06.04.2017

Hungerkatastrophe in Ostafrika

Zu lange weggesehen

In Ostafrika, im Jemen und in Nigeria herrscht die schwerste Hungerkatastrophe seit 1945. 20 Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht, noch mehr haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Fünf Milliarden Euro Hilfsgelder werden benötigt – erst eine Milliarde ist da.


Foto: Caritas
Tomatenfeld in Nordäthiopien. Das Land wird abwechselnd von Dürren und Überschwemmungen heimgesucht.
Foto:Caritas International

 

Sie tanzen vor Freude auf der Straße: Die Menschen an der äthiopischen Grenze zu Kenia feiern den ersten starken Regenschauer, der vor wenigen Tagen nach langer Dürrezeit vom Himmel fiel. Der Regen verspricht den Nomaden und Landwirten zumindest in dieser Region Hoffnung nach einer langanhaltenden Wasserknappheit. Aber durch den heftigen Regen stirbt ihr Vieh: Viele Tiere, die noch nicht vor Hunger verendet sind, erleiden einen Herzinfarkt. 17 000 Ziegen und Schafe sind durch den Regen allein im Norden Kenias kollabiert. Das berichtet Wolfgang Fritz, der für Caritas International in Ostafrika gewesen ist.

Dort ereignet sich derzeit die schwerste Hungerkatastrophe seit 1945. Knapp 30 Millionen Menschen haben laut UNICEF keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mangelernährte Kinder in Somalia, Kenia, Äthiopien, Eritrea, Tansania, dem Südsudan oder im Jemen haben schlechte Überlebenschancen, wenn sie an Durchfall erkranken. „Es besteht die große Gefahr, dass mehr als 20 Millionen Menschen verhungern, wenn wir nicht sehr schnell reagieren. Wir haben nur ein kleines Fenster von drei, vier Monaten, um das Schlimmste zu verhindern“, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters. 

Überschwemmungen, Dürren und bewaffnete Konflikte

Landwirte waren gezwungen, das Saatgut zu essen, das zum Ausbringen der nächsten Ernte nötig gewesen wäre, berichtet Fritz aus Kenia. Hacken, Schaufeln und Ochsen mussten sie verkaufen. Ihre Kinder können nicht zur Schule gehen. Ursachen sind klimatische Veränderungen: „Vermeintlich trockene Gebiete werden plötzlich überschwemmt, gleichzeitig gibt es immer längere Dürren“, sagt Fritz. Zur klimatischen Katastrophe kommen Bürgerkriege wie im Südsudan. „Das Land könnte seine Bewohner ernähren“, sagt Manuela Roßbach vom Aktionsbündnis Deutschland Hilft (ADH). Stattdessen gibt die Regierung „50 Prozent der Ölgewinne für Waffen aus“. 7,5 Millionen von 12 Millionen Südsudanesen seien vom Hungertod bedroht.

Die benötigten Hilfsgelder für die Hungerkrise in Ostafrika schätzt die UN auf bis zu fünf Milliarden Euro. Laut Rotem Kreuz, UN und ADH sind davon erst weniger als 20 Prozent an staatlichen Hilfen angekommen. Bei der letzten Hungersnot in Somalia, als 2011 rund 260 000 Menschen verhungerten, war die Spendenbereitschaft der Staaten dreimal so hoch. 

Während staatliche Hilfen auf sich warten lassen, spenden Privatleute zuletzt immer mehr. Zumindest Caritas international freut sich über „ein ordentliches Spendenaufkommen“, so Christine Decker. Aber: „Mit Spendengeldern können Sie keine staatlichen Hilfen ersetzen.“ Angst vor Korruption und Zuwendungen, die nie ankommen, „spielt bei unseren Spendern keine Rolle, weil sie wissen, dass wir unsere Hilfe über die kirchlichen Strukturen in Zusammenarbeit mit der Caritas vor Ort leisten und nicht über Regierungen“, sagt Decker.

Philipp Adolphs