20.07.2017

Wieckenberger Kapelle

Was soll denn das hier?

Ein italienischer Straßenjunge kommt nach Norddeutschland, macht Karriere als Geschäftsmann und baut eine Kapelle, die aussieht wie eine Scheune. Die unglaubliche Geschichte des Francesco Maria Capellini, genannt Stechinelli. Wegen seiner dünnen Beine!

Erhard Leuchtenberger kennt die ganze Geschichte
um Stechinelli. Der pensionierte Kunstlehrer, hier
in der barocken Kapelle von Wieckenberg, kann sie
den Besuchern humorvoll erzählen. | Fotos: Stefan Branahl

Lebemann. Irgendwann fällt mir das alte Wort ein, nachdem ich lange auf das Bild geschaut habe. Leicht spöttisch schaut er mich an. Die Perücke fällt in langen Locken tief in den Rücken, die Schultern sind in roten Samt gehüllt. Um die 30 ist er, als er dem Maler gegenübersitzt, dieser Francesco Maria Capellini, genannt Stechinelli. Verdammt selbstbewusst muss dieser Mann gewesen sein, um einen solchen Spitznamen zu ertragen, vielmehr: um damit seine Korrespondenz zu unterzeichnen. Stechinelli ist italienisch und bedeutet so etwas wie Zahnstocher. So dünn wie Zahnstocher waren Capellinis Beine. Aber mit seinem Gespür für gute Geschäfte war er im 17. Jahrhundert einer der einflussreichsten Männer zwischen Hannover und Celle.

Wieckenberg ist ein Dorf in der südlichen Heide. Bauernhöfe, Ziegelhäuser, eine kurvenreiche kleine Straße mit Kopfsteinpflaster. Fahrrad-Touristen stutzen, wenn sie mitten im Ort die Scheune entdecken. Backsteine, Fachwerk, ein Säulengang. Nein, keine Scheune – eine Kirche. Wer jetzt neugierig aus dem Sattel steigt und die Eichentür öffnet, steht mitten in italienisch-barocker Pracht. Was soll das denn?

 

Auf den ersten Blick sieht die Kapelle aus wie eine
Scheune, keiner erwartet hier eine barocke Ausstattung.

Erhard Leuchtenberger – ein wandelndes Lexikon

Erklären wie kein anderer kann das Erhard Leuchtenberger. Nach seiner Pensionierung als Kunstlehrer in Hannover ist er nach Wieckenberg gezogen, ganz in der Nähe des Dorfplatzes mit der Stechinelli-Kapelle. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, merkt schnell: Hier hat er in Sachen Stechinelli ein wandelndes Lexikon vor sich. Sonnengebräunt sitzt Leuchtenberger, inzwischen 80,  im Kirchenschiff, im grün-weiß gestreiften Pullover. Verschmitzt lächelt er, zitiert aus dem Gedächtnis Chroniken und Briefe und Urkunden. Und Erhard Leuchtenberger erzählt eine schier unglaubliche Geschichte:

Irgendwelche amourösen Abenteuer führen den Welfenherzog Georg Wilhelm nach Venedig. Dort macht er die Bekanntschaft eines Straßenjungen, zerlumpt, aber offensichtlich höchst aufgeweckt. Möglicherweise warnt er den Herzog vor der Rache eines gehörnten venezianischen Ehemanns. Georg Wilhelm nimmt den kleinen Francesco mit nach Hannover und lässt ihn zum Kammerdiener ausbilden. Der Beginn einer steilen Karriere: In nur wenigen Jahren wird Capellini, genannt Stechinelli, Agent, Makler, Kaufmann, Verwalter von großen Gütern, General-Erb­postmeister und schließlich Freiherr Graf von Wickenburg, wo er 1677 einen Gutshof erwirbt, ein weiteres Gebäude in der langen Liste der Häuser, die er bereits besitzt.

Katholischer Italiener im protestantischen Norden

Zunächst noch etwas Hintergrund zum Verständis: Natürlich ist Capellini, Graf von Wickenberg,  als gebürtiger Italiener katholisch. Trotzdem bewegt er sich ganz selbstbewusst im protestantischen Norden Deutschlands, heiratet eine Hugenottin, also einen Glaubensflüchtling aus Frank­reich. Ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau, mit der er fünf Kinder hat, ehelicht er Agnes Elisabeth Breigers, Tochter des Hofmarschalls seines Gönners und Förderers Georg Wilhelm. Bei der Hochzeit sitzt ein gemeinsames vierjähriges Kind mit an der Festtafel. Der Beichtvater hätte da sicherlich einige Fragen gehabt.
 

Capellini, genannt Stechinelli,
gemalt im Alter von etwa 30 Jahren.

Hier aber soll es vor allem um die ungewöhnliche Kapelle gehen, die Stechinelli 1692 in Auftrag gibt. Warum ist sie von außen nicht als Kirchbau zu erkennen? Es gibt zwei unterschiedliche Interpretationen. Die eine stammt aus dem Hildesheimer Bistumsarchiv und wird von Gab­riele Vogt so beschrieben: Ernst August von Hannover hoffte damals auf die Kurwürde, wollte also zu den ranghöchsten Fürs­ten des Heiligen Römischen Reiches gehören. Dem katholischen Kaiser machte er deshalb Zugeständnisse, erlaubte unter anderem den Bau einer katholischen Kirche in Celle. Auch Stechinelli habe die Erlaubnis bekommen, eine Kapelle auf seinem Gut zu errichten – allerdings dabei Rücksicht zu nehmen auf die evangelische Landbevölkerung.

„Die Kapelle war reine Privatangelegenheit“

Gute Gründe für eine andere Lesart bringt Erhard Leuchtenberger ins Spiel: Stechinelli habe die Kapelle eigens für die Dorfbewohner gebaut und seine eigene Konfession zurückgestellt. Verweisen kann er dabei auf einen Vertrag mit dem evangelischen Pastor in Winsen über zwei Gottesdienste im Monat. Die architektonische Zurückhaltung sei zu begründen mit der Privatinitiative des Guts­herrn: Die Kapelle sollte nicht Konkurrenz sein zu den Kirchspielen der Umgebung. „Katholische Gottesdienste sind hier jedenfalls nicht gefeiert worden“, ist sich Leuchtenberger sicher.

Wie dem auch sei – die Fertigstellung seiner Kapelle hat Stechinelli ohnehin nicht erlebt: Er starb 1694, fünf Jahre vor der Einweihung. Kurz vor seinem Tod erschien er mit einem Beutel voll Geld in Hildesheim und bat um eine Grablege im Magdalenenkloster. Dort ist sein Grabstein heute noch zu sehen.

Stefan Branahl

Nächste Ausgabe: Die Schlosskapelle in Hasperde