09.11.2017

Trauer und Trost – in Stein gemeißelt

Grabsteine mit ihren unterschiedlichen Symbolen von christlich bis weltlich geben Auskunft über einen Verstorbenen. Immer öfter erzählen sie uns etwas über den, der hier zur letzten Ruhe gebettet wurde, sagt Steinmetzmeister Delfino Roman.

Das häufigste Symbol auf Grabsteinen ist das Kreuz
in unterschiedlichen Formen. Es steht für den Sieg
Christi über den Tod und die Hoffnung auf das
ewige Leben bei Gott. | Fotos: Edmund Deppe

Hildesheim. Auf alten Grabsteinen aus vergangenen Jahrhunderten kann man noch heute ganze Geschichten über den Verstorbenen, seine Familie oder auch die Umstände des Todes herauslesen. Immer dabei sind christliche Symbole, vor allem das Kreuz, die Gottesmutter, Engel oder die Heimatkirche. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es zumindest auf katholischen Friedhöfen klare Auflagen, was auf einen Grabstein neben dem Namen des Verstorbenen, seinem Geburts- und Todestag noch an Symbolen eingemeißelt werden durfte, weiß Steinmetzmeister Delfino Roman. „Da mussten Entwürfe einge­reicht werden. Und nicht ganz eindeutige christliche Motive mussten begründet werden.“

Er erinnert sich da an einen Fall, als ein Feuerwehrmann gestorben war und auf dem Grabstein eine Leiter abgebildet werden sollte. „Da lag natürlich das Bild der Jakobs- oder Himmelsleiter nahe“, sagt der Steinmetz lächelnd. Oder auf einem katholischen Friedhof durften bis vor 40, 50 Jahren die betenden Hände von Albrecht Dürer nicht eingemeißelt werden. „Die Begründung lautete: Dürer war ja schließlich ein Protestant“, weiß er noch. Doch diese Zeiten sind zum Glück vobei. „Seit 1897 existiert unser Steinmetzbetrieb, mein Urgroßvater hat ihn gegründet und ich führe ihn nun bereits in der vierten Generation. In dieser Zeit hat sich auch im Bereich der Grabsteine und der Trauerkultur einiges geändert“, betont Roman.

Grabsteine erzählen vom Leben des Verstorbenen

„Noch vor 20, 30 Jahren wurden Grabsteine wie aus dem Katalog ausgesucht. Die Angehörigen gingen durch unsere Ausstellung, suchten einen Grabstein aus, dann wurde vielleicht noch das Symbol ausgetauscht und gut war es.“ Heute, so Delfino Roman, sieht das anders aus. „Grabsteine werden ganz individuell gestaltet. Sie entstehen nach und nach in zum Teil intensiven Gesprächen. Was wir hier heute machen ist Trauerarbeit. Grabsteine sind Trauer und Trost in Stein gemeißelt. Sie sind nicht mehr nur Dokumente des Todes, sondern viel mehr erzählen sie vom Leben desssen, der hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat“, sagt Delfino Roman. „Wir versuchen zusammen mit den Angehörigen etwas zu schaffen, dass an den Verstorbenen erinnert. Dabei ist das oft nur für den Insider, die Familienangehörigen und Freunde zu erkennen, weil es nur ganz dezente  Hinweise sind und andere Friedhofsbesucher die Hobbies und Leidenschaften des Verstorbenen nicht kennen. Aber für die Hinterbliebenen ist es wichtig.“
 

„Grabsteine erzählen vom
Leben der Verstorbenen“, sagt
Steinmetzmeister Delfino Roman
und zeigt den Entwurf eines
Grabsteins für einen Bergwanderer.

Da ist zum Beispiel die Brille auf dem Stein des Bücherliebhabers, die aussieht, als hätte er sie gerade auf dem Nachtschrank abgelegt. Das Gipfelkreuz mit dem Bergpanorama erinnert an den leidenschaftlichen Bergwanderer, das Segelboot an den Segler, die Taube an den Taubenzüchter und der Notenschlüssel an den Musiker – oder der Fußabdruck eines nur wenige Tage alt gewordenen Kindes.

Vieles ist heute dank moderner Technik der Steinbearbeitung möglich, was noch vor 30 Jahren kaum machbar gewesen wäre. „Außerdem gab es früher nur einen Stein, der bearbeitet wurde. Heute werden oft verschiedene Materialien kombiniert: unterschiedliche Steinsorten, Stein und Bronze oder vergoldet Motive und hebt sie dadurch hervor“, erläutert der Steinmetz neue Trends.  

Und wenn es mal ganz klein sein muss, zum Beispiel für eine genormte Steinplatte auf einem Rasengrab, dann kann man auf eine kleine gegossene Bronzetafel zurückgreifen. „Auch hier gibt es viele, schöne Motive“, versichert er.

Ein wichtiger Teil im Trauerprozess

Delfino Roman weiß: Ein Grabstein ist für die Hinterbliebenen mehr als nur ein Erinnerungsstein. Mit den Gesprächen zur Gestaltung, die Überlegungen zur Materialwahl, bis hin zum Aufstellen  ist er ein wichtiger Bestandteil der Trauerbearbeitung. Der Steinmetz geht sogar noch einen Schritt weiter. „Ich glaube, dass mit dem Grabstein, wenn er gesetzt ist, ein wichtiger Teil im Trauerprozess abgeschlossen ist.“

Edmund Deppe
 

Symbole auf Grabsteinen und ihre Bedeutung

  • Ähren und Trauben sind Symbole für Brot und Wein. Sie erinnern an das letzte Abendmahl und symbolisieren die enge Verbindung zwischen Christus und den Menschen.
  • Alpha und Omega – der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets – stehen für Anfang und Ende und gelten als Schlüssel des Universums. In der Offenbarung des Johannes bezeichnet sich Jesus als Alpha und Omega: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ziel.“
  • Bäume sind Zeichen des Friedens, des Lebens und der Auferstehung und Unsterblichkeit. Im Herbst werfen sie das Laub ab, um im Frühjahr wieder neue Knospen zu treiben.
  • Betende Hände sind ein Zeichen für das Vertrauen zu Gott. Die Lebenden geben den Verstorbenen in Gottes Hände. Im Gebet sind sie weiterhin mit ihm verbunden.
  • Aufgeschlagene Bücher können im Christentum die Bibel verkörpern. Sie beziehen sich auf religiöse Gelehrsamkeit und Frömmigkeit. Nach der Offenbarung des Johannes wird das Buch außerdem zum „Buch des Lebens“. Demnach können aufgeschlagene Bücher als Symbol für ein erfülltes Leben interpretiert werden.
  • Engel sind Boten Gottes und die Wegbegleiter des Menschen. Als Schutzengel wachen sie über die Lebenden und begleiten die Verstorbenen zu Gott.
  • Fackeln, Kerzen, Flammenschalen oder der siebenarmige Leuchter sind Lichtsymbole: Sie spenden Hoffnung in der Dunkelheit.
  • Der Fisch ist ein häufig verwendetes und eines der ältesten Christus-Zeichen. Schon früh nutzten Christen das Symbol als Erkennungszeichen. Seine griechische Bezeichnung „ICHTHYS“ enthält die Anfangsbuchstaben zu „J(esous), Ch(risto), T(heou), Y(ios), S(oter)“ (übersetzt: „Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland“)
  • Die Lilie verkörpert – vor allem in weiß – Reinheit und Unschuld. Sie ist gleichzeitig ein Symbol der Auserwählten und der Gnade Gottes.
  • Die Rose ist das Zeichen der Mutter Gottes und steht für ewige Liebe, Schönheit und Reinheit. Ihre Dornen symbolisieren aber auch das Leiden und den Schmerz.
  • Schiffe und Boote symbolisieren den Lebensweg des Menschen und die Überfahrt in die Ewigkeit: Zunächst verlässt der Mensch den sicheren Hafen, dann überquert er die manchmal stürmischen Meere (Leben) in der Geborgenheit des Schiffes (Glauben), um am Schluss wieder in den Hafen zurückzukehren (Ewigkeit).
  • Über die Verpuppung verwandeln sich kriechende Raupen in fliegende Schmetterlinge. Sie symbolisieren das Sterben und die Auferstehung.
  • Mond und Sterne erhellen die Dunkelheit der Nacht, die Sonne spendet Licht und Wärme und ist Sinnbild für das Leben. Der Sonnenaufgang erinnert immer wieder an den auferstehenden Christus.
  • Wenn eine Taube auf einem Grabstein abgebildet ist, die von unten nach oben fliegt, steht sie für die aufstrebende Seele. Wird sie im Flug von oben nach unten dargestellt, symbolisiert sie den Heiligen Geist. Trägt sie einen Olivenzweig im Schnabel gilt sie in Erinnerung an das Ende der Sintflut als Symbol der Versöhnung und des Friedens.
  • Wege und Wegzeichen wie Steinmännchen symbolisieren den Lebensweg eines Menschen. Im christlichen Sinn weisen sie auf die Richtung zur ewigen Heimat hin.