03.01.2018

Wie geht denn nun Demokratie?

Werner Freiberg, von 1968 bis 1972 erster
Vorsitzender des Diözesanrates. Foto: Wala

Aufbruch, Annäherung – und Ärger: Vor 50 Jahren tagte in Goslar erstmals der Diözesanrat der Katholiken im Bistum Hildesheim. Dessen erster Vorsitzender, Werner Freiberg, erinnert sich.

Goslar im Januar 1968: Vor 50 Jahren kommen im St. Jakobus­haus erstmals Frauen und Männer zusammen, die etwas für die Katholische Kirche Ungewöhnliches tun sollen – mitreden. Über Gott, die Welt, die Seelsorge, das, was Kirche ausmacht. Es ist die Geburtsstunde eines Gremiums, das damals Diözesanrat für das Laienapostolat, heute Diözesanrat der Katholiken heißt. 

Einberufen hat das neue Gremium der damalige Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen. Er ist einer der ersten Bischöfe in Deutschland, der die Initiative dazu ergreift. 1967 werden erstmals Pfarrgemeinderäte im Bistum Hildesheim gewählt. Aus ihnen gehen ebenso Vertreter für den neuen Diözesanrat hervor, wie aus den im Bistum tätigen katholischen Verbänden und Orden. Zudem beruft Janssen einzelne Mitglieder. Dann die Gründungsversammlung in Goslar. 

Unter den neuen Mitgliedern: Werner Freiberg, damals 37 Jahre alt, Lehrer aus Göttingen, später Leiter der Bonifatiusschule II: „Ich war damals Obmann der Männerarbeit“, erzählt er – und über dieses verbandliche Engagement in den Rat gewählt worden. 

Die Atmosphäre im St. Jakobus­haus? „Es herrschte Aufbruchstimmung nach dem Konzil“, erinnert sich Freiberg. Die Berichte über das, was beim II. Vatikanischen Konzil zwischen 1962 und 1965 passierte und bis heute das Gesicht der Kirche verändert, hatten ohnehin die Katholiken im Bistum begeistert. Freiberg erinnert sich an überfüllte Versammlungen, in denen über das Konzil berichtet wurde – nicht in einem Pfarrsaal, sondern in der Stadthalle von Göttingen. 

„Das Konzil hat große Erwartungen geweckt“, sagt Freiberg. Das Öffnen und Hinwenden der Kirche zur Welt und zur Gesellschaft, der Anteil der Laien an der Sendung des ganzen Volkes Gottes und die daraus hervorgehende Verantwortung aller Getauften für das Verkünden des Evangeliums – drei Initiativen des Konzils, die für Freiberg grundlegend für die Arbeit des neuen Diözesanrates wurden. Und mehr noch: Janssen ist der erste Bischof in Deutschland der für sein Bistum eine Versammlung einberuft, in der Priester und Laien gemeinsam über die Aufgaben der Kirche in der Welt beraten – die erste Hildesheimer Diözesansynode von 1968/69. 

Das jüngste Mitglied wird Vorsitzender

„Insofern war eine unserer ersten Aufgaben, die Vertreter der Laien für die Synode zu bestimmen“, erläutert Freiberg. Er war auf der Gründungsversammlung zum Vorsitzenden gewählt worden – für ihn überraschend: „Auf einmal hatte der jüngste die meisten Stimmen“, erzählt er mit einem Lächeln. Und, wie sich nach den weiteren Wahlen herausstellte, der einzige ohne Doktortitel.

Gleichzeitig einen neuen, bisher nicht vorgesehenen Rat zu etablieren und im Rahmen einer Synode über das zu diskutieren, was das Bistum für die Welt sein kann – ein Spagat, der sich nach den Worten von Freiberg doch wie die sprichwörtliche Mischung aus Segen und Fluch anhört. Segen, weil die Impulse des Konzils, die wesentlichen Fragen der Zukunft der Kirche auf die Situation des Bistums bezogen, beraten werden. Fluch, weil dadurch wenig Zeit bleibt, den Diözesanrat in der Wirklichkeit des Bistums zu etablieren. Hinzu kam: „Unsere Kirche war eine Art Parlament nicht gewohnt, wir mussten uns ja fragen, wie Demokratie innerkirchlich umgesetzt und gelingen kann.“

Das bestehende Kirchenbild entsprach einer monarchistischen Struktur, mit dem Bischof als Kirchenfürst, für den in Zeiten vor dem Konzil bei Besuchen in Gemeinden schon mal ein Thron aufgebaut wurde: „Das war schon ein Tasten und ein Ringen, aus einer monologischen Kirche eine dialogische zu machen.“ Von oben Anweisung, von unten Gehorsam – genau das soll durch Konzil, Synode und Diözesanrat überwunden werden. Auch und gerade in Fragen der Seelsorge.

Es ist an den Diözesanratsmitgliedern selbst, dem neuen Gremium eine Stimme zu geben. Das ist nicht leicht: „Nach einem Jahr wollten die ersten Mitglieder aufgeben“, berichtet Freiberg. Entscheidungswege sind lang, kompliziert – und die Ergebnisse  weit mehr als einmal nicht im Sinne des Rates. Doch Freiberg kann zum Durchhalten animieren.

Er versucht, den Rat in den Entscheidungsgremien des Bistums zu etablieren – die vorrangige Aufgabe nach der Synode: Mitwirkung bei Finanzfragen und im damals noch existierenden Seelsorgerat sind da zwei Beispiele. 

Der Diözesanrat wird im Bistum verankert

Zudem wird der Landeskatholikenausschuss gebildet – als Sprachrohr aller drei Laienvertretungen in Niedersachsen (mit Bistum Osnabrück und Offizialat Vechta). Auch Ordnungen werden verfasst – darunter eine für die Dekanatsräte. Klingt bürokratisch und  eher unspektakulär. Doch solche Vorhaben dienen dazu, den Diözesanrat zu verankern.

Aber der neue Rat soll auch Stellung nach außen beziehen, sich politisch einmischen. Es ist die Zeit, in der auch gesellschaftlich „mehr Demokratie gewagt“ werden soll. Der Diözesanrat beschließt eine Reihe von Resolutionen: zur Reform des Ehescheidungsrechts, für mehr Hausaufgabenhilfe benachteiligter Schüler, zur Vorschulerziehung, zur Liberalisierung des Sexualstrafrechtes oder für mehr Sorge um ausländische Arbeitnehmer. „Meistens haben wir von den von uns angeschriebenen Parlamentariern im Land und im Bund auch Antwort bekommen“, betont Freiberg.

Die bis heute nachwirkende innerkirchliche Debatte über die Enzyklika „Humanae Vitae“ (über die Weitergabe des Lebens) führt auch zu einer Auseinandersetzung zwischen Freiberg und Bischof Janssen. Freiberg hätte sich mehr Vertrauen in die Selbstverantwortung von Eheleuten gewünscht – gerade in der Geburtenregelung. Janssen versteht das als Kritik am Lehramt. 

Die Folge: Freiberg erklärt, dass er einem kommenden Diözesanrat nicht mehr angehören will. Doch Janssen beruft ihn trotzdem. Das nimmt Freiberg an und wirkt noch bis 1982 im Rat – allerdings nicht mehr als Vorsitzender. Für den heute 87-Jährigen ein Beispiel, wie schwierig es ist, die Liebe zur Kirche mit Kritik an ihr zu verbinden. Und dennoch ist es möglich.

Rüdiger Wala      

Weitere Informationen: www.dioezesanrat-hildesheim.de