31.12.2012

Die Konzilsdokumente (2): Konstitution "Dei Verbum" über die göttliche Offenbarung

Suche nach dem Schatz in der Bibel

Worauf gründet sich der christliche Glaube? Darüber gibt das Zweite Vatikanische Konzil eigens Rechenschaft: Woher weiß die Kirche von Gott? Wie kann sie seinen Willen verstehen und auslegen? „Dei Verbum“ (Gottes Wort) ist ein Schlüsseltext des Konzils.

 

Jahrhundertelang erfuhren die meisten Christen über Gott nur, indem sie Predigten hörten und Bilder betrachteten. Nachdem Martin Luther die Bibel übersetzt hatte und mehr und mehr Menschen lesen konnten, erhielten die Gläubigen direkteren Zugang zum Wort Gottes. Dabei galt das starke Interesse an der Bibel lange Zeit als typisch evangelisch.

Erst im 20. Jahrhundert begann die katholische Kirche Bibelwissenschaft und Bibellektüre stärker zu würdigen. Im Trienter Konzil (1545–63) und im I. Vaticanum (1870–71) hatte die katholische Kirche ihre Lehre zur Offenbarung noch abgegrenzt gegen Reformation und rationalistische Philosophie. Mit der Konstitution „Dei Verbum“ legt sie nun positiv und umfassender als je zuvor dar, wie sie Offenbarung versteht.

Das Dokument ist ein Ergebnis harten Ringens. Im November 1962 wurde ein erster Entwurf der Kurie von den Bischöfen scharf kritisiert. Johannes XXIII. brach die Diskussion ab und setz-te eine gemischte Kommission aus Konservativen und Progressiven ein. Aus deren Entwurf entstand unter Einfluss des Konzilsberaters Karl Rahner (1904–84) das endgültige Dokument.

Allerdings behandelt der Text nicht die Fragen, welche die Menschen heute umtreiben: Wie vernahmen die biblischen Verfasser Gottes Mitteilungen? Warum gibt es nach Christus keine neuen Offenbarungen mehr? Wie komme ich angesichts der vielschichtigen Bibel, der Dogmen und Auslegungen überhaupt zum Glauben an Gott?

Im Vorwort erklärt das Konzil, wie in den anderen Dokumenten auch, was es mit dem Text überhaupt erreichen möchte: „Gottes Wort (Dei Verbum) hörend und voll Zuversicht verkündigend“ will das Konzil „die echte Lehre über die göttliche Offenbarung und deren Weitergabe“ vorlegen und dabei die Lehren des Trienter Konzils und des Ersten Vaticanums weiterführen (Nr. 1).

Das erste Kapitel behandelt die Offenbarung an sich: Gott hat beschlossen, sich den Menschen selbst zu offenbaren: Er will ihnen vermitteln, wer er ist und wie er ist. Er lädt sie ein zur Gemeinschaft mit sich und tut das im Lauf der Geschichte durch Worte und Taten (Nr. 2).

Wie aber vermittelt Gott etwas von sich? Zum einen in der Welt, die er geschaffen hat. Außerdem hat er zu Menschen gesprochen: zur frühen Menschheit („Stammeltern“), indem er für sie sorgte. Er offenbarte sich Abraham und anderen Patriarchen, Propheten und Einzelpersonen, indem er zu ihnen sprach, sie im Leben begleitete und gerettet hat (Nr. 3).

Am besten hat Gott sich in seinem Sohn gezeigt, der in Jesus von Nazaret Mensch wurde: So wie Jesus sprach, lebte und handelte, so ist Gott. Mit Jesus Chris-tus hat Gott der Menschheit einen neuen Bund angeboten. Diese Offenbarung aber ist die letzte und endgültige, bevor Christus wiederkommen wird (Nr. 4).

Dieses Angebot sollte der Mensch nicht ausschlagen

Auf Gottes Angebot können die Menschen im „Gehorsam des Glaubens“ reagieren. Der Begriff stammt von Paulus und meint: Der Mensch entscheidet frei, sich Gott ganz anzuvertrauen und seiner Offenbarung zu glauben. Das geht allerdings nicht ohne Gottes Hilfe (Nr. 5). Zusätzlich bestätigt das Zweite Vatikanische Konzil die Aussage des Ersten, dass Gott als Ursprung und Ziel aller Dinge auch nur mit der Vernunft erkannt werden kann (Nr. 6).

Das zweite Kapitel behandelt die Überlieferung der Offenbarung. Die soll für alle Zeiten bewahrt und weitergegeben werden. Deswegen hat Jesus Christus seine Apostel aufgefordert, seine Botschaft weiterzuerzählen. Das haben die Apostel und andere Zeugen getan und unter Einfluss des Geistes aufgeschrieben (Nr. 7).

Die Botschaft von Christus bietet grundsätzlich alles, was die Menschen brauchen zu einem Leben aus dem Glauben. Die Überlieferung der Botschaft entwickelt sich weiter, so dass das Evangelium in den jeweiligen Epochen und Kulturen besser verstanden werden kann. Das geschieht durch geistliche Erfahrungen, Gebet sowie gute Forschung und Lehre (Nr. 8). Die Heilige Schrift und ihre Überlieferung sind eng verbunden. Beide entspringen in Gott als ihrer Quelle und fließen so quasi durch die Geschichte (Nr. 9).

Nur das „lebendige Lehramt der Kirche“ – also weder starre Normen noch private Meinung – kann das geschriebene und überlieferte Wort verbindlich erklären. Allerdings steht es „nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als, was überliefert ist.“ Die Kirche kann also keine neuen Offenbarungen erfinden (Nr. 10).

Im dritten Kapitel möchte das Konzil erläutern, wie die göttliche Inspiration zu verstehen ist und wie die Schrift auszulegen ist. Was Gott von sich geoffenbart hat und was in der Bibel enthalten ist, wurde – so die Formulierung – „unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet“ (Nr. 11). Gott hat dazu Menschen erwählt, die ihm durch ihre Kräfte und Fähigkeiten gedient haben. Er hat es ihnen aber nicht diktiert, sondern sie sind „echte Verfasser“ ihrer Texte.

Als irrtumslos gilt die Heilige Schrift insofern, als dass ihre Verfasser darin jene Wahrheit geschrieben haben, die zum Heil der Menschen nötig ist. Das schließt nicht aus, dass einzelne Sätze, die nicht das Heil betreffen, sachliche oder historische Fehler enthalten können, zumal wenn sie außerhalb ihres Kontextes gelesen werden.

Die biblischen Verfasser und Redaktoren reden und schreiben nach Art der Menschen. Wer also aus der Bibel Gottes Willen lesen möchte, muss die verschiedenen Textarten – Dichtung, Prophetie, Gleichnis, geschichtliche Berichte – richtig lesen können. Dazu muss man auch wissen, wie Menschen in der jeweiligen Zeit und Kultur gedacht, gesprochen und erzählt haben (Nr. 12).

Im vierten Kapitel geht der Text kurz auf das Alte Testament ein. Das Heil, das Gott für die Menschheit will, bereitete er vor, indem er das Volk Israel erwählte. Dieser Bund sollte das Kommen von Christus vorbereiten. Erst im Neuen Bund erhält der alte seinen vollen Sinn (Nr. 14–16).

Gottes Wort ist zu verehren wie der Leib Christi

Das fünfte Kapitel wüdigt das Neue Testament (Nr. 17–20). Es schildert, wie das Wort Gottes in Jesus Christus als Mensch unter Menschen gelebt hat. So hat er durch seine Worte und Taten, seinen Tod und Auferstehung, Gott als Vater umfassend geoffenbart.

Die Evangelien haben in der Bibel besonderen Vorrang, weil sie das Leben Jesu am besten bezeugen. Dafür haben die Evangelisten Texte und mündliche Überlieferungen ausgewählt, redigiert und zusammengefasst. Sie taten das aus eigener Erinnerung und aufgrund dessen, was sie von den Jüngern Jesu erfahren haben.

Das sechste Kapitel erläutert abschließend, welch große Bedeutung die Heilige Schrift im Leben der Kirche hat. So ist die Bibel ebenso verehrungswürdig wie der Leib Christi in der Gestalt des Brotes. Die christliche Religion und alle Verkündigung müssen sich an der Bibel orientieren (Nr. 21). Deshalb sollen alle Gläubigen besten Zugang zur Heiligen Schrift haben, soll die Kirche für gute und brauchbare Übersetzungen sorgen (Nr. 22).

Bibelwissenschaftler sollen unter Aufsicht des Lehramtes die Schriften erforschen und entsprechend Seelsorger ausbilden, damit die wiederum den Gläubigen das Wort Gottes auslegen können (Nr. 23). Das Studium der Bibel soll „die Seele der Theologie“ sein (Nr. 24). Deswegen müssen sich alle Kleriker und Katecheten gründlich mit der Bibel befassen, damit keiner zu „einem hohlen Prediger“ wird (Nr. 25). Auch die übrigen Gläubigen sollen die Bibel lesen, hören und bedenken – im Gottesdienst, privat und in Bibelkreisen (Nr. 26).

Von Roland Juchem

 

Kurz und knapp: Die Offenbarungskonstitution

Das Konzilsdokument „Dei Verbum“ erklärt, was Offenbarung grundsätzlich ist: Gott geht auf die Menschen zu, spricht sie als Freund an, teilt ihnen seine Liebe mit und verschenkt sich. Darüber informiert vor allem die Heilige Schrift. Deswegen stärkt das Konzil deren Rolle und die der Bibelwissenschaft in der katholischen Kirche. Die Bibel wird jetzt als höchste Richtschnur des Glaubenslebens aufgewertet; alle sollen sie studieren und lesen.

Allerdings bilden die Bibel und die kirchliche Tradition mit ihrer Auslegung eine Einheit. Die kirchlichen Lehren in den Dogmen können fortgeschrieben werden, und die christliche Botschaft kann in der jeweiligen Zeit so klarer verstanden werden.

Das Lehramt steht nicht über der Heiligen Schrift, sondern muss ihr dienen. Bibelwissenschaft wird anerkannt; mit der Überlieferung und dem Lehramt soll sie helfen, Gottes Wort besser zu verstehen. Das Bibelstudium ist „die Seele der Theologie“ und Grundlage von Predigt und Verkündigung. (ju)

 

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