07.06.2017

Wenn Kinder Kinder kriegen

Sie sind 17, 18, manchmal auch erst 14: Teenager, die Mütter oder Väter werden. Häufig sind sie mit der Situation überfordert, kommen mit ihrem neuen Leben nicht zurecht. Im Eltern-Kind-Zentrum der Jugendhilfe St. Ansgar in Bad Salzdetfurth finden sie Unterstützung.

Sie fühlen sich wohl in der Jugendhilfe-Einrichtung:
Maximilian mit seiner Mutter Julia Dietrich.| Fotos: Moras

In den Fenstern des Neubaus stehen Pflanzen, so glänzend, so grün, dass es sich eigentlich nur um Plastikimitate handeln kann. Doch wer sie anfasst, merkt: echte Blätter! „Ja, die sind gut gepflegt“, sagt Susanne Jörns lächelnd, „wie eigentlich alles hier.“ Tatsächlich. Das Haus sieht aus wie neu, die Wände, die Böden, die Pflanzen. Dabei geht es hier jeden Tag hoch her, über die Flure toben Kinder, fliegen Bälle, rollen Rollschuhe, Miniaturbagger, Murmeln. Und das schon seit anderthalb Jahren. Im Herbst 2015, nach langem Umbau, ist das Eltern-Kind-Zent­rum der Kinder- und Jugendhilfe St. Ansgar nach Bad Salzdetfurth ins ehemalige Hotel „Sonneneck“ gezogen.

„Im Haus haben wir jetzt elf Appartements“, sagt Erziehungsleiterin Jörns, „und die sind durchgehend belegt.“ In jedem lebt ein Elternteil mit ein oder zwei Kindern, meistens die Mütter, derzeit auch ein Mann. Sie müssen mindestens 14 Jahre alt sein, die meisten sind 17, 18. In den sechs Monaten bis zwei Jahren, in denen sie hier leben, sollen sie „sich finden“, wie Jörns sagt, sollen ein Gefühl dafür entwickeln, was es heißt, die Verantwortung für ein Kind zu tragen. „Dafür müssen sie zunächst mal lernen, für sich selbst zu sorgen. Regelmäßig zu essen zum Beispiel. Die Wäsche zu waschen. Abläufe zu haben, eine gewisse Stabilität im Alltag.“ Für viele der jungen Mütter, die hier Hilfe suchen, ist das neu. „Sie haben diese Stabilität in ihren eigenen Familien nie erfahren.“

Es gehört zum Job, kaum einmal Ruhe zu haben

In der Nachmittagssonne, die ins Wohnzimmer der Frauen im Erdgeschoss fällt, erzählt Jörns unaufgeregt von ihrer Arbeit, während zwischendurch immer mal wieder jemand den Kopf zur Tür hereinsteckt: „Darf ich den Schlüssel für den Fernsehraum haben?“, fragt eine junge Frau, eine andere erkundigt sich nach dem nächsten freien Termin für die Babymassage. Nie wirklich Ruhe zu haben, das gehört zu ihrem Job, sagt die 42-jährige Sozialpädagogin. „Für die Bewohner sind wir ja schließlich da.“ Wir, das sind außer ihr sieben weitere Mitarbeiterinnen, ein Team nur aus Frauen. „Ja, na klar. Meistens sind es ja auch Frauen, die wir hier betreuen.“

Jede mit ihren Problemen, mit ihrer Vergangenheit. „Die kommen mit einem riesigen Rucksack hierher, sag ich immer. Und den machen wir dann gemeinsam auf und gucken: Was ist denn da so drin?“ Was nach einer ganz netten Unternehmung klingt, ist in Wahrheit ein langwieriger, anstrengender Prozess. Zeit braucht es, Vertrauen und ganz viel Aufmerksamkeit, die das Team von St. Ansgar jeder einzelnen Mutter, jedem Vater widmet. In Gesprächen, aber auch im Rahmen vieler kleiner Angebote. „Manche, wie Krabbelgruppe oder Spielkreis, sind für Mütter und Kinder gedacht. Und andere, der Sport, das Kochtraining oder unsere Kreativangebote, sind nur für die Frauen, und es ist toll, wenn sie dort etwas Neues lernen oder erreichen, wenn sie spüren, sie haben Erfolg, sie können etwas.“ Trotz allem ist nicht garantiert, dass am Ende aus einem jungen Elternteil mit Baby eine kleine Familie wird. „Wir hatten schon Fälle, da konnten wir das Kind trotz aller Bemühungen nicht bei der Mutter lassen.“Während Jörns spricht, dringt von draußen fröhliches Gekreische herein. Hinter dem Haus liegt eine Terrasse mit Spielplatz: Sandkasten, zwei Rutschen, eine Reifenschaukel. „Das Ganze ist aber noch nicht fertig“, sagt Jörns. „Ein bisschen grüner soll es noch werden, und ein paar mehr Spielgeräte brauchen wir auch.“

Drinnen gibt es davon genug. Im Spielzimmer, zwischen Bausteinkisten, Bällen und Kuscheltieren, krabbelt gerade Maximilian über das Holzlaminat. Einen quietschgelben Plastikhasen zieht er an den Ohren hinter sich her und krakeelt dazu Unverständliches. Silben, die nur für ihn und seine 18-jährige Mutter Julia Dietrich Sinn ergeben. In wenigen Tagen wird er ein Jahr alt. „Dann fahren wir nach Hildesheim zum Wildgatter, stimmt's, Schatz?“, sagt Dietrich, und Jörns ergänzt: „Auja, Geburtstag feiern! Tiere gucken!“ Doch Maxi, wie ihn alle hier nennen, hört gar nicht zu. Er beobachtet seinen zweijährigen Freund Duma, der gerade Meter für Meter eine Rolle Toilettenpapier abwickelt, völlig fasziniert von ihrer Endlosigkeit.

 

Platz für die Kleinsten: Manche Mutter kommt direkt
nach der Geburt ihres Kindes nach St. Ansgar.

Mit 18 Jahren schon zweifache Mutter

Julia sitzt auf dem Boden, sie trägt Jeans, keine Schuhe. So läuft sie hier am liebs­ten herum, sagt sie: auf Socken, weich und leise. „Weil das dann so ein Zuhause-Gefühl ist. Zuhause hat man ja auch keine Schuhe an.“ Seit einem Jahr ist St. Ansgar ihr Zuhause, ein 35-Quadratmeter-Appartement in der ersten Etage, mit eigenem Bad, einer Couch, einer Kochnische. Einmal in der Woche bereitet sie dort ihrem Sohn sein Lieblingsessen zu: Nudeln mit Käsesauce. „Die liebt Maxi. Und Bananen.“

Mit ihrer Zahnspange und den blond gefärbten Haaren wirkt Dietrich wie ein Teenager, dabei ist sie bereits zweifache Mutter. Ihr Erstgeborener lebt in einer Pflegefamilie, so hat es das Jugendamt bestimmt, weil sie mit ihm nicht zurecht kam. „Als er vor zwei Jahren geboren wurde, da hab ich noch bei den Eltern von meinem Freund gewohnt, der ja auch der Vater der Kinder ist. Das war aber voll schwierig, mit seinen Eltern und so. Mit denen hab ich nie geredet, ich hab meistens bloß in unserem Zimmer gesessen und Fernsehen geguckt.“

Ihr eigener Vater starb, als sie noch klein war, erzählt sie, zu ihrer Mutter hat sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. „Ich denk mal, das ist auch besser so.“ Julia Dietrich spricht mit unverändert fester Stimme, doch sie schaut dabei zur Wand und streicht immer wieder Haarsträhnen hinters Ohr: jemand, der stark sein will und umso verletzlicher wirkt. Während die junge Frau spricht, schweigt Susanne Jörns. Als wäre sie nur körperlich anwesend, betrachtet sie selbstvergessen die eigenen Hände und tut so, als bekäme sie von der weiteren Geschichte, die Julia erzählt, gar nichts mit: Mit Maximilian zog sie einen Tag nach seiner Geburt nach St. Ansgar: Von Anfang an wollte sie diesmal alles richtig machen; wenn es sein musste, auch unter sozialpädagogischer Aufsicht. Die Entscheidung traf sie gemeinsam mit dem Jugendamt. 'Kindeswohlgefährdungseinschätzung' heißt das Verfahren, das eben diese Gefährdung prüft, und wenn sie vorliegt, kommt das Amt auf eine Einrichtung wie St. Ansgar zu. „Wenn man so will, ist das Jugendamt unser Auftraggeber“, erklärt Jörns.

Wie es für sie weitergehen soll, weiß Julia Dietrich noch nicht. „Irgendeine Ausbildung würde ich schon gern machen, mal sehen. Aber dazu muss Maxi erst mal einen Krippenplatz kriegen.“ Die junge Mutter hofft, bald an der Reihe zu sein, um irgendwann arbeiten gehen zu können. Der 21-jährige Vater ihrer Kinder, der in Hildesheim als Hausmeister arbeitet, hat versprochen, ihr zu helfen. „Er kommt uns jeden Montag besuchen, Maxi freut sich immer total.“

Ein gutes Zeichen, findet Susanne Jörns, wenn Elternteile über die Zeit im Eltern-Kind-Zentrum hinaus zusammenbleiben. „Im besten Fall verändern sich die Frauen hier. Sie entwickeln einen ganz neuen Umgang mit sich und dem Kind. Da ist es gut, wenn der Partner diese Entwicklung mitbekommt.“

Alltägliche Dinge fürs Leben lernen

Maxi und Duma bekommen derweil etwas ganz anderes mit: Auch die längs­te Toilettenrolle ist irgendwann abgerollt. Durchs Spielzimmer ziehen sich lange Schlangen aus Papier, auch sich selbst haben die beiden eingewickelt. Für Duma ist der Spaß trotzdem viel zu früh zu Ende. Erst zeigt er seiner Mutter das Malheur, eine leere Papprolle!, dann fängt er an zu weinen. Sein Freund Maxi streicht ihm über den Arm. „Er will helfen“, sagt Julia Dietrich am Rand der kleinen Szene. „Er weiß, wer weint, der hat gerade ein schlechtes Gefühl.“ Deshalb, sagt sie, ist sie hier. Damit ihr Sohn solche Dinge lernt, damit er eines Tages gut mit sich und seinen Mitmenschen umgehen kann. Damit sie selber lernt, was Fürsorge bedeutet. All die kleinen, alltäglichen Dinge, die manchmal einfach nur notwendig sind, manchmal aber auch wunderbar: Wäsche waschen, Nudeln kochen, Freunde trösten, Blumen gießen.

Kathi Flau

 

Begleiteter Schutz für Mutter und Kind
Wenn es darum geht, das Wohl eines Kindes in seinem eigenen Zuhause als gefährdet einzustufen, existieren keine klar abgrenzbaren Richtlinien. Letztendlich sind es immer Gespräche, Eindrücke, schwankende Zustände, die ein Jugendamt veranlassen, so eine Gefährdung festzustellen. Dazu kommt es, wenn es wichtige Bedürfnisse eines Kindes unerfüllt sieht: das Bedürfnis nach einer beständigen liebevollen Beziehung, das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit und Sicherheit, das nach Strukturen, nach stabilen Gemeinschaften und individueller Entwicklung. Laut statistischem Bundesamt lag die Zahl solcher Verfahren zur Gefährdungseinschätzung im Jahr 2015 deutschlandweit bei 129 000, Tendenz steigend. Dabei wurde etwa jeder sechste Fall als „eindeutig und akut“ eingestuft.

„Unserer Erfahrung nach sind es entweder Personen aus der Umgebung der Familie, die das Jugend­amt auf eine mögliche Gefährdung hinweisen“, so Erziehungsleiterin Susanne Jörns, „also etwa ärztliche oder pädagogische Betreuer, Lehrer, Nachbarn. Oder – das beobachten wir hier im Eltern-Kind-Zentrum besonders häufig – es sind die Mütter der jungen schwangeren Frauen, die schon vor der Geburt sehen, dass sowohl diese jungen Frauen als auch sie als 'Großmütter' mit der Betreuung und Erziehung des Babys überfordert sein werden.“ In so einem Fall kann das Jugendamt einen Platz im Eltern-Kind-Zentrum vermitteln, damit die jungen Mütter dort geschützt in ihre Verantwortung hineinwachsen können, begleitet von pädagogischen Fachkräften.