29.11.2017

Was wohl aus ihnen geworden ist?

Das um ihre Liebe betrogene Mädchen, die auf der Flucht vergewaltigte Frau, der Heimkehrer, der die Welt nicht mehr versteht, der Junge, der seine Eltern verloren hat – Liesel Hünichen kennt viele dieser Geschichten als Fürsorgerin im Nachkriegs-Deutschland.

Liesel Hünichen hat ihre Erlebnisse als Fürsorgerin
nach dem Zweiten Weltkrieg in der schwarzen
Kladde festgehalten. | Fotos: Deppe

In Dülmen, im Münsterland, da wo im Meerfelderbruch noch Wildpferde leben, ist Liesel Hünichen 1919, direkt nach dem Ersten Weltkrieg, geboren. „Es war eine schöne und behütete Kindheit. Ich kann nicht klagen“, sagt die 98 Jahre alte Frau. Ein Alter, was man ihr nicht ansieht.  

Der Nikolaus kam auf einem Schimmel

Anfang Dezember schweifen ihre Gedanken gern zurück in die Kindheit, an die Advents- und Weihnachtszeit mit ihren Eltern und Geschwistern. „Wenn am Nikolaustag der heilige Nikolaus auf einem Schimmel auf den Marktplatz geritten kam, war es das Ereignis schlechthin. Von den Kindern und auch den Erwachsenen wurde er mit einem ohrenbetäubenden Getöse begrüßt“, erinnert sie sich.

Liesel Hünichen hat vieles von dem, was sie erlebt hat, aufgeschrieben. Einige Geschichten wurden im Zeitgutverlag veröffentlicht, andere sind in ihren eigenen Büchern nachzulesen. Ein Bild der frühen Nachkriegsgeschichte aus der Trümmerlandschaft des zerbombten Hildesheims zeichnet Hünichen in ihrem Buch „Die schwarze Kladde – Sozialarbeit im Trümmerland 1948–1951“.

„Es fing damit an, dass mein Mann mir beim Aufräumen ein schwarzes Notizbuch mit stichwortartigen Aufzeichnungen reichte und fragte: Das kann doch sicher weg?“, erinnert sie sich. Doch weg konnte dieses Buch nicht. Liesel Hünichen befand, dass es wert sei, die hier beschriebenen Schicksale zu veröffentlichen. Sie schrieb sie auf, natürlich mit geänderten Namen. „Aber die waren eigentlich egal, ebenso der Ort Hildesheim und Ungebung. So oder so ähnlich haben sich die Geschichten überall in Deutschland abgespielt“, weiß sie.

Liesel Hünichen – damals hieß sie noch Freisenhausen – arbeitete während der NS-Zeit als Volkspflegerin und später im „Fürsorgeerziehungsheim für Knaben St. Josef“ in Wettringen im Münsterland. 1948 kam sie nach Hildesheim. Als Fürsorgerin wurde sie im Katholischen Fürsorgeverein für Frauen, Mädchen und Mütter eingestellt, dem Vorgängerverein des Sozialdienstes katholischer Frauen (skf). Viele Schicksale sind ihr dabei begegnet, viel Elend, Leid, Trauer, Angst – aber auch Freude.

In der schwarzen Kladde berichtet sie vom Russenkind, einem Kind, entstanden aus einer Vergewaltigung durch russische Soldaten auf der Flucht. Der Ehemann der Flüchtlingsfrau wurde mit der Situation, als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, nicht fertig und gab seiner Frau die Schuld. Oder: Gunda, ein Flüchtlingsmädchen, vertraute den Liebesworten des reichen Bauernsohns. Als sie schwanger war, wollte er nichts mehr von ihr wissen. Sie wollte ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben, doch dann nahm sie sich schon vorher das Leben.

So aktuell wie damals – Flüchtlingsschicksale

Liesel Hünichen war schnell klar geworden, dass soziale Hilfe nach dem Krieg in erster Linie den Müttern mit Kindern gelten musste. „Den aus dem Osten geflohenen und vertriebenen Müttern, denen in den ausgebombten Städten, denen ohne Ehemann, deren Kinder keine Väter mehr hatten, mit Kindern, die einer Vergewaltigung entstammten. Und das Verstörendste daran war: Man sprach nicht darüber – dazumal. Vergewaltigungskinder waren ein Tabuthema.“

Immer wieder wurde Hünichen in Hildesheim und umliegenden Dörfern, die sie mit dem Fahrrad besuchte,  mit der Situation  der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen konfrontiert. „Sie hatten nichts, mussten alles zurücklassen und wurden hier oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Man hatte Vourteile und Ressentiments gegen sie“, erzählt sie.

Die Geschichten, die die Fürsorgerin aufgeschrieben hat, klingen dabei sehr aktuell. Die Flüchtlinge wurden in Baracken untergebracht, mussten sich als Familie in Privathäusern mit einem Zimmer begnügen, mit der Waschküche, dem Stall oder der Scheune. Oft wurden die Flüchtlingskinder ausgegrenzt und von den einheimischen Altersgenossen gemieden. „Doch es gibt auch andere Beispiele, wo das Zusammenleben zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen geklappt hat und die Flüchtlingskinder wie die eigenen behandelt wurden.“ Es gibt viele Parallelen zur aktuellen Situation der Flüchtlinge.
 

Liesel Hünichen im Jahr
1950. | Foto: privat

Auch heute noch fragt sich Hünichen, was wohl aus ihnen geworden ist, aus den Mädchen und Jungen, den Müttern und Vätern, die ihr bei der Arbeit begegnet sind. „Das würde mich schon einmal interessieren“, sagt sie.

Im Alltag von Liesel Hünichen geht es oft um Frauen und Mädchen in Notsituationen: häusliche Gewalt, Vergewaltigung, ausgenutzt, ungewollt schwanger, Unverständnis in der eigenen Familie, Adoption.

In Hildesheim kauft der Fürsorgeverein ein Haus, eine Art Mietskaserne wo Frauen in einer Notsituation wohnen können – das Gertrudisheim. „Für die damalige Zeit war das schon fast Luxus. Wir hatten auf jeder Etage ein Bad und einen Babyraum mit Wickeltisch“, betont Hünichen und muss schmunzeln. Doch gleich wird sie wieder nachdenklich: „So ein Haus war aber auch bitter nötig. Hier hatten die ledigen Mütter eine Schutzzone. In ihrer normalen Umgebung wäre jeder Weg ein Spießrutenlauf für sie gewesen. Und: Hier hatten sie unter sich ein soziales Netz. Wenn eine einen Arztbesuch machen musste oder einen Behördengang, kümmerten sich andere Mütter um die Kinder.“

Mein erster eigener Weihnachtsbaum

Auch als Gefängnisfürsorgerin arbeitet Liesel Hünichen in Hildesheim. Im Frauengefängnis gleich hinter der Basilika St. Godehard besucht sie regelmäßig die Gefangenen. 1950 feiert sie dort mit ihnen Weihnachten – einfach, aber emotional.

„Als ich danach in meine kleine Wohnung kam, stand da mein erster eigener Weihnachtsbaum – mit Kerzen. Eine Überraschung meines späteren Mannes. Das war dann auch unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest.“ Während sie dies erzählt, merkt man, dass sie plötzlich weit weg ist, Weihnachten 1950. „Kennengelernt hatten wir uns bei einem Ausflug der Volkshochschule. Ich 30, er 40. Er war ein Geschenk vom lieben Gott, denn Männer waren in den Jahren nach dem Krieg Mangelware.“ Liesel Hünichen lächelt versonnen. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“
 

1951: Trauung vor der
Tintenfassmadonna im
Hildesheimer Dom.

1951 wird geheiratet. „In der Laurentiuskapelle im Dom vor der Tintenfassmadonna.“ Als ihr Mann eine Anstellung in Hamburg bekommt, verlässt die Familie, inzwischen mit Nachwuchs, 1958 Hildesheim. Es geht nach Hamburg und dann nach Garstedt, mit drei anderen Dörfern bildet es heute die Stadt Norderstedt.

Plötzlich zeigt Liesel Hünichen auf das in die Jahre gekommene Sofa in ihrer Wohnung. „Das Sofa habe ich mir 1949 gekauft und es hat mich auf jedem Umzug begleitet. Es erinnert mich an viele schöne gemeinsame Stunden mit meinem Mann, genauso wie das riedgedeckte Haus auf dem Foto darüber. Das war unser Zuhause in Norderstedt.“

In die Politik aus christlicher Überzeugung

Erst einmal ist jetzt die eigene Familie dran. Doch 1972 merkt Liesel Hünichen, dass das Haus und die beiden Kinder sie allein nicht mehr ausfüllen. Im Norden der Republik beginnt sie, sich wieder sozial zu engagieren, wieder für alleinstehende Frauen. „Da die Zahl der Katholiken hier verschwindend gering war, konnte ich nicht auf einen katholischen Fürsorgeverein zurückgreifen. Also gründete ich mit Gleichgesinnten  einen eigenen Verein, den Verband alleinstehender Mütter und Väter, nach dem Vorbild des gleichnamigen Hamburger Verbandes.“

 Um sich effektiver für ihre Ziele einsetzen zu können, engagiert sich die ehemalige Fürsorgerin nun auch in der Politik „aus meiner christlichen Grundüberzeugung heraus“. Als erste Frau zieht sie in den Bad Segeberger Kreistag ein – für die CDU.

Wichtige Themen sind für sie Tagesmütter, Kinderkrippe, Ganztagsschulen und die Unterhaltsvorschusskasse. Außerdem setzt sie sich für einen rücksichtsvollen und sensiblen Umgang mit Menschen bei Behördenbesuchen ein, gerade wenn es um Notsituationen geht. „Es darf nicht sein, dass eine Mutter nach dem Besuch in der Kommunalverwaltung vor der Tür steht und weint, weil sie nicht weiß, wie es weitergehen soll“, findet Liesel Hünichen auch heute noch.

Bundesverdienstkreuz fürs soziale Engagement

2003 erhält Liesel Hünichen für ihr soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz. Heute lebt sie bei ihrer Tochter in Trier und freut sich über vier Enkel und fünf Urenkel.

Auch heute greift die 98-Jährige immer noch zu Stift und Papier und schreibt ihre Geschichten auf. Wenn man sie fragt, warum sie sich so sozial engagiert hat, antwortet sie: „Weil der liebe Gott mir das Talent dazu gegeben hat und es einfach notwendig war.“

Edmund Deppe