05.07.2017

Wirbel im Vatikan

Supermann kriegt auch Gegenwind

Im Vatikan gab es in der vergangenen Woche zwei gewichtige Personalentscheidungen. Sie kommen einem Erdbeben gleich und verweisen nicht als einzige auf grundlegende Probleme für Papst Franziskus, der in der Kirche für Wirbel sorgen will.


Foto: kna
Grafitto von Papst Franziskus in einer römischen Straße
Foto: kna

Am Donnerstag teilte der Vatikan mit: Kardinal George Pell, der „Wirtschaftsminister“ des Papstes, lässt sein Amt ruhen, weil die Staatsanwaltschaft seines Heimatlandes Australien gegen ihn ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Zwei Tage später wurde bekannt, dass der Papst die Amtszeit von Kardinal Gerhard Ludwig Müller als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verlängert.

Dass beide Entscheidungen zeitlich zusammentreffen, ist zufällig. Gleichwohl weisen beide Ereignisse auf gravierende Probleme im aktuellen Pontifikat: 1. Die Glaubwürdigkeit des päpstlichen Kampfes gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche könnte einen deutlichen Dämpfer erhalten. 2. Die stark seelsorglich angelegte Theologie des Papstes aus Lateinamerika ist innerkirchlich umstritten.

Nicht nur Kardinal Müller hat verschiedentlich klar gemacht, dass er theologisch anders denkt als der aktuelle Nachfolger des Petrus. Vor kurzem war bekannt geworden, dass die vier Kardinäle Burke, Caffarra, Meisner und Brandmüller, die bereits im Herbst 2016 Teile von Franziskus’ Ehelehre in „Amoris laetitia“ anzweifelten, erneut um eine Audienz ersuchen. Sie wollen dem Papst über gravierende Zweifel und drohende Spaltungen in der Kirche berichten.

Die seien verursacht durch die pastorale Öffnung hin zu einer möglichen Beichte sowie Zulassung zur Eucharistie für wiederverheiratet Geschiedene in Einzelfällen. Zudem sehen sie moraltheologische Grundsätze der katholischen Lehre in Frage gestellt. Der Papst hat dazu indirekt gesagt, nicht alles im Leben sei schwarz oder weiß. Und im übrigen seien seine Aussagen dazu klar. Viele Bischöfe und Theologen sehen das ebenso – aber eben nicht alle.

Franziskus bleibt gefeiert – und umstritten. In römischen Gassen tauchen ab und zu Graffiti auf, die ihn etwa als Supermann zeigen. Dagegen lästern Internetkommentare über den „Bergoglio-Papst“, der die Kirche selbst zu einem Patienten des von ihm zitierten Feldlazaretts mache. So schnell wird er stark konservative Kräfte oder andere Kritiker in der katholischen Kirche nicht ruhigstellen. Ein bloßes Machtwort – auch das eines Papstes – reicht oft nicht. So gibt es derzeit Ärger in Nigeria.


Auch in der katholischen Kirche reichen Machtworte des Papstes nicht

Dort verweigern dem 2012 ernannten Bischof von Ahiara fast sämtliche Gläubige und Priester die Gefolgschaft: Er stamme von einem anderen Volk und sei nicht im Bistum verwurzelt. Anfang Juni nun verlangte Franziskus von den rund 70 Priestern des Bistums binnen 30 Tagen eine schriftliche Loyalitätserklärung. Wer dies verweigere, werde suspendiert. Am vergangenen Wochenende haben in Ahiara erst mal Tausende Gläubige gegen den ernannten Bischof protestiert – unter ihnen etliche Priester.

Wie die Kurienreform des Papstes sich weiter entwickelt, ist ebenfalls unsicher. Dass Franziskus an der Kurie nicht nur Freunde hat, ist bekannt. Die neuen Kardinäle von den Rändern der Weltkirche, die er vergangene Woche ernannt hat, werden ihm nur bedingt helfen können. Sie kennen sich oft kaum, sind meist weit weg und nicht so vernetzt wie die Bischöfe und Kardinäle rund um den Vatikan.

Von Roland Juchem