26.10.2011

KiZ-Tipp: Alter Stadtfriedhof in Göttingen

Zwischen Trauer und Hoffnung

Schlaff hängt die rechte Hand des Engels herunter. Die Geige noch zwischen Schulter und Kinn eingeklemmt, hat er aufgehört zu spielen. Neben ihm eine junge Frau mit einer abgebrochenen Rose in der Hand, den Kopf nachdenklich auf  die andere gestützt – nur ein Grabmal auf dem über 125 Jahre alten Städtischen Friedhof in Göttingen.

 Sinnbilder für das Leben sind die Grabmäler auf dem alten Göttinger Stadtfriedhof. Foto: Behnke
Sinnbilder für das Leben sind die Grabmäler auf dem alten Göttinger Stadtfriedhof. Foto: Behnke

Göttingen (kpg). Außergewöhnlich und aufwendig gestaltete Grabsteine wie dieser, eingerahmt von Bäumen und einem üppigen Pflanzenbestand auf insgesamt 7,5 Hektar, finden sich hier zahlreich. Die weinende Frau, die Trost  am Kreuz sucht, ist häufig zu sehen. Die Grabmale sind vor allem  Ausdruck der jeweiligen Zeit, geprägt durch die Mentalität der Aufklärung und des Rationalismus: etwa die zerbrochene Säule, Symbol für das abrupt zerstörte Leben. Wer jedoch genauer hinsieht, der findet auch eine Spur von Hoffnung in aller Trauer. „Die Liebe höret nimmer auf“ ist unter der Säule zu lesen.
Trauer und Hoffnung – diese Ambivalenz findet sich auf verschiedenen Gräbern: Immer wieder sind abgeschnittene Ähren in die Grabsteine graviert, eine Anspielung auf die oft auf alten Friedhöfen in Süddeutschland zu findende Figur des „Schnitter Tod“, der, ausgestattet mit Sense und Stundenglas, das Leben beendet. Gleichzeitig symbolisieren die Ähren nicht nur das Ende, sondern auch Erfüllung in Form der Ernte, die eingefahren wird.

Auch acht Nobelpreisträger haben auf dem Göttinger Stadtfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden, darunter Max Planck, Otto Hahn und Max Born. Ein sogenanntes „Nobel-Rondell“ erinnert an sie. Fast zu übersehen ist dagegen eine Gruppe von kleinen unscheinbaren Grabsteinen: Die Göttinger Diakonissinnen, die lange Zeit das Weender Krankenhaus geleitet haben, sind hier bestattet.
„Wirke so lange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann“, heißt es in Abwandlung des Johannes-Evangeliums auf einem anderen Grabmal. Darüber ist ein Bauer mit einem Pflug zu sehen. Dass die Zeit unwiederbringlich verrinnt, steckt hinter diesen Worten, aber auch der Aufruf, seine Zeit sinnvoll zu nutzen – eine Mahnung an die Lebenden.