14.01.2014

Dekanat Lüneburg

Viel Ruhe und einige Lichtblicke

In Neuhaus auf dem östlichen Elbeufer sei er noch nie gewesen, sagt Dechant Carsten Menges. Das liegt nicht an mangelndem Interesse, sondern schlicht an den Entfernungen: Seelsorge im Nordosten des Bistums Hildesheim ist vor allem mit weiten Wegen verbunden.

Vor dem Wilseder Berg blüht die Heide. Romantik pur lockt jährlich vier Millionen Besucher. Doch die Ruhe hat auch Schattenseiten.

Sie schätzen diese unglaubliche Ruhe, die bis zum Horizont und weiter reicht. Die scheint sich bis weit in den Osten Europas herumgesprochen zu haben. Jedenfalls werden seit einigen Jahren immer wieder mal Wölfe gesichtet in der Lüneburger Heide. Ein paar mögen es sein – nichts also gegen die Zahl von vier Millionen Touristen jährlich, die diese Ruhe ebenfalls schätzen und auf dem Fahrrad, mit der Kutsche und als Autotouristen Richtung Wilseder Berg oder in die Elbtalauen aufbrechen, im Hofladen Kartoffeln und Heidschnucken-Salami kaufen oder durch die historische Lüneburger Altstadt schlendern. Sie lieben diese Ruhe. Andere müssen sich mit ihr arrangieren.

„Zahlenmäßig spielen wir kaum eine Rolle“

Wenn Dechant Menges unterwegs Richtung Lüchow ist, kommt er auf der 70 Kilometer langen Strecke durch Ortschaften mit lustigen Namen. Dübbekold zum Beispiel oder Puttball oder Redemoißel. Aufgelistet sind sie und 300 weitere im Schematismus, dem Adressbuch des Bistums Hildesheim, unter dem Namen der Pfarrgemeinde St. Agnes. Sie Dörfer zu nennen, wäre bei den allermeisten eine maßlose Übertreibung. Hier leben etwa 2700 katholische Christen, eine durchaus überschaubare Zahl.

Doch Pfarrer Hans-Günter Sorge könnte sich noch viele Male mit seinem Wohnmobil auf den Weg machen – wenn er im Frühjahr nach seiner Vertretungszeit eine neue Aufgabe übernimmt, hat er längst nicht alle persönlich kennengelernt. Ohne ein funktionierendes Netzwerk, das vor allem auf einem intensiven Austausch über E-Mails funktioniert, sind Kontakte kaum zu halten. Da kann es durchaus vorkommen, so berichtete jedenfalls sein Vorgänger, dass im Pfarrbüro erst mit wochenlanger Verzögerung der Tod eines Gemeindemitglieds bekannt wird. Die Beerdigung hatte kurzerhand der evangelische Mitbruder übernommen…

„Wer in unserem Dekanat Lüneburg katholisch ist, gilt vielerorts als Exot“, sagt Dechant Carsten Menges. „Zahlenmäßig spielen wir in der weiten Fläche kaum eine Rolle.“ Bei offiziellen lokalen Ereignissen können er und seine Mitbrüder nur selten Präsenz zeigen. „Dass wir uns oft von Gemeindemitgliedern vertreten lassen müssen, wird nur schwer akzeptiert.“

Kinder und junge Familien hat die Lüneburger Pfarrgemeinde St. Maria im Blick: Dechant Carsten Menges beobachtet, wie zur Eröffnung der neuen Kindertagesstätte vor zwei Jahren der Haupteingang freigegeben wird.  Fotos: Stefan Branahl

Vier Gemeinden gehören zum Dekanat Lüneburg und damit in den Verantwortungsbereich von Menges. Vier Gemeinden, die unterschiedlicher nicht sein können. Da ist – ganz im Norden – Bleckede mit der Kirche St. Maria Königin vom hl. Rosenkranz. Zwei kleine Kirchen im Umkreis könnten geschlossen worden, weil sich Gottesdienste für die Handvoll Menschen nicht mehr lohnen. Andererseits: Wer in die Filialkirche nach Neuhaus will, ist entweder auf die Elbfähre angewiesen oder muss einen Umweg von 60 Kilometern in Kauf nehmen. An Religionsunterricht ist in einer solchen Situation nicht zu denken. Menges: „Ich kenne Eltern, die ihre Kinder evangelisch taufen ließen, damit sie nicht als Paradiesvögel gelten.“ Lichtblick: Gerade in Bleckede gibt es junge Leute, die sich besonders für die Bolivienpartnerschaft des Bistums engagieren.

Da ist Uelzen mit seiner Pfarrgemeinde Zum Göttlichen Erlöser, zu der immerhin 6500 Katholiken an vier Kirchorten gehören. Franziskaner aus Polen halten sie zusammen und haben das Kloster zu einem geistlichen Zentrum ausgebaut.

Vier Gemeinden mit großen Unterschieden

Da ist das bereits erwähnte Lüchow, das im März den 100. Weihetag der Kirche St. Agnes feiern wird und darüber hinaus an 150 Jahre katholisches Leben im Wendland erinnert. Vielleicht, so hofft Menges, könnten durch den geplanten Dekanatstag im Mai mit einem damit verbundenen Pilgerweg neue Kontakte entstehen. Seit Jahren sind es vor allem die Gorleben-Problematik und ein daran erinnernder Kreuzweg der Schöpfung, die die Gemeinde über das Dekanat hinaus regelmäßig in Erinnerung bringen.

Und da ist vor allem Lüneburg  als katholischer Schwerpunkt des Dekanates. Auf die alte Salzstadt mit ihren umliegenden Ortschaften Amelinghausen und Adendorf konzentriert sich etwa die Hälfte der katholischen Christen, rund 12 000 sind es.

In Lüneburg selbst hat sich St. Marien zum Schwerpunkt entwickelt. Die Gemeinde profitiert von der Attraktivität der Stadt und vor allem der Nähe nach Hamburg. Kaum eine Region gibt es in Deutschland, die bessere Zukunftsprognosen hat. Und so sind es vor allem junge Familien, die sich hier niederlassen. Das wirkt sich natürlich auf die Pfarrei aus. Dechant Menges kann Zahlen nennen, die andernorts reine Illusion wären: Das Durchschnittsalter der Gemeinde liegt bei 41 Jahren, jedes fünfte Mitglied ist jünger als 20 Jahre. Und das nicht nur auf dem Papier: Im Kindergottesdienst sitzen bis zu 120 Jungen und Mädchen in den Bänken. 70 Anmeldungen lagen für die Vorbereitung auf die Erstkommunion vor. Die Kindertagesstätte platzt aus allen Nähten. Weil für die in diesem Jahr acht frei werdenden Plätze der Krippe 80 Bewerbungen eingingen, ist eine zweite in Planung. Besonders gestaltete Gottesdienste wie das Nachteulen-Spezial ziehen Menschen an, die sich normalerweise für Angebote der Kirche wenig interessieren. Das sind Entwicklungen, die aufhorchen lassen. Doch Illusionen möchte sich Dechant Menges nicht hingeben: „Die Angebote für junge Familien und Kinder boomen. Aber sie sind zuerst durch motivierte Mitarbeiter getragen und könnten einen falschen Optimismus wecken.“ Nicht zuletzt wegen der hohen Fluktuation: Langfristig bindet sich heute kaum noch jemand an seinen Wohnort. Und selbst, wer ein Haus baut – sollte eine neue Arbeitsstelle locken, sind die Koffer schnell gepackt.

Der Ökumene-Elan der Anfangsjahre ist vorbei

Ganz anders geprägt als St. Marien ist der Einzugsbereich von St. Stephanus im Stadtteil Kaltenmoor. Hier, wo in Schlichtbauten und Hochhäusern vor allem Migranten und sozial schwache Familien leben, wurde die Kirche vor 40 Jahren als katholischer Teil des ersten ökumenischen Zentrums in Deutschland gebaut. „In den Anfangsjahren war der Wunsch nach Aufbruch in der Ökumene weit ausgeprägter als heute“, sagt Dechant Menges. Heute konzentriert sich die Arbeit rund um das Kirchenzentrum in erster Linie auf soziale Angebote und Unterstützung. Menges: „Schwerpunkt in Kaltenmoor ist eindeutig unsere gemeinsame Verantwortung für die Menschen des Stadtteils.“

Stefan Branahl

 

Das Dekanat in Kürze

Zum Dekanat Lüneburg gehören vier Pfarrgemeinden mit insgesamt 22.000 Katholiken: 

  • Pfarrgemeinde St. Maria Königin vom hl. Rosenkranz, Bleckede, mit den Filialkirchen Mariä Himmelfahrt, Neuhaus, und St. Michael, Dahlenburg
  • Gemeinde St. Agnes, Lüchow mit der Filialkirche St. Peter und Paul, Dannenberg
  • Pfarrgemeinde St. Marien, Lüneburg mit den Filialkirchen St. Stephanus, Lüneburg, Christ König, Adendorf und St. Godehard, Amelinghausen sowie der Hospizkapelle St. Marianus
  • Pfarrgemeinde Zum Göttlichen Erlöser, Uelzen mit den Filialkirchen Mariä Heimsuchung, Ebstorf, St. Bonifatius, Bad Bodenteich und St. Joseph, Bad Bevensen

Einrichtungen

  • Kindertagesstätte St. Marien (mit Krippe), Lüneburg
  • Kinderhort St. Marien, Lüneburg
  • St.-Ursula-Grundschule, Lüneburg
  • Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe St. Bonifatius sowie den Sprachheilkindergarten St. Bonifatius.
  • Caritasverband Lüneburg
  • Mehrgenerationenhaus „Geschwister-Scholl-Haus“, Lüneburg
  • Ökumenische Ehe- und Lebensberatung, Lüneburg
  • Katholische Hochschul-Gemeinde Lüneburg
  • Tourismus-Seelsorge

Orden

  • Franziskaner-Minoriten in Uelzen