Interview mit der Demografiebeauftragten des Landkreises Göttingen

Wenn Peppone auf Don Camillo trifft …

Die Dörfer müssen sich ändern, davon ist die Demografiebeauftragte im Landkreis Göttingen, Regina Meyer, überzeugt. Welche Rolle die Kirchen dabei spielen können, erklärt die Diplom-Sozialwirtin im Gespräch mit der KirchenZeitung.

„Kirche ist eine tragende Säule“, sagt Regina Meyer, Demografiebeauftragte im Landkreis Göttingen.
Foto: Broermann

Die  Gesellschaft altert und schrumpft. Was bedeutet das?

Die Menschen müssen näher zusammenrücken, dann wird das Leben in unseren Dörfern wieder attraktiver. Eine neue Ebene von sozialem Zusammenleben und politischer Teilhabe ist nötig. Wir brauchen das Mitmenschliche, ein ganz christlicher Grundgedanke: der Blick auf den Anderen gehört zum Leben. Es zahlt sich nicht aus, wenn ich nur auf den eignen Nutzen und den eigenen Mehrwert achte.

Zu beobachten ist aber ein Schwund an ehrenamtlichem Engagement, junge Menschen ziehen in die Stadt, in den Dörfern steigt der Altersdurchschnitt stark an.

Die Fakten sind unumkehrbar. Ein Bevölkerungsrückgang wird trotz Flüchtlingszuzug nicht zu verhindern sein. In den Dörfern werden mehr Hochaltrige leben, alle Altersgruppen unter 50 gehen zurück. Das ist historisch neu und natürlich in den Vereinen und im Zusammenleben spürbar. Dass so viele Menschen über 60 Jahren leben ist aber ein Gewinn, den Medizin, Hygiene und Wohlstand in den westlichen Ländern erarbeitet haben.

Das führt trotzdem dazu, dass ein Dorf irgendwann nicht mehr existieren kann.

Ganz hart ausgedrückt ist das so. Wenn es nicht gelingt, neue Bewohner anzusiedeln, werden wir über den geordneten Rückzug einzelner Dörfer sprechen. Für den Landkreis Göttingen ist das aber an keiner Stelle eine Handlungsoption. Die Not ist noch nicht wirklich spürbar. Wenn ich in einem Dorf Veränderungen anrege, dann sagen manche, sie haben keinen Bedarf.

Was bieten Sie den Dörfern an?

Das Modelldorf ist Güntersen – Dorf mit Zukunft im Flecken Adelebsen. Dort haben wir zum ersten Mal die Dorfmoderation ausprobiert. Mit Dorfversammlungen und Arbeitsgruppen werden dabei die demokratischen Strukturen unterstützt und geöffnet für Menschen, die nicht parteigebunden sind. Wir helfen, eine offene, kreative Kommunikationskultur in den Ortschaften zu schaffen, möglichst durch dorfinterne, ausgebildete Moderationsteams. Wenn alle an einem Strang ziehen, kann der Strukturwandel als Chance gesehen werden.

Wie wichtig sind bestehende Gruppen und Einrichtungen?

Sehr wichtig. Sie sind treibende Kraft, wenn sie mitgenommen werden. Es geht um eine Öffnung und Integration von noch nicht urwüchsigen und organisch zum Dorf gehörigen Gruppen. Sobald bestehende Gruppen eine Öffnung ausstrahlen und praktizieren, ist das Dorf auf der sicheren Seite. Es geht immer um Vertrauen und Verständnis und das Kennenlernen des Fremden. Wenn ein Ort das schafft, ist die Grundlage gelegt, um eine Idee nach der anderen umsetzen.

Welche Rolle schreiben Sie im Wandel der Kirche zu?

Die Kirche ist eine tragende Säule, besonders im Eichsfeld engagieren sich viele Ehrenamtliche in Caritas und Kirche. Der Gesellschaft fehlen Sinnstiftungen, die aber nicht mehr ausschließlich traditionell kirchlich geschaffen werden können. Kirche muss sich für neue Formen von Spiritualität und Sinnsuche öffnen. Und sie muss sich öffnen zum Gemeinwesen. Wichtig ist, den inneren Zusammenhalt eines Dorfes zu stärken und mit einer Integrationskultur zu verbinden.

Um den Prozess zu fördern, laden Sie zu „Camillo und Peppone-Treffen“ ein. Wie ist es dazu gekommen?

Propst Bernd Galluschke sitzt im Demografiebeirat, gemeinsam mit Vertretern der evangelischen Kirche haben wir überlegt, wie Strukturen geöffnet werden können. Da entstand die Idee, zwei-, dreimal im Jahr Bürgermeister, Pastöre, Pfarrer und Engagierte einzuladen. Bei den Treffen tauschen sich die Akteure aus den Dörfern untereinander aus. Wir haben eine Selbstverständniserklärung erarbeitet, auf die sich kirchliche wie politische Gremien verständigt haben. Nun ist das erste gemeinsame Projekt geplant: ein Ehrenamtstag.

Neben sozialem Engagement brauchen Dörfer auch eine Infrastruktur.

Wir müssen eine Verbindung hinbekommen von breitbandgestützten Arbeitsplätzen mit einer Kultur, die traditionelle Milieus mit neueren verbindet. Wenn wir das nicht schaffen, kommt der ländliche Raum in eine Abwärtsspirale, das Risiko gibt es. Wenn wir Kommunikationskulturen schaffen würden, wo wir das eine wie das andere wertschätzen, ist viel gewonnen. Den Prozess kann die Kirche stützen, dafür ist aber eine modernisierte Kirche notwendig. Die landwirtschaftliche Dorfgeschichte ist vorbei, ganz unterschiedliche Biografien beleben die Dörfer. Aber diese leben zu stark nebeneinander und erkennen nicht das Potenzial von Zugezogenen.

Wie können Dörfer wirtschaftlich attraktiver werden?

Dörfer könnten stärker eigenwirtschaftliche Aktivitäten beginnen, zum Beispiel im Energiebereich mit Genossenschaften für Windräder und Bioenergieanlagen. Was wirtschaftlich erschaffen wird, bleibt im Dorf, als Energie, als Geld. Das kann ich mir auch mit sozialen Projekten vorstellen und mit IT-Projekten.

Fragen: Johannes Broermann