Ein neues Leben beginnen

Was hat Gott mit mir vor?

„Denkt nicht mehr an das, was früher war, auf das, was vergangenen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, ich mache etwas Neues.“ Was Jesaja hier vorschlägt, ist leichter gesagt als getan. Vor allem, wenn man etwas so Schreckliches erlebt wie Constanze Falkenberg. Und trotzdem: Sie versucht es.

Constanze Falkenberg am Grab ihrer Familie (Szenenfoto aus der Doku „Nach dem Abgrund einfach weiter. Der erstaunliche Lebensmut der Constanze F.“, die das Bayerische Fernsehen am 24. März, 19 Uhr, wiederholt). Foto: BR

Kann man mehr als allein sein? Eigentlich nicht, denn „alleiner als allein“ – das geht ja nicht.
Und doch: Constanze Falkenberg ist mutterseelenallein, als sie wenige Tage nach einem Autounfall aus dem Krankenhaus entlassen wird. Sie kommt zurück in ein Haus, das sie am Samstag zuvor mit Ehemann Jörg und den Kindern Vanessa (13), Erik (11) und Amelie (7) verlassen hat, um Jörgs Eltern in Nürnberg zu besuchen

Die Falkenbergs aus Spöck bei Karlsruhe sind eine Bilderbuchfamilie. Mutter Constanze ist mit Hingabe und Freude Familienfrau. Dafür hatte sie schon während ihrer ersten Schwangerschaft ihren langweiligen Job bei einer Firma in der Nähe aufgegeben. Dort, in der Firma, hatte sie auch den Werkstudenten Jörg kennengelernt, ihren späteren Mann, ihre ganz große Liebe. „Ja, das mit Jörg, das war etwas ganz Großes“, erinnert sie sich heute, und: „Wir hatten in allem dieselbe Wellenlänge und wussten, dass wir zusammengehören.“

Sie fragt nach dem Sinn des eigenen Überlebens

Damals, am Morgen des 3. November 2012, ist die Welt der Constanze Falkenberg noch in Ordnung. Aber am Abend ist nichts mehr, wie es mal war. Die Falkenbergs sind auf der Heimfahrt nach einem schönen Tag bei den Großeltern in Nürnberg, als ein Lkw von der Gegenspur der Autobahn die Leitplanke durchbricht und voll auf ihr Auto zurast. Kurz nach dem Aufprall geht der Wagen in Flammen auf. Vater Jörg und die drei Kinder verbrennen. Nur Constanze wird gerettet. Wie durch ein Wunder kommt sie mit einigen vergleichsweise leichten Brüchen davon und wird ins nahegelegene Krankenhaus Öhringen gebracht.

Wenn sie sich heute – mehr als drei Jahre nach dem Unfall – an ihre Gedanken und die erste Nacht auf der Intensivstation erinnert, kommt ihr vieles irrational vor. Trotz starker Medikamente findet sie keinen Schlaf. Sie grübelt, ob sie sich künftig allein über Wasser halten kann, ob sie sich einen Job suchen soll, eventuell das Haus verkaufen muss. Sie denkt an den Laptop im ausgebrannten Auto. Auf dem hat sie die Vorbereitungen für ein Vereinsjubiläum gespeichert. Sie hofft, dass sie für die Daten zu Hause ein Backup gemacht hat.

„Was hat Gott wohl noch mit mir vor?“ Das ist ihr erster Satz nach dem Unfall, als ihr der Krankenhausseelsorger am nächsten Morgen die unvorstellbar schreckliche Nachricht vom Tod der geliebten Familie überbringt. Constanze Falkenberg ist ganz ruhig. Da ist kein Hadern mit Gott und dem Schicksal, keine Verzweiflung, kein Aufschrei, sondern nur die Frage nach dem Sinn ihres eigenen Überlebens. Gemeinsam mit dem Geistlichen betet sie für ihren Mann und die Kinder, für ihre Eltern und die Schwiegereltern, die ihren einzigen Sohn verloren haben.

Obwohl Constanze Falkenbergs Erinnerung an den Unfall auch nach drei Jahren noch immer absolut präsent ist, strahlt sie Ruhe und Zuversicht aus. Ihre Kraft und Stärke schöpft sie aus ihrem Glauben. Denn: „Von Anfang an war ich mir sicher, dass mein Mann und meine Kinder gut aufgehoben sind, dass es ihnen gutgeht, dort, wo sie jetzt sind.“

Dieser Gedanke ist es auch, der ihr hilft, wenn sie sich mutterseelenallein fühlt. Die Gewissheit, dass es ihrer Familie gutgeht, tröstet sie, wenn der Kummer kommt und sie die Trauer überfällt. Dann will sie allein sein mit ihren Erinnerungen, mit ihren Lieben. Dann geht sie zum Friedhof, wo sie ihrer Familie ganz nah ist und sie mit den Verstorbenen sprechen kann.

Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde

„Wichtig ist es, dass es einen Platz gibt, an dem ich die Toten besuchen kann, wenn ich es möchte“, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper. Sie leitet das Institut für Familientrauerbegleitung „Lavia“ in Gelsenkirchen. Die Trauerbegleiterin weiß, dass es viele Trauerwege gibt. Die Erinnerung an die Verstorbenen ins Leben zu integrieren, so wie es Constanze Falkenberg macht, ist einer davon. Ein anderer: Constanzes Glauben, dass Gott vielleicht noch etwas mit ihr vorhat. Diese innere Haltung könnte überlebensnotwendig für sie gewesen sein, glaubt die Trauerbegleiterin. „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“, so sagt es Jesaja.

Die erste Zeit nach dem Unfall: Wie früher schon engagiert sich Constanze Falkenberg in der Kirchengemeinde St. Georg in Spöck, wo sie als Lektorin und im Pfarrgemeindeteam aktiv ist. Hier findet sie Halt und Menschen, die sie verstehen. Doch es gibt auch andere, die lästern, wenn sie sich nicht als Trauernde in der Öffentlichkeit zeigt, sondern als Frau mitten im Leben, die mit ihren Freundinnen gern lacht, die für Marathon und Radrennen trainiert, die sich bei einem Gospelworkshop lauthals ihren Kummer von der Seele singt. „Jeder trauert anders und empfindet eben auch seine Trauer anders“, sagt Trauerbegleiterin Schroeter-Rupieper dazu. Constanze Falkenberg trägt ihr Leid nicht nach außen, sondern macht ihren Kummer mit sich allein aus.

Schroeter-Rupieper rät auch, den Verstorbenen einen Ort zuzuweisen und sich selbst auf ein neues Leben einzulassen. Die Ausbildung zur Physiotherapeutin ist Constanze Falkenbergs Aufbruch in eine neue Zukunft. Warum Physiotherapeutin? Sie weiß es nicht genau. Sie weiß aber, dass sie auf dem richtigen Weg ist, denn: „Ich denk, dass mich was führt.“ Im nächsten Jahr, wenn die Prüfungen geschafft sind, will sie im eigenen Haus eine Praxis einrichten, die Liege ist schon da.
Und dann erzählt sie von weiteren Plänen. Der Jakobsweg wartet noch, vielleicht will sie auch Cello spielen lernen, ein Buch schreiben oder erstmal einen Blog. Alles zu seiner Zeit.

Von Marilis Kurz-Lunkenbein