04.05.2015

Caritas-Kampagne „Stadt – Land – Zukunft“: Nachfragen bei Duderstadts Bürgermeister Wolfgang Nolte

Weniger, älter, bunter – und nun?

„Stadt – Land –  Zukunft“: Das Jahresthema der Caritas widmet sich dem demografischen Wandel. Gerade in Südniedersachsen sind die Auswirkungen mehr als spürbar. Daher hat die Caritas für Stadt und Landkreis Göttingen eine Initiative gestartet. Die dort aufgeworfenen Fragen hat die KiZ an den Bürgermeister von Duderstadt, Wolfgang Nolte, weitergereicht.

Durchaus mit Humor geht die Caritas an ein zentrales gesellschaftliches Thema: den demografischen Wandel.  In Göttingen und Duderstadt hat der Caritasverband eine Initiative gestartet, um eine grundlegende Frage zu beantworten: „Was bedeutet es, wenn wir weniger, älter und bunter werden?“ Bei der Auftakttagung stand unter anderem Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt Rede und Antwort. Plakat: Caritas/Christian Schoppe

„Hier ist das Idyll zu Hause. Ansonsten aber niemand mehr“: Das hat die Caritas an ihrem Duderstädter Zentrum plakatiert. Trifft das bald gerade in den zu Duderstadt gehörenden Dörfern zu?

Unsere Dörfer sind Idylle pur. Dennoch müssen wir uns auch hier dem demografischen Wandel stellen. Gemeinsam mit unseren Partnern tun wir dies seit Jahren und haben viel erreicht. Aktuell ist es uns gelungen, sechs Dörfer in einem modellhaften Dorfentwicklungsprogramm des Landes zu platzieren. Das bietet herausragende Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn es uns gelingt, auch künftig attraktiver Lebensraum für alle Altersgruppen zu sein, werden unsere Dörfer nicht auf der Strecke bleiben.

Was ist für Sie der zentrale Grund einer immer noch vorhandenen Landflucht? Warum stehen hier Wohnungen leer, während in der Stadt Göttingen binnen vier Jahren die Mieten stark gestiegen sind?

Für Berufstätige ist die Erreichbarkeit ihrer Arbeitsstätte ein wichtiger Faktor. Für Familien sind es Kindergärten und Schulen, für ältere Mitbürger sind andere Angebote entscheidend. Ganz wichtig sind Ortsumgehungen. So können wir noch in diesem Jahr den Weg zum Uni-Campus Göttingen auf 20 Minuten Fahrzeit verkürzen. Daneben muss endlich der dringend notwendige Breitbandausbau kommen. Wir dürfen auch hier nicht abgehängt werden.

Es heißt: In der Großstadt sind Arbeit und Beruf besser zu vereinbaren. Was entgegnen Sie?

Ich glaube, das wird individuell unterschiedlich bewertet. Wir haben Gott sei Dank viele junge Menschen und Familien, die sich ganz bewusst für Duderstadt oder eines unserer Dörfer als Wohnort entscheiden. Unsere Region hat gegenüber einer Großstadt durchaus viele Vorzüge. Denken Sie an das Umfeld für das Aufwachsen von Kindern, das bereits angesprochene Miet- und Immobilienpreiseniveau und auch das engere Miteinander innerhalb der Gemeinde. Die Menschen müssen sich wohlfühlen.

Weniger Einwohner, dafür umso älter: Der demografische Wandel trifft ländliche Regionen besonders stark. Was tun, um die Kindertagesstätte im Dorf zu erhalten?

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für noch mehr Familienfreundlichkeit einzutreten. Wichtig sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Angebote von Betreuungseinrichtungen und Schulen und die Lebensqualität insgesamt. Unsere Dörfer sind auch für junge Familien attraktiv. Wir versuchen, den richtigen Mix zwischen der Ausweisung von neuen Baugebieten, der Schließung von Baulücken und der Sanierung von vorhandenen Immobilien zu finden.
 

Für Wolfgang Nolte ist der demografische Wandel das zentrale Zukunftsthema – im ganzen Land. Foto: Stadt Duderstadt

Und was gegen ausgedünnte Busfahrpläne? Wie Mobilität im öffentlichen Nahverkehr organisieren?

Wir brauchen ein deutliches Mehr an Mobilität im ländlichen Raum. Dabei kann es nicht sein, dass lediglich wirtschaftliche Gesichtspunkte für Fahrpläne und Fahrpreise entscheidend sind. Es ärgert mich, dass eine Tageskarte für den Großraum Berlin lediglich 6,90 Euro kostet, während für eine einzelne Fahrt Duderstadt – Göttingen 8,15 Euro zu zahlen sind. Wir brauchen Chancengleichheit! Umso mehr setze ich auf die konkreten Modellprojektionen für Südniedersachsen.

Einsamkeit und wegbrechende Gesundheitsversorgung gehören nach den Erfahrungen der Caritas zu den großen Sorgen im Alter. Wie reagiert hier eine Kommune wie Duderstadt?

Wir arbeiten bereits seit Jahren daran, die Generationengerechtigkeit unserer Gemeinde weiter zu verbessern. Eine Menge haben wir bereits erreicht. Ich denke dabei an die Entwicklungen in dem Bereich der Tagespflegeangebote und die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum in unserer historischen Innenstadt. Darüber hinaus kümmern wir uns um die Sicherung unseres St. Martini Krankenhauses. In unserer Region wird die Verwandtschaft gelebt, Vereine und Kultureinrichtungen sind eng miteinander vernetzt.

Der Bedarf an Pflege wird größer, der Bedarf an Fachkräften auch. Aber der Pflegeberuf gilt als unattraktiv. Wird das ein Fall für die kommunale Sozialwirtschaftsförderung?

Hier sind zunächst die Tarifvertragsparteien gefordert. Um dem Fachkräftemangel wirksam entgegenzutreten, bedarf es einer Vielzahl von koordinierten Maßnahmen. Das Berufsbild „Pflege“ muss insgesamt deutlich attraktiver werden, von den Ausbildungsbedingungen über die Ausbildungsmöglichkeiten vor Ort bis hin zu einer leistungsgerechten Bezahlung. Natürlich muss es in diesem Zusammenhang auch und gerade darum gehen, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen.

Kann eine Kommune bewusst auf Zuwanderung setzen, um ein „demografisches Defizit“ auszugleichen?

Ich wünsche mir künftig wieder mehr Geburten. Zuwanderung ist ein wichtiger Baustein, kann aber nicht allein alle Probleme lösen. Der demografische Wandel berührt alle Lebensbereiche. Unser Land und auch unsere Region werden sich in den nächsten Jahren verändern. Wir werden nicht nur älter, sondern auch weniger. Wir brauchen langfristige und koordinierte Strategien, die den verschiedenen Herausforderungen wirksam entgegentreten.

Trotzdem: Was braucht es für eine gelingende Integration von Zuwanderern?

Am Anfang steht für mich die „Willkommenskultur“, die in Duderstadt und im Eichsfeld sehr ausgeprägt ist und im Alltag gelebt wird. Es gibt zahlreiche Beispiele erfolgreicher Integrationsarbeit, wie die tolle Arbeit des Café Grenzenlos, die Projekte „Märchen der Völker“ und „Internationale Gärten“ und vieles andere mehr. Duderstadt ist mit Menschen aus rund 80 Nationen schon heute ein gutes Beispiel für gelungene Integration.

Welche Rolle können und sollen die Kirchen und Wohlfahrtsverbände beim demografischen Wandel ausfüllen?

Die Kirchen sind wichtige Teile unseres Landes und unserer Gesellschaft. Mit ihrem weitverzweigten Engagement, auch in den sozialen und caritativen Bereichen, von den Kindergärten bis hin zu den Senioreneinrichtungen, kommt ihnen eine besondere Bedeutung bei der Bewältigung des demografischen Wandels zu.

Fragen: Rüdiger Wala