27.09.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen einer Tagesstätte für Behinderte

Was heißt schon behindert?

„Müssen die sein?“ „Die“ sind Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden. Unausgesprochen steht diese Frage immer über Einrichtungen für sie – auch über der Caritas-Tagesstätte St. Raphael.

Recht gehabt: Unter dem roten Spielstein liegt die Karte mit dem Flugzeug. Schon wieder deutet sich für mich eine Niederlage an. Erinnern, was wo liegt, ist eine klassische Erwachsenen-Schwäche. Foto: Iris Blank
Recht gehabt: Unter dem roten Spielstein liegt die Karte mit
dem Flugzeug. Schon wieder deutet sich für mich eine
Niederlage an. Erinnern, was wo liegt, ist eine klassische
Erwachsenen-Schwäche. Foto: Iris Blank

Duderstadt. Hand auf‘s Herz – Haben Sie sich nicht auch schon diese Frage gestellt: Ist es nicht besser, wenn geistig Behinderte gar nicht erst geboren werden? Sie leiden doch ein Leben lang. Und die Familien auch. Also: Muss das sein?

Die Antwort ist so lakonisch, wie die Ausgangsfrage überflüssig ist: Warum nicht? Da brauche ich nach einem Tag St. Raphael weder politische Maximen noch christliche Dogmen zu bemühen –  wie „jeder Mensch ist einzigartig und gleich wertvoll“. Wie falsch unsere Normalo-Grundannahme – das Leid im Leben – ist, zeigt mir Adam mit Kunststücken auf dem Pferderücken. Nick, der mich bei Suchspielen abzockt. Michelle, die meine Muskeln beim Dauerschaukeln testet.  Und auch Fabio – auf eine besondere Art.

Der Tag beginnt mit Gewusel

Acht Uhr – der Tag beginnt in St. Raphael. Mit Gewusel.  Aus allen Ecken des Eichsfeldes bringen Kleinbusse die Kinder und Jugendlichen in die Einrichtung. Die „Buslinien“ können anhand eines Schildes hinter der Frontscheibe unterschieden werden. Der „Hasenbus“ zeigt natürlich einen gezeichneten Mümmelmann. „Daran erkennen die Kinder ihren Bus“, sagt Reela Mieglitz. Sie ist Erzieherin im „Zwergenland“ von St. Raphael. Dort darf ich einen Tag mitarbeiten.

Stört das nicht, wenn ein Fremder für einen Tag in eine Einrichtung hineinschneit? Gerade wenn viel von der gleichen Tagesgestaltung abhängt? Ich kann das anfängliche Zögern von  Marie-Theres Waning-Ernst, der Leiterin von St. Raphael, verstehen.

Wenn, dann mittendrin und nicht stiller Beobachter: Im Morgenkreis werde ich vorgestellt. „Was ist denn heute anders?“, fragt Erzieherin Sophia Engelhardt zwischen zwei Begrüßungsliedern. Die Finger deuten auf den  Neuen in der Runde. Nach der Vorstellung geht es weiter mit „Zehn  kleinen Zappelmännern“. Zehn Finger gehen im Kreis herum, verstecken sich und rufen laut „Hurra!“ Das ist auffällig: Es wird viel gesprochen und mit Bewegungen untermalt. Auch beim Frühstück: Die Bitte um das Brot wird von kleinen Gebärden begleitet. „Wir sprechen viel mit den Kindern – und sie sollen auch viel sprechen“, sagt Sophia Engelhardt. Die kleinen Bewegungen helfen beim Sprechen.

„Wir schauen darauf, was die Kinder brauchen“

‚Wie‘ die Kinder behindert sind,  ist für die Erzieherin eher zweitrangig: „Wir schauen eher darauf, was die Kinder brauchen.“ Vermehrt hat St. Raphael in den letzten Jahren Kinder aufgenommen, die eher Probleme im Verhalten haben: „Das hat auch etwas mit ihren Lebensverhältnissen zu tun.“ Wenig Geld, wenig Platz, wenig Alternative zum Babysitter Fernseher. Gesellschaftliches Abseits. Verhaltensstörungen sind auch Störungen der Verhältnisse.

Szenenwechsel: Reittherapie. Drei Kinder und eine 14-jährige Hafflinger-Stute. Stella trägt Leon, Brian und Adam ganz gelassen. Egal, ob sie vorwärts oder rückwarts auf dem Pferderücken sitzen, freihändig oder gehockt reiten – mit einem Bein nach hinten ausgestreckt. „Das müssen die drei doch schon Monate machen, oder?“, frage ich Reela Mieglitz. „Nein“, antwortet sie, „sie sind erst zum vierten Mal hier: Sie sind da unbedarfter als wir.“ Respekt.

Der Rest des Tages findet weitgehend draußen statt: Das gute Wetter wird ausgenutzt. Michelle und Tillmann möchten immer wieder auf die große Korbschaukel. Zwischendurch gehen die Kinder einzeln zur Ergo- oder Logotherapie. Mittags gibt es eine kleine Ruhephase. Nick und Fabio brauchen  das nicht. Nick schlägt mich locker bei Suchspielen. Fabio testet mich, wie weit er wohl bei mir gehen kann. Kleine Nickligkeiten schaffen Freundschaft.

„Zwergenländer“ und Schulkinder mischen sich im Garten der Tagesstätte. Dabei auch ältere Kinder und Jugendliche im Rollstuhl. Schwerbehindert. Wieder meldet sich im Hinterkopf die Frage, ob das sein muss. Ein Lächeln wischt die Frage weg. Warum will ich Menschen auf ihre Behinderung einschränken?
Der Tag endet, wie er angefangen hat – mit Gewusel. Da ist der Hase. Bus gefunden.

Rüdiger Wala

 

Zur Sache

Vom Zwergenland bis kurz vor einer Ausbildung: Seit vier Jahrzehnten werden in der Tagesstätte St. Raphael Kinder und Jugendliche mit Behinderungen betreut. Die Anfänge im März 1971 waren klein: sechs geistig-behinderte Kinder, alle so um 13 Jahre und drei Betreuerinnen. Die Zahlen heute: in zwei Kindergartengruppen mit jeweils sechs Jungen und Mädchen im Alter von drei bis sechs Jahren und fünf Klassen mit jeweils sieben Schülern von sechs bis 18 Jahren. Die Schüler besuchen offiziell die Abteilung Geistige Entwicklung der Duderstädter Pestalozzi-Schule: „Hier arbeitet ein freier Träger wie die Caritas mit einer öffentlichen Schule zusammen“, sagt Tagesstätten-Leiterin Marie-Theres Waning-Ernst – und das schon seit 1978.

Kontakt: St. Raphael, Am Euzenberg 8,37115 Duderstadt, Telefon: 0 55 27/23 61