14.11.2013

Dekanat Borsum-Sarstedt

Zwischen Tradition und Aufbruch

Sonntags sind die Kirchen voll, die katholischen Gruppen und Verbände können über Zulauf nicht klagen. – So sah das noch vor rund dreißig Jahren in den Dörfern des Stiftsdekanats Borsum-Sarstedt aus. Doch das ist inzwischen Geschichte.

Auch wenn das Dekanat Borsum-Sarstedt überwiegend
dörflich, landwirtschaftlich geprägt ist, ist die Begegnung
mit einer Schafherde eher selten. Foto: Deppe

Auch im Stift Hildesheim sind die Gottesdienstbesucherzahlen rückläufig. Entsprechend der demografischen Kurve gehen die Zahlen der Kommunionkinder und Firmbewerber zurück und auch Verbände und kirchliche Gruppen sorgen sich um Nachwuchs. Und: Die Katholiken stellen auch in den Stiftsdörfern nicht mehr selbstverständlich die Mehrheit. Doch noch immer sind die Pfarrgemeinden des Dekanats Borsum-Sarstedt ein prägender Teil der Ortschaften, die den nördlichen Halbkreis um die Bischofsstadt Hildesheim bilden.

„Die Menschen hier kennen noch das Rosenkranzgebet für die Verstorbenen, die Tradition verschiedener Bittprozessionen wird hochgehalten“, sagt Dekanatspastoralreferentin Waltrud Kilian und Dechant Harald Volkwein aus Sarstedt ergänzt: „Wir haben hier beides, alte Traditionen und neue Aufbrüche!“

Ein Spagat, der nicht immer leicht ist, aber auch viele Chancen eröffnet. „Wenn wir Traditionen erhalten wollen, muss der Sinn, der dahintersteckt, erklärbar und verständlich sein“, sagt Volkwein. Manches, was auf den ersten Blick verstaubt daherkomme, bereichere, mit neuen Akzenten versehen, die Gottesdienstangebote der Gemeinden.

Baugebiete gegen den demografischen Wandel

Seit den 90er-Jahren reagieren  die politischen Kommunen auf die demografische Entwicklung. Neubaugebiete wurden ausgewiesen, besonders aus dem Bereich Hannover und Laatzen zogen vor allem junge Familien aufs Land. Sie brachten neue Ideen aus ihren alten Heimatgemeinden mit wie spezielle Angebote für Kinder. Heute sind regelmäßige „Kleinkindergottesdienste“ am Sonntag aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken.

„In vielen Gesprächen mit Haupt- und Ehrenamtlichen in den Gemeinden des Dekanates habe ich immer wieder erfahren, dass man bereit ist, neue Wege einzuschlagen und neue Aufbrüche zu wagen“, betont Kilian. Bis auf wenige Ausnahmen leben auch die Stiftler im Hier und Heute. „Auf Dekanatstagen und bei Pfarrversammlungen machen sie sich Gedanken über die Zukunft, wie sie Gemeinde, wie sie Kirche weiterhin lebendig gestalten können“, weiß Volkwein. Das Image der Konservativen und ewig Gestrigen, was den Stiftlern oft angehängt wird, würden sie zu Unrecht tragen.

Noch bevor im Bistum Hildesheim über Fusionen nachgedacht wurde, gab es bereits im Stift positive Formen der Zusammenarbeit. Ein Beispiel dafür ist das Borsumer Kaspel. Schon früh mussten sich die Gemeinden einen Pfarrer in ihrer Seelsorgeeinheit teilen. „Viele Ehrenamtliche in den kleineren Gemeinden haben sich engagiert und ohne einen Pfarrer vor Ort das kirchliche Leben organisiert“, berichtet Kilian.

Treffpunkt Gott und ökumenisches Miteinander

Viele kleine und größere Aufbrüche kann man in den Stiftsgemeinden entdecken. „Ich denke da vor allem an unser Sarstedter Projekt ‚Treffpunkt Gott‘, wo wir uns regelmäßig – Alte, Kinder, Jugendliche, ganze Familien – treffen und gemeinsam einen Tag verbringen, zusammen essen, uns mit unserem Glauben auseinandersetzen und Gottesdienst feiern“, freut sich Volkwein.

Informiert sich über die Arbeit des Sozialen Kaufhauses von LABORA und den Kolping Kleiderladen in Sarstedt: Bischof Norbert Trelle im Gespräch mit Birgit Bormann vom Sarstedter Kolpingvorstand. Foto: Archiv

Auch in anderen Gemeinden machen sich Aufbrüche bemerkbar. Kleine Gruppen treffen sich außerhalb von bestehenden Verbänden und Gruppen. „Für sie ist es wichtig, sich mit anderen über ihren Glauben – auch in ökumenischer Eintracht – auszutauschen und ihn gemeinsam zu leben“, berichtet Kilian.
Ein Zeichen für die Aufbrüche und Neuanfänge im Dekanat kann auch das Kloster Ottbergen sein. Nach 144 Jahren verließen 2012 die letzten Franziskanerbrüder das Kloster. Doch bereits im November des Jahres zogen drei junge Minoritenbrüder ein, die sogenannten schwarzen Franziskaner. Bei der Kreuzwallfahrt nach Ottbergen wollen sie neue Akzente setzen. So waren diesmal an der Vorbereitung Firmbewerber beteiligt und es wurden bei der Lichterprozession am Freitag vor dem Fest Kreuzerhöhung auch Lieder aus Taizé gesungen.

Abgesehen von der Stadt Sarstedt mit Industrieansiedlungen, typischen städtischen Strukturen und sozialen Brennpunkten, ist der Großteil der Gemeinden des Dekanates Borsum-Sarstedt dörflich geprägt. „Man merkt den Leuten an, zumindest den Alteingesessenen, dass sie hier verwurzelt sind. Gerade für die Älteren ist der Kirchturm nach wie vor der Mittelpunkt in ihrem Leben“, sagt Kilian.

Kindertagesstätten – Orte der Begegnung mit Kirche

Egal ob Stiftsdorf oder Stadt Sarstedt – die Kirche engagiert sich vor Ort. So sind etliche Pfarrgemeinden des Dekanates Träger von Kindertagesstätten. Diese Einrichtungen leisten, was früher in den Familien stattfand. Sie stellen für viele Kinder die erste Berührung mit Kirche dar. „Hier erfahren sie etwas von Gott, feiern zusammen kirchliche Feste oder bereiten sich darauf vor. Diese Begegnung kann prägend für ihr Leben sein“, betont Kilian.

Edmund Deppe

 

Ein Blick in die Geschichte: Geblieben ist das Kleine Stift

Das Hochstift Hildesheim bezeichnete das Gebiet, in dem die Hildesheimer Bischöfe von 1235 bis 1802 auch als Landesherren herrschten. Es wird auch als Fürstbistum bezeichnet und ist nicht identisch mit dem weit größeren geistlichen Bistum. Es konzentrierte sich auf das Gebiet zwischen der mittleren Leine und der Oker. Als Exklave gehörte noch das Gebiet rund um Dassel am Solling dazu.
Vom 13. bis 16. Jahrhundert kam es immer wieder zu massiven Auseinandersetzungen zwischen den Hildesheimer Bischö­fen und den welfischen Herzögen, die in der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) gipfelte.

Ab 1520 konnte sich auch im Hochstift immer mehr die Reformation durchsetzen, lediglich einige Klöster und Stifte in der Stadt und Umgebung von Hildesheim blieben katholisch.

Die Stiftsfehde endete mit dem Quedlinburger Rezess vom 13. Mai 1523. Das Fürstbistum Hildesheim verlor ein Viertel seiner vorherigen Ländereien an die Welfen und büßte im norddeutschen Raum seine Rolle als Machtfaktor ein. Für das Hochstift Hildesheim bedeutete der Vertrag den Verlust des Großen Stifts und die künftige Bescheidung auf das sogenannte Kleine Stift, vor allem die Dörfer, die dem Dompropst unterstanden.

1643 wurden die Streitigkeiten zwischen dem Hildesheimer Fürstbischof und den Herzögen zu Braunschweig und Lüneburg mit dem Hildesheimer Hauptrezess endgültig beendet. Das Große Stift fiel zurück an den Fürstbischof. Doch rund 90 Prozent seiner Untertanen waren nun Anhänger der „lutherischen“ Religion. Nur die sogenannten Stiftsdörfer rund um Hildesheim (heute zugehörig zu den Stiftsdekanaten Alfeld-Detfurth und Borsum-Sarstedt) blieben mehrheitlich katholisch. (ed)

 

Das Stiftsdekanat Borsum-Sarstedt in Kürze

Das Stiftsdekanat Borsum-Sarstedt ist entstanden aus den Dekanaten Borsum-Dinklar und Sarstedt-Förste und besteht aus einer Pfarrgemeinde und sieben Seelsorgeeinheiten, die wiederum aus noch 22 eigenständigen Pfarrgemeinden zusammengesetzt sind. Im Dekanat leben rund 22 500 Katholiken. In der Seelsorge arbeiten 16 hauptberufliche Frauen und Männer, darunter 10 Priester. Geleitet wird das Dekanat von Dechant Harald Volkwein.

Gemeinden

Gemeinden im Stiftsdekanat Borsum-Sarstedt
  • Seelsorgeeinheit Einum, Achtum, Bavenstedt  
  • Seelsorgeeinheit Bettmar, Dinklar, Ottbergen, Farmsen      
  • Seelsorgeeinheit Dingelbe, Nettlingen, Wöhle     

 

Einrichtungen

Verbände und Gruppen

  • Ministranten-, Frauen-, Seniorengruppen und Kolpingsfamilien gibt es in allen Pfarrgemeinden bzw. Seelsorgeeinheiten. Gruppen der  Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) sind in Dingelbe, Sarstedt und Nordstemmen ansässig.
  • In Nordstemmen hat die Katholische junge Ge­meinde (kjg) eine Kinder und Jugendgruppe. Die St. Georgs Pfadfinder treffen sich im Stamm St. Cäcilia in Harsum. Die Gruppe „Jugend-trifft-sich“ (JTS) gibt es seit 2012 für Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in Achtum-Uppen. Kinder im Grundschulalter können einmal im Monat bei den St.-Matthäusdetektiven in Algermissen Spannendes und Wissenswertes rund um die Kirche entdecken.
  • Kirchenchöre, Musikgruppen und Singkreise üben regelmäßig in Algermissen, Giesen, Harsum, Hönnersum, Machtsum, Nordstemmen und Sarstedt und gestalten Gottesdienste musikalisch mit.
  • Regelmäßig treffen sich in den Gemeinden des Dekanats Glaubens- und Gebetskreise wie in Borsum eine Bibelgruppe und in Algermissen das Ökumenische Glaubensgespräch.

Orden
Folgende Orden haben im Dekanat eine Niederlassung:

  • Schwestern der Kongregation des heiligen Vinzenz von Paul (Vinzentinerinnen) in Harsum
  • Minoriten in Ottbergen

Börde Taizé
An jedem letzten Donnerstag im Monat findet in Harsum um 19.30 Uhr das „Börde-Taizé“ in der St.-Cäcilia-Kirche statt. Eingeladen sind alle, die das einfache Gebet und die meditativen Gesänge aus Taizé schon kennen oder neu für sich entdecken möchten. Jeweils ab 19 Uhr beginnt die Einstimmung mit Taizé -Gesängen in der Kirche.

Medien
In der „Tonkirche“ bei Radio Tonkuhle wird jeden ersten Freitag im Monat das Magazin von 16 bis 17 Uhr vom Stiftsdekanat Borsum-Sarstedt gestaltet. Es gibt Berichte, Interviews und Veranstaltungstipps aus dem Dekanat. Außerdem ist das Dekanat von montags bis samstags um 6.50 Uhr (Wiederholung: 17.50 Uhr) auch bei den Kurz­andachten vertreten.
 

Mehr Informationen rund um das Stiftsdekanat Borsum-Sarstedt gibt es im Internet auf der Homepage des Dekanats unter www.katholische-kirche-borsum-sarstedt.de