12.03.2013

Konzilsdokumente (4): Konstitution „Gaudium et Spes“

"Wir möchten Euch dienen"

Die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ war ein neuartiges Dokument  – so kannte die Welt das katholische Lehramt bisher nicht. Was die Menschen bewegt, bewegt auch uns Christen: So beginnt die große Solidaritäts-erklärung der katholischen Kirche an die „Welt von heute“.

Christen sollen an der Seite der Menschen – vor allem der Armen – stehen: eine argentinische Ordensfrau und eine Jugendliche in Buenos Aires. Foto: Jürgen Escher (Adveniat)

Christen sollen an der Seite der Menschen – vor allem der
Armen – stehen: eine Ordensfrau und eine Jugendliche
in Buenos Aires. Foto: Jürgen Escher (Adveniat)

Wer wissen will, wie die Kirche die Welt im Großen und Ganzen sieht, sie einschätzt und bewertet, sollte „Gaudium et Spes“ lesen. Ebenso jene in der Kirche, denen das Wort „Dialog“ zu unsicher oder wagemutig erscheint. Selbst wenn fast 50 Jahre später das meiste, was in diesem längsten offiziellen Dokument des kirchlichen Lehramtes geschrieben ist, heute selbstverständlich scheint.

Damals war es das nicht, schon gar nicht die Tatsache, dass die offizielle Kirche so freimütig und offen spricht. Und wenn man bedenkt, wie klischeehaft heute viele Menschen – auch Katholiken – (wieder) über die Kirche und den christlichen Glauben denken, lohnt sich die Lektüre allemal. Dafür seien wesentliche Aussagen kurz zusammengefasst.

Der erste Satz des Dokuments „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute …“ (siehe „Wortlaut“) ist der bekannteste Satz des Konzils. Damit wendet es sich an alle Menschen; mit ihnen will die Kirche in einen offenen Dialog eintreten, geht es doch um die Rettung des Menschen und den richtigen Aufbau der Gesellschaft. Sie will das im Sinne Christi tun: um „zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen“ (Nr. 1–3).

Ständig muss die Kirche „nach den Zeichen der Zeit forschen“: Was sind wichtige, aktuelle Entwicklungen, wie sind sie zu bewerten, sind sie gar Zeichen von Gottes Willen? Noch nie hat sich die Welt so schnell und stark verändert wie im 20. Jahrhundert: Industrialisierung, Wohlstand, Ver- städterung, Vernetzung durch Handel und Medien, Zweifel am überlieferten Denken und Glauben. Dieser Wandel birgt viele Chancen, aber auch Gefahren. Noch nie gab es so viel Reichtum und so viel Hunger (Nr. 4–8).

Erstmals in der Geschichte gibt es die allgemeine Einsicht, die Vorteile der Zivilisation sollten allen Menschen zugutekommen. Hungernde fordern Brot und Rechenschaft, Frauen verlangen Gleichstellung mit Männern, Arbeiter und Bauern wollen nicht nur überleben … Die Wege der Gesellschaft stehen offen für Fortschritt und Rückschritt. Hindernisse für „eine wirklich humane Entwicklung“ liegen in gesell-schaftlichen Strukturen und im Herzen der Menschen (Nr. 9–10).

In einem ersten Hauptteil erläutert das Konzil, wie es den Menschen versteht: Seine Würde hat der Mensch, weil er „nach dem Bild Gottes geschaffen ist“, als Frau und Mann sowie als gesellschaftliches Wesen. Der Mensch ist Leib und Seele, ausgestattet mit Vernunft und Weisheit. Er ist frei, missbraucht seine Freiheit mitunter und wird schuldig. So ist das Leben des Menschen auch ein Kampf zwischen Gut und Böse (Nr. 11–15).

Das irrende Gewissen behält seine Würde

Menschen sollen ihrem Gewissen gehorchen, weil sie dort Gottes Stimme vernehmen, die sie zum Guten mahnt. Irrt der Mensch in seinem Gewissen, verliert es dennoch nicht seine Würde. Nur wenn der Mensch frei ist, kann er gut handeln (Nr. 16–17).

Der Mensch ist berufen zur Gemeinschaft mit Gott. Viele wollen das nicht; ihr Atheismus hat verschiedene Formen und Ursachen; zum Teil liegen sie im Verhalten der Kirche. Zwar verurteilt die Kirche  den Atheismus; zum Aufbau einer besseren Welt will sie aber auch mit Nichtgläubigen zusammenarbeiten. Der Grund, warum sie grundsätzlich mit allen Menschen kooperieren will, ist der, dass Christus für alle Menschen gestorben ist (Nr. 19–22).

Weil der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, hängen das Wohl des Einzelnen und das der Gemeinschaft eng zusammen. Die Gesellschaft soll dafür sorgen, dass Menschen Zugang haben zu Nahrung, Kleidung, Wohnung, Arbeit, Erziehung und Information, dass sie ihren Lebensstand frei wählen und eine Familie gründen können, dass ihr guter Ruf, ihre Privatsphäre, Gewissens- und Religionsfreiheit gewahrt sind. Dafür sind Gesinnungswandel der Einzelnen und weitreichende Gesellschaftsreformen nötig. Gottes Geist hilft dabei (Nr. 23–26).

Alle Menschen sollen ihren Nächsten als „anderes Ich“ ansehen. Das bedeutet, jedem, dem wir begegnen und der uns braucht, „tatkräftig zu helfen“. Scharf zu verurteilen sind Mord, Völkermord, Euthanasie, Abtreibung, Verstümmelung, Folter, psychischer Zwang, Sklaverei, Prostitution, Menschenhandel, willkürliche Verhaftung und unwürdige Arbeitsbedingungen (Nr. 27).

Alle Menschen haben gleiche Würde; Diskriminierung wegen des Geschlechts, der Rasse, sozialen Stellung, Sprache oder Religion „widerspricht Gottes Plan“ und „muss beseitigt werden“ (Nr. 28–29). Alle müssen zum Gemeinwohl beitragen, etwa auch indem sie Steuern zahlen. Jugendliche sind so zu erziehen, dass sie nicht nur viel wissen, sondern auch „hochherzig“ sind (Nr. 30–31).

Das Konzil würdigt das „Schaffen“ des Menschen, weil es der Absicht Gottes entspricht und seine Schöpfung weiterentwickelt – solange es zum wahren Wohl des Menschen geschieht. Arbeitswelt und Wissenschaft besitzen eine Eigengesetzlichkeit, die respektiert werden muss. Freie Wissenschaft und christlicher Glaube müssen einander nicht widersprechen. Den Himmel auf Erden werden Wissenschaft und Wirtschaft nicht schaffen können, aber der Glaube an Gottes Liebe gibt das Vertrauen, dass menschliches Mühen um eine bessere Welt nicht vergebens ist (Nr. 32–39).

Keiner spricht allein im Namen der Kirche

Das Ziel der Kirche ist zwar nicht diese Welt, aber sie und ihre Mitglieder können und wollen viel zu einer menschlichen Welt beitragen. Dabei ist die Kirche an kein politisches System, keine Kultur oder Wirtschaftsform gebunden. Christen sollen dort jeweils ihre Pflichten erfüllen. Mit Hilfe ihres geschulten Gewissens sollen sie Gottes Gebote zur Geltung bringen; dabei kann keiner allein im Namen der Kirche sprechen. Umgekehrt erfährt die Kirche Hilfe und Anregung von den Experten der Gesellschaft – ob gläubig oder nicht (Nr. 40–45).

Im zweiten Hauptteil behandelt das Konzil etwas konkreter die Bereiche Ehe und Familie, Kultur, Wirtschaft, Politik und Frieden. Ehe und Familie sind grundlegend für das Wohl des Einzelnen wie der Gesellschaft. Die Ehe ist von Gott geschützt, sie dient der Partnerschaft und den Kindern; die Liebe der Eheleute geht aus Gottes Liebe hervor. Die früher oft betonte „eheliche Pflicht“ ist kein Freibrief für Zwang und Gewalt in der Ehe. Über die Zahl der Kinder zum Wohl der Familien entscheiden die Ehepartner gemeinsam; sie sollen sich dazu an der Lehre der Kirche orientieren. Die gesamte Gesellschaft soll Ehe und Familie schützen (Nr. 47–52).

Die menschliche Kultur wandelt sich radikal: Das führt etwa zu mehr Wachstum, stärkerer Kritikfähigkeit, genaueren Erklärungen, schnellerer Entwicklung. Menschen werden selbstbewuss-ter, doch fällt es schwerer, die Welt in einem Zusammenhang zu sehen. Zwar gelten die Freiheit der Kunst und der Meinung, doch dabei zu beachten sind stets das Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft (Nr. 53–62).

„Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft“ ist der Mensch. Viele aber sind versklavt, entfremdet und verarmt. Wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit gefährdet den Weltfrieden; Reformen sind nötig. Dafür bietet die Kirche „Grundsätze der Gerechtigkeit und Billgkeit“; so sind etwa Kleinbauern und Fremdarbeiter besonders zu schützen. Arbeitsverhältnisse sind auf die Bedürfnisse des Familienlebens auszurichten. Arbeit ist ein Menschenrecht; Streiks sind „letzter Behelf“. Grundsätzlich gehören die Güter der Erde allen. Wer in äußerster Not ist, darf sich das Nötige vom Reichtum der anderen nehmen. Investitionen müssen nachhaltig sein; das legitime Privateigentum soll seiner sozialen Verpflichtung nachkommen (Nr. 63–72).

Im Kapitel über die „politische Gemeinschaft“ plädiert die Kirche für Demokratie und widerruft so frühere Urteile. Zweck des Staates ist das Gemeinwohl; geleitet werden soll er von einer Autorität mit moralischer Macht. Daher schulden die Bürger der Regierung Gehorsam; überschreitet der Staat seine Kompetenz, ist Widerstand legitim. Diktaturen sind „unmenschlich“. Kirche und Staat sind autonom. Sollten staatliche Privilegien für die Kirche deren Zeugnis infrage stellen, soll sie darauf verzichten (Nr. 73–76).

Im letzten Kapitel ruft das Konzil die Christen zum Einsatz für den Frieden auf. Der ist mehr als Abwesenheit von Krieg, Gleichgewicht des Schreckens oder das Gebot des Stärkeren. Friede ist nie endgültig, muss stets neu erfüllt werden. Friede erfordert Sicherheit, Achtung, Gerechtigkeit – und Liebe. Wer das Völkerrecht bricht, begeht Verbrechen; wer sich verbrecherischen Befehlen widersetzt, „verdient höchste Anerkennung“.

Massenvernichtungsmittel sind verbrecherisch

Es gibt das Recht sittlich erlaubter Verteidigung; der Einsatz von Massenvernichtungsmitteln ist aber verbrecherisch. Das Wettrüsten ist unmoralisch, Friedenserziehung aber notwendig. Entwicklungshilfe und gerechter Welthandel, politische Verhandlungen und die Zügelung egoistischer Leidenschaften tragen zum Frieden bei (Nr. 77–90).

Schluss: Diese Lehre der Kirche ist ständig zu verbessern und zu ergänzen, da sich die Dinge ständig weiterentwickeln und die Christen sie der Situation und Denkweisen ihrer Kulturen anpassen müssen (Nr. 91).

Und sie endet mit dem Wunsch, „den Menschen unserer Zeit immer großherziger und wirksamer zu dienen“.

Von Roland Juchem

 

Wortlaut:

  • „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ (1)
  • „Zur Erfüllung … ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.“ (4)
  • „So ist der Mensch in sich selbst zwiespältig. Deshalb stellt sich das ganze Leben der Menschen, das einzelne wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar als ein dramatischer, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis.“ (13)
  • „Das Heilmittel gegen den Atheismus kann nur von einer situationsgerechten Darlegung der Lehre und vom integren Leben der Kirche und ihrer Glieder erwartet werden.“ (21)
  • „Achtung und Liebe sind auch denen zu gewähren, die in gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Fragen anders denken oder handeln als wir.“ (28)
  • „Diese Spaltung bei vielen zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben gehört zu den schweren Verirrungen unserer Zeit.“ (43)
  • „Während einer ungeheueren Masse immer noch das absolut Notwendige fehlt, leben einige …in Üppigkeit und treiben Verschwendung. Nebeneinander bestehen Luxus und Elend.“ (63)
  • „Es gelte im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe.“ (91)
  • „Die Christen können … nichts sehnlicher wünschen, als den Menschen unserer Zeit immer großherziger und wirksamer zu dienen.“ (93)

 

Chronik:

  • Frühjahr 1963: Nach einer Idee des Konzils, die Kirche solle ihr Verhältnis zur Welt erklären, erstellt eine neue Kommission zwei Entwürfe, die aber nicht diskutiert werden.
  • Frühjahr 1964: Ein weiterer Entwurf mit vier Kapiteln zu Grundsätzlichem entsteht.
  • Herbst 1964: Diskussion
  • September/Oktober 1965: Die inzwischen sechste Fassung wird besprochen.
  • November 1965: Diskussion einer siebten Fassung, erneute Änderungsvorschläge
  • 7. Dezember 1965: Schlussabstimmung: 2309 Ja, 75 Nein.

 

Weitere Informationen: