Reformationsgedenken 2017

Wir bitten, Herr, vergib!

An diesem Samstag feiern in der Hildesheimer Michaeliskirche die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland einen Bußgottesdienst. 500 Jahre nach Beginn der Kirchenspaltung bitten sie Gott und einander um Vergebung für ihren jahrhundertelangen Zwist. Es gibt allen Grund dafür.

Ein Exemplar des "Christuskreuz 2017", das Pater Abraham
Fischer aus Königsmünster für den Bußgottesdienst zum 
Reformationsgedenken geschaffen hat. Foto: kna

Bei dem zentralen ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in der Michaeliskirche in Hildesheim wollen die beiden großen Kirchen mit Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm ihre Schuld vor Gott aussprechen. Ihn und einander um Vergebung bitten. Dass an diesem Bußakt mit dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin auch die deutsche Staatsspitze teilnimmt, hat seinen Grund. Zum einen waren beide, Kirche und Politik, in die Konfessionskriege und -feindseligkeiten der vergangenen 500 Jahre verwickelt. Zum anderen hat der evangelisch-katholische Glaubenskrieg die deutsche Geschichte tief geprägt.

Erstmals begehen die Kirchen ein Reformationsgedenken gemeinsam. Dabei wollen sie, wie sie sagen, „Erinnerungen heilen“: Was geschehen ist, lässt sich zwar nicht rückgängig machen. Aber Christen heute können sich ihrer Geschichte so erinnern, dass daraus nicht weitere Abgrenzung, sondern Versöhnung entsteht. Das setzt voraus, „dass die Geschichten der Opfer erzählt werden – und dass diejenigen, die sie heute erzählen, ihre Perspektive einnehmen“, heißt es in einem gemeinsamen Wort von Bischofskonferenz und EKD. „Dabei ist zu beachten, dass – ohne Relativierung von Schuld und Verantwortung – nicht immer trennscharf zwischen Tätern und Opfern unterschieden werden kann.“
Täter und Opfer waren beide Gruppen: evangelische „Häretiker“ wie katholische „Papisten“, um zwei jahrhundertealte Schimpfwörter zu zitieren. Im Namen Gottes und ihrer jeweiligen Wahrheit sind Christen in Glaubenskriege gezogen, von denen der Dreißigjährige nur einer, aber der Schlimmste war. Am Ende war halb Europa verwüstet und in manchen Landstrichen über die Hälfte der Bevölkerung tot.

 

Die Verletzungen sitzen tief - und brechen vereinzelt wieder auf

Dorfschlägereien um die Kontrolle des örtlichen Kirchleins, der Kampf gegen „Mischehen“, der Paare und Familien oft in Verzweiflung trieb, schließlich das Gerangel um politische Vorteile statt des Einsatzes für das ganze Land, Gerüchte, Gerede, Unterstellungen – und das alles nicht nur bei Kirchenfürsten, sondern einfachen Gläubigen. All das saß tief. Und bricht vereinzelt wieder auf. Herrscht nach 500 Jahren Streit nun endlich konfessioneller Friede? „Man hat den Eindruck, als wären die christlichen Kirchen erschöpft von den alten Streitereien“, schreibt der Historiker Tillmann Bendikowski, als wären sie in Zeiten starker Entkirchlichung und ständigen Mitgliederschwunds „die eigentlichen Verlierer dieses Glaubenskriegs.“

Ist also die Ökumene der vergangenen 50 Jahre nur Taktik in einem gesellschaftlichen Rückzugsgefecht? 2000 Jahre lang war Christen doch geboten: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ Dagegen haben sie immer wieder verstoßen. Im Gedenk- und Jubiläumsjahr 2017 wahrhaft ein Anlass zur Reue. Und wenn es gelingt, Erinnerungen zu heilen, um versöhnte Verschiedenheit zu leben, könnte dies ein Modell für andere sein, die in jahrhundertelanger Feindschaft gefangen sind.

Von Roland Juchem