiter. „Und zwar pausenlos.“

Bei Herrn O. sind die Krämpfe noch heftiger. Er reagiert auf fast jede Berührung damit, dass er seinen Körper zusammenzieht. Er grimassiert, wie es manche Wachkomapatienten tun, und reißt die Augen weit auf, als hätte er Angst vor irgendetwas. „Viele Menschen mit dem Apallischen Syndrom bekommen Magenprobleme, weil sie solchen Stress haben – anderen Stress als wir“, erklärt Braasch.

Herr O. wird heute gebadet. Ich halte ihn an Rücken und Schulter fest, während der Pfleger eine Art Hängematte unter seinen Körper schiebt. Mithilfe eines Gerätes auf Rollen, das einem Kran ähnelt, wird er in der Hängematte ins Badezimmer geschoben. Dieses Gerät erleichtert vieles in der Pflege, weiß Braasch: „Früher brauchte man zwei bis drei Leute, um einen Bewohner zu heben.“

Selbst das warme Wasser trägt nicht dazu bei, dass Herr O. sich entspannt. Nach dem Bad rasiere ich ihn. Es ist mein erster Kontakt mit einem Trockenrasierer, und entsprechend stoppelig fällt das Ergebnis aus. Aber ich merke: Wenn ich Herrn O. bitte, den Kopf zu drehen oder das Kinn zu straffen, dann verändert er tatsächlich seine Haltung. „Locker lassen, ganz locker“, fordert der Pfleger ihn immer wieder auf, als er ihn nach der Rasur in eine neue Liegeposition bringt.  „Ich merke, dass er mitarbeiten will. Aber gegen die Krämpfe kommt er selbst nicht an. Das ist ein Reflex, wie der Greifreflex bei einem Baby“, beschreibt es der stellvertretende Pflegedienstleiter.

Er nimmt mich mit ins Dienstzimmer. Im Computer wird die Pflegedokumentation geführt. Für jeden Bewohner müssen Ziele formuliert und ständig kontrolliert werden. Vielleicht hätte ich früher gedacht, dass das ein verzweifelter Optimismus ist angesichts von Patienten mit schweren Hirnschäden. Doch inzwischen denke ich anders darüber. Ich habe gesehen, wie unterschiedlich die betroffenen Menschen sind, dass man mit ihnen in Kontakt treten kann, wenn man nur Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringt, und dass sie immer mal wieder für eine Überraschung gut sind.

Aus dem Koma wacht kaum einer wieder auf

Viele Angehörige, sagt Bernd Braasch, klammern sich voller Hoffnung an Berichte über Wachkomapatienten, die wieder „aufgewacht“ sind. Seiner Erfahrung nach passiert so etwas höchst selten. Die kleinen Wunder im Alltag des Wilhelm-Maxen-Hauses sehen anders, bescheidener aus. Herr N. liegt in seinem Liege-Rollstuhl auf dem Stationsflur, da kommt sein Nachbar Herr C. vorbei. Herr C. ist ebenfalls hirngeschädigt, aber er kann sich in seinem Rollstuhl selbstständig bewegen. Immer wieder ruft er Herrn N. ein munteres „Hal-lo! Hal-lo!“ zu, bis der endlich den Kopf in seine Richtung dreht.  Bernd Braasch schmunzelt: „Stark, oder?“

 

Annedore Beelte

 

Stichwort

Das Seniorenzentrum Wilhelm-Maxen-Haus in Garbsen bietet über einhundert Wohnplätze für pflegebedürftige Bewohner, außerdem auch Hilfsangebote für Senioren, die zu Hause leben: Kurzzeitpflege, Tagespflege, ambulante Pflege und Pflegekurse für Angehörige. Sechs Pflegeplätze stehen für Menschen im Wachkoma zur Verfügung. Hinzu kommen vier Palliativpflegeplätze. Informationen im Internet: www.wilhelm-maxen-haus.de