14.02.2018

Die digitale Vernetzung der Arbeeitswelt stand im Mittelpunkt der Duderstädter Gespräche

Wollen wir das wirklich?

Die digitale Vernetzung der Arbeitswelt stand im Mittelpunkt der Duderstädter Gespräche. Drei Tage Vorträge und Gespräch – zusammengefasst aus persönlicher und eher pessimistischer Sicht.

Diskutierten über Arbeitswelt 4.0:
Konstatin Kuhl, Ruth Bendels, Mehr-
dad Payandeh, Bernd Westphal und
Benedikt Hüppe. | Foto: Stefan Branahl

Schließen Sie für einen Moment die Augen und stellen Sie sich Schlaraffia vor: das Land, wo die Berge aus süßem Brei sind, die Häuser aus Kuchen, in den Flüssen Wein statt Wasser fließt und die Hühnchen schon fertig gebraten in den Mund fliegen. Wenn Sie das ganze jetzt in die Büros und Werkhallen übertragen, haben Sie eine ungefähre Ahnung davon, was die Optimisten unter Arbeitswelt 4.0 verstehen: das Paradies auf Erden. Bevor wir überhaupt nur ahnen, was wir wollen, hat der Computer uns das schon gesagt. Wir müssen ihn nur noch gewähren lassen. Einkaufen – also ins Geschäft gehen, Waren auswählen, nach Hause schleppen – das ist so was von gestern. Amazon macht es vor, testweise in Amerika, aber demnächst sicherlich auch bei uns: Weil das Kaufverhalten der Kunden inzwischen aus den gesammelten Daten längst dem Unternehmen bekannt ist, stellt es ihnen die Produkte auf Verdacht vor die Haustür. Das geht prima: Die Umtauschquote ist niedriger, als wenn die Verbraucher überlegen, was sie vielleicht bestellen sollten und dann doch nur wieder umtauschen.

Wirklich überschaubar ist das nicht

Arbeitswelt 4.0 also. Ein Zauberwort. Es funktioniert inzwischen prächtig im Bereich der Logistik. Wie sich das auswirkt, können Sie – ein Beispiel von vielen – bereits heute auf der A 2 beobachten: An den Zubringern der Autobahn werden Hallen aus dem Boden gestampft, Lastwagen mit litauischen, polnischen und bulgarischen Kennzeichen bringen die Waren auf die Minute an jeden gewünschten Ort und blockieren zwei der drei Fahrspuren.

Was blüht uns da eigentlich? Hochkarätig besetzt waren die Duderstädter Gespräche, die dieser Frage nachgingen. Was die Experten einstimmig vermittelten, war vor allem das: Wir sind an einem neuen Punkt des Fortschritts, den wir zwar noch nicht genau überblicken. Aber irgendwie kriegen wir das schon hin, wenn wir die Herausforderungen annehmen und den Kopf nicht in den Sand stecken. Natürlich sind wir skeptisch, wenn uns das Smartphone den Alltag diktiert, sagte der Referent. Und ging drei Minuten später aus dem Raum, weil ein wichtiger Anruf ihn aus der Diskussion riss.

Drei Tage lang wurde unter allen Gesichtspunkten erörtert, ob die vernetzte Arbeitswelt eher Risiken oder Chancen mit sich bringt. Halbwissen und Zweckoptimismus hielten sich dabei die Waage. Natürlich gab es Applaus für die Forderung, die Menschen müssten heute zeitlebens lernen, um dem technischen Fortschritt die Stirn zu bieten. Ohne fachliche, politische und gesellschaftliche Bildung gehe gar nichts, hieß es da. Und dass es ein Unding sei, wenn nur zwei Prozent der Arbeitnehmer eine immerhin gesetzlich garantierte Weiterbildung in Anspruch nehmen. Den gleichen Applaus gab es Minuten später, als ein Kleinunternehmer schilderte, wie sich das auf seinen Betrieb auswirkt: Bei 20 Angestellten hieße das eine zusätzliche halbe Stelle mehr. Wie, bitteschön, solle er das denn finanzieren?

Einsam zieht der Trecker seine Runden

Vernetzte Arbeitswelt, wurde schnell klar, ist ein Begriff, der für die allermeisten ein recht schwammiger Ausdruck ist. Dahinter verbirgt sich mehr als ein drei Jahre alter Computer im Büro, ausgerüstet mit einer Software, die eine technische Halbwertzeit hat wie eine Eintagsfliege. Ein Beispiel aus der Landwirtschaft: Geld wird längst nicht mehr verdient mit der Mettwurst, die ein Eichsfelder Fleischer über die Theke schiebt. Profit bringen die Daten. Weltweit agierende Konzerne, die sich an den Fingern einer Hand abzählen lassen, lassen sie sich teuer bezahlen. Den Acker gewinnbringend zu bestellen geht künftig nur noch, wenn der Traktor GPS-gesteuert über das Feld fährt, die chemische Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten punktgenau über Google-Maps kontrolliert wird und das entsprechende Saatgut – genmanipuliert natürlich – aus dem Labor stammt.

Sicher hat der Gewerkschafter Recht, wenn er sagt: Strukturwandel hatten wir immer. Und immer haben wir ihn im Zusammenspiel mit Unternehmen und Arbeitnehmerverbänden zum allgemeinen Wohl organisieren können. Gern werden Beispiele aus der Vergangenheit gehört: das Auto, das die Pferdedroschke ablöste. Da kann man gut Witze machen. Beim Webstuhl wird es schon ein bisschen problematischer, da gab es ja regelrecht Aufstände. An den Streik der Schriftsetzer vor 40 Jahren, die sich gegen die Einführung des Computers wehrten, weil er das Ende ihres über 500 Jahre alten Berufes einläutete, können sich ohnehin nur Insider erinnern. Entwicklungen, die früher zumindest Zeit zur Anpassung ließen, ändern sich heute im Monatstakt. Natürlich ist es lustig, wenn es in der Einstimmung zur Tagesordnung heißt: „Mein erstes Handy war so groß wie eine Rattenfalle. Heute hat es die tausendfache Leistung und ich merke nicht mal, wenn ich es in der Hostentasche habe.“ Natürlich nicken alle anerkennend, wenn der junge FDP-Politiker erzählt, dass seine Oma nicht mehr nur den Fernseher per Fernbedienung steuert, sondern inzwischen auch per Whatsapp vernetzt ist. Keiner kommt auf die Idee zu fragen, ob sie sich über den Besuch des Enkels vielleicht mehr freuen würde. Stattdessen: Wir brauchen flächendeckendes Internet über Glasfaserkabel. Das kommt gut an. Wie soll man denn sonst ruckelfreie Filme aus Youtube laden?

Gibt es ein Recht auf das eigene Tablet?

Und wir brauchen Bildung, es ist doch eine Lachnummer, wenn in den Schulen der Lehrer heute noch an die Tafel kritzelt statt Beamer und Whiteboard zu bedienen. Ein iPad für jeden Schüler muss selbstverständlich sein. So macht Vokabeln lernen einfach mehr Spaß, als wenn sie handschriftlich notiert werden. Da schaut man auch gern über bröckelnden Putz an den Wänden, undichte Dächer und überfüllte Klassen hinweg.

Ausgerechnet dem SPD-Politiker unterlief eine peinliche verbale Panne, die nicht weiter auffiel, weil nach drei Tagen Diskussion, Vorträgen und Betriebsbesichtigungen der Kopf schwirrte: Was machen wir eigentlich mit den jungen Leuten, die den Wandel in eine vom Computer bestimmte Welt nicht schaffen, weil sie intellektuell dazu nicht in der Lage sind, wollte jemand aus dem Pub­likum wissen? Früher habe man für sie sogenannte Schaufeljobs gehabt, aber Hilfsarbeiter kriege man in einer Welt der Programmierer und Feel-Good-Manager ja schon jetzt nicht mehr unter. Das sehe er nicht so pessimistisch, war die Antwort. „Es wird auch künftig Leute geben müssen, die Heizungen an die Wand hängen oder Menschen pflegen.“

Spätestens hier wäre Gelegenheit gewesen für den großen Auftritt der Kirche, von ihrer Sicht auf den Menschen, auf Gemeinschaft und Einzigartigkeit. Hier hätte klar gestellt werden können, dass nicht Funktionalität und Vorhersehbarkeit, Daten und Verbrauch das Maß der Dinge sind. Stattdessen kam ein rethorischer Hammer: „Wir brauchen eine kluge gesellschaftliche Urteilskraft“. Nachfragen gab es nicht. „Da waren die ersten schon eingenickt“, hatte sich einer der Beobachter notiert.

Stefan Branahl