08.05.2017

Thüringer Franziskaner ist Organist der Jerusalemer Grabeskirche

Traumjob mit Einschränkungen

Feste Zeiten, genaue Vorgaben: Der Thüringer Franziskanerpater Petrus Schüler ist Organist in der Jerusalemer Grabeskirche.


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Die frisch restaurierte Grab-Rotunde in der Jerusalemer Grabeskirche. Foto: kna

 

In den beiden bedeutendsten Kirchen der Christenheit stehen gleich mehrere Orgeln für die musikalische Begleitung der Liturgien bereit. Die Organisten dürfen sie jedoch nur für Gottesdienste und nur zu genau festgelegten Zeiten benutzen. Üben oder Einspielen kommt nicht in Frage, konzertieren erst recht nicht. James Edward Goettsche, US-Amerikaner und seit 1989 Cheforganist im Petersdom, ließ sich daher für seine Privatwohnung ein elektronisches Instrument nachbauen. Und wenn der Papst im Sommer auf öffentliche Termine verzichtet, geht der Kalifornier auf Konzertreisen in alle Welt.

Dazu hat sein Jerusalemer Kollege Petrus Schüler, Franziskanerpater aus Thüringen, kaum Gelegenheit. Sein Einsatzplan wird komplett vom "Status quo" bestimmt, dem für die Grabeskirche geltenden Regelwerk, der den verschiedenen Kircheneignern genaue Nutzungszeiten und -orte zuweist. Da sind die Morgenmessen um 6.30 Uhr am Heiligen Grab und freitags am Golgotha-Altar. Zudem begleitet er 40 Mal im Jahr eine nächtliche Vigil, zu der er sich mit seinen Ordensleuten zwischen 20 und fünf Uhr in dem Gotteshaus einschließen lassen muss.

Und natürlich spielt Schüler bei der Prozession der Franziskaner, die täglich ab 16 Uhr die wichtigsten Punkte der Grabeskirche aufsucht - etwa die Helena-Kapelle oder den Salbungsstein. Schüler hat unterdessen schon auf seiner Empore Platz genommen. Statt fliegender Notenblätter benutzt er meist ein iPad. Und wenn die Prozession sich der soeben restaurierten Grab-Rotunde nähert, braust plötzlich die Orgel auf. Sie erfüllt mit ihrem Volumen den ganzen Kirchenraum und zeigt an: Jetzt feiern die Katholiken.

 

Seit drei Jahren Hauptorganist in der Grabeskirche

Der Organist hat zum Geschehen in der Kirche unter ihm allerdings keinen Sichtkontakt. Eine Kamera gibt es nicht. Notfalls hilft ein Sakristan mit einem Glockenzeichen. Schüler kann die drei Orgeln der Grabeskirche - alle sind von der Voralberger Orgelbaufirma Rieger - freilich nicht nach Belieben nutzen, sondern nur im Rahmen des "Status quo".

Der gut sichtbare Pfeifenprospekt bei der Sakramentskapelle der Franziskaner gehört gar nicht zu der auf 39 Register ausgelegten Hauptorgel, die 1982 vom Wiener Kardinal Franz König eingeweiht wurde. Deren Pfeifen sind in einer hohen Empore versteckt, von unten kaum erkennbar. Allerdings kann der Organist beide Instrumente vom gleichen Spieltisch aus bespielen.

Ein besonderes Juwel ist die Orgel in der Golgotha-Kapelle, ein zweimanualiges und fünf Register umfassendes Instrument. Sie wurde erst im vergangenen Oktober eingeweiht. Schüler, Absolvent des Bamberger C-Kurses, betrachtet es als große Ehre, am Heiligen Grab den Orgeldienst versehen zu können - auch wenn er seine sozialen Kontakte infolge der häufigen Abend-Einsätze stark reduzieren muss.

Im Heiligen Land ist er seit 2007, Hauptorganist der Grabeskirche seit drei Jahren. "Hier ist kein Tag Routine." Es kämen immer neue Pilgergruppen. "Wir feiern hier jeden Tag Ostern. Wir bekommen das ganze Leben der Grabeskirche mit." Überhaupt sei das Tragende hier die "Begeisterung für das Fünfte Evangelium" - die Liebe zum Heiligen Land.

Von den berüchtigten Streitigkeiten unter den verschiedenen Konfessionen bekommt er nichts mit. Sein Umgang sei sachlich, ja herzlich. "Ich hatte all die Jahre kein Problem, habe kein scharfes Wort gehört". Natürlich gibt es auch mal Streit: Beim Großreinemachen kurz vor Jahresende etwa ist der Krach oft vorprogrammiert.

Dem Wunsch eines jeden Organisten, sein Instrument auch konzertant zu bespielen, kann Schüler in der Grabeskirche nicht entsprechen. Allerdings hat er während der morgendlichen Messen in der Regel meist einige Minuten, um etwas Literatur zu spielen.

Doch ist der Orgeldienst in der Grabeskirche nur eine von Schülers Aufgaben. Seit Jahresbeginn hat er - Schüler gilt als exzellenter Kenner der biblischen und nachbiblischen Landeskunde - auch die Leitung der Franziskanerzeitschrift für das Heiligen Land übernommen, eine Pflichtlektüre für Freunde der Region. Bleibt abzuwarten, wie lange er die Doppelbelastung stemmt. Einen geeigneten Organisten für die ehrwürdigste Kirche der Christenheit zu finden, dürfte indes nicht leicht sein.

kna