Wenn die Zeit knapp wird ...

Was ich noch sagen wollte

Jesus weiß Bescheid. Ihm ist klar, dass sein irdisches Leben bald zu Ende ist: „Ich bin nur noch kurze Zeit bei euch.“ Sehr kurze Zeit. Was sagt man da, seinen Freunden und allen anderen?

Wer tröstet wen? Wenn der Abschied naht, ist noch so viel zu sagen. Oder gar nichts. Foto: fotolia

Michael Albus ist Journalist und Theologe. Lange hat er für das ZDF Sendungen zu religiösen Themen gemacht. Jetzt ist der 73-Jährige im Ruhestand und kümmert sich um die Fragen, die ihn besonders interessieren. Zum Beispiel: der Tod. Viel Zeit verbrachte er dafür auf der Palliativstation der Mainzer Uni-Klinik. Dort, wo Menschen ihre letzten Stunden, Tage, selten Wochen verbringen in der Gewissheit: „Ich bin nur noch kurze Zeit bei euch.“ „Viele sind froh, wenn jemand kommt, dem sie noch mal erzählen können, was ihnen wichtig war und ist“, sagt Albus. „Das hat es mir leicht gemacht, Termine zu bekommen.“ 

Da ist Olaf Hain, Jahrgang 1940, alleinstehend. Der Historiker hat sein Leben der Erforschung von Athanasius Kirchner gewidmet, einem Zeitgenosse von Galileo Galilei. Vielleicht ist Albus sein letzter Besuch. Und worüber redet er? „Meine Wunschträume waren, die Werke von Athanasius Kirchner, seine Bücher und seine bisher unveröffentlichten Briefe in einer  Monumentaledition der wissenschaftlichen Welt zugänglich zu machen.“ Daran arbeitet er bis zur letzten Minute. „Ich hatte vor drei Tagen das große Glück, eine Institution zu finden, die das Material vor dem Untergang auf der Müllhalde rettet. “

Familie hat Hain nicht, der er etwas mitgeben könnte. Etwas hinterlassen möchte er trotzdem. Und wie Jesus von der Liebe spricht, die ihm das Wichtigste war, spricht Hain von Athanasius Kirchner. Ein armer Mann? Vielleicht, und doch hat er etwas geliebt, das er weitergeben möchte. „Ich möchte, dass eine Spur von mir bleibt, etwas Handfestes.“ Das, so sagt Michael Albus, wünschen sich viele im Angesicht des Todes. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, sagt Jesus. Und: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“

 

„Das Liebesband wird nicht zerreißen“

In dieser Spur ist auch Helga Koch, Jahrgang 1945, Krebs. Sie erzählt von ihren eigenen Eltern, ihrem Mann, den Kindern. Auch vom Tod der Tochter. Sie ist sehr sicher, was sie hinterlässt: „Was bleiben soll? Dass meine Liebe in den Kindern und Enkeln weiterlebt.“ Und an anderer Stelle: „Ich spüre das heute schon, dass das Liebesband, das mein Mann und ich gelebt haben, nicht zerreißt. Das gilt auch für unsere Kinder. Aber es geht noch weit darüber hinaus zu den Generationen vor uns. Zu meinen Eltern und den Eltern meines Mannes.“ Die Bibel nennt solch eine Liebesverbindung zwischen den Generationen „Segen“. Bevor etwa der Erzvater Jakob starb, holte er seine zwölf Söhne zusammen: „Einen jeden bedachte er mit dem Segen, der ihm zukam. Er trug ihnen ferner auf und sagte ihnen: ‚Ich werde jetzt mit meinen Vorfahren vereint.‘“ (Genesis 49,28–29)

Und noch etwas ist Sterbenden oft ein Anliegen: Dinge ins Reine zu bringen, Gutes wie Schlechtes  auszusprechen. „Viele bestellen Angehörige oder alte Freunde ein“, erzählt Albus. „Frau Koch wollte noch einmal mit ihren Chorfreundinnen singen.“ Andere möchten Konflikte beenden: den Streit, der seit Jahren zwischen Brüdern schwelt, die alte Schuld gegenüber dem Ehemann, das Versagen gegenüber den Kindern. 

Manchmal werden diese Schuldgefühle sogar direkt mit der Krankheit in Verbindung gebracht. So erzählt die evangelische Seelsorgerin der Mainzer Palliativstation von einem Mann, der sie an sein Bett rief. „Ich weiß jetzt, warum ich krank geworden bin, warum Gott mich straft!“, habe er gesagt. Im anschließenden Gespräch quoll vieles nach oben, und am Ende, so die Seelsorgerin, „stand nicht mehr Gottes Strafe im Vordergrund, sondern wir haben zusammen überlegt, was zu tun wäre, damit er Frieden finden kann“.

In der Folge habe der Patient mit einigen Menschen gesprochen. Nur die Versöhnung mit Gott stand für ihn noch aus. Daraufhin, so die Seelsorgerin, entspann sich folgender Dialog: „Stellen Sie sich vor, während der letzten zwei Gespräche hätte Jesus hier gesessen und er hätte mitgehört. Und jetzt fragen wir ihn einmal, was er dazu sagen würde. – Dann war Stille. – Und dann sagte der Patient: ‚Ich glaube, er würde sagen: Jetzt ist mal gut! Jetzt kannst du es beiseitelegen nach dreißig Jahren!“ – In der Nacht darauf ist er gestorben.

Eine „unglaublich intensive religiöse Erfahrung“ nennt die Seelsorgerin diese Begegnung und betont, dass die Gespräche mit Sterbenden für sie keine Belastung, sondern in aller Regel ein Geschenk seien. Und das geht auch den Angehörigen so.

 

Das „Vermächtnis“ der Liebsten ein Geschenk

„Nachdem mein Buch gedruckt vorlag, gab es ein Nachtreffen mit den Angehörigen meiner Gesprächspartner“, erzählt Michael Albus. „Das waren sehr bewegende zwei Stunden.“ Denn auch, wenn viele Besuche unter dem Gewicht der Endgültigkeit und Trauer stehen: Im Nachhinein wird deutlich, wie wichtig diese Zeit für das weitere Leben ist. Dass das „Vermächtnis“ ihrer Angehörigen jetzt sogar nachzulesen sind, empfinden viele als unverhofftes Geschenk und als wichtige Erinnerung.

Und wenn das Gespräch nicht gelingt? Wenn Sterbende einfach nicht mit ihren Liebsten sprechen können oder die Angehörigen so voll der Trauer sind, dass sie es nicht schaffen, zuzuhören. Dann kann es helfen, mit einem „Außenstehenden“ zu reden, einem Trauerbegleiter, einer Seelsorgerin – sogar mit einem Journalisten, der ein Buch machen will.

Von Susanne Haverkamp

 

Zur Sache

Michael Albus
Foto: pr

Michael Albus: Alles ist Übergang.
Leben auf einer Palliativstation.
Butzon & Bercker,
159 Seiten, 16,95 Euro