11.04.2018

Interview mit dem neuen Bischof Heiner Wilmer

„Tradition achten, alte Zöpfe abschneiden“

Wie sieht er sich selbst, was bringt er mit, wo sieht er Veränderungsbedarf? Der neue Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, gab der KirchenZeitung ein erstes Interview.

Konzentriert: Pater Heiner Wilmer an seinem Schreib-
tisch in der römischen Ordenszentrale der Herz-
Jesu-Priester. Auf dem Porträtbild an der Wand der
Gründer der Gemeinschaft,der Priester Léon Gustave
Dehon. | Foto: kna

Pater Wilmer, Sie waren zunächst unschlüssig, ob Sie die Wahl zum Bischof von Hildesheim annehmen. Warum?

Ich war zunächst völlig platt, als ich davon erfahren habe, dass ich Bischof von Hildesheim werden soll. Ich habe mich gefragt, wie die Hildesheimer überhaupt auf mich gekommen sind. Die Wahl hat mich in einen Gewissenskonflikt gestürzt. Einerseits hat mich das Vertrauen berührt, das das Domkapitel und der Heilige Vater in mich gesetzt haben. Andererseits habe ich mir gesagt: Du kannst dich doch nicht einfach vom Acker machen und deine Mitbrüder im Stich lassen. Ich habe dann in dieser Lage Papst Franziskus einen Brief geschrieben und ihn um Rat gebeten. Kurze Zeit später hat der Papst mich angerufen und mir geraten, zu beten und mich an andere mutige Männer aus unserem Orden zu erinnern. Das habe ich getan. Ich hatte den Eindruck, der Papst ist überzeugt, die Ordensleitung findet auch ohne mich einen guten Weg. Beides, das Gespräch und das Gebet, haben mich zu der Entscheidung gebracht, die Wahl anzunehmen. Jetzt bin ich im inneren Frieden damit und freue mich auf die Herausforderung.

Sie treten – unter anderem in Ihrem Buch „Gott ist nicht nett“ – durchaus auch als fragender Christ in die Öffentlichkeit. Welche Visionen haben Sie von der Kirche in Norddeutschland?

Zunächst einmal habe ich gro­ßen Respekt vor der uralten christlichen Tradition im Bistum Hildesheim. Bei aller Säkularisierung gibt es doch ein christliches Fundament, eine tiefe Verwurzelung im Glauben. Ich möchte das mit einer alten Truhe vergleichen, aus der man Schätze heben kann. Auch Glaubensschätze lassen sich heben. Wie macht man das? Ganz sicher braucht die Kirche dazu mehr Lebendigkeit. Es muss ohne Zweifel auch tragfähige Strukturen geben, aber im Mittelpunkt muss die Frage stehen, welche Bedeutung der Glaube für mich persönlich, für jeden einzelnen hat. Was habe ich davon, Christ zu sein? Was bringt es mir? Was ist der Sinn? Auf diese Fragen müssen wir Antworten geben.

Noch einmal zum Titel Ihres Buches. Wenn Gott nicht nett ist – was ist er dann?

Das Wort „nett“ hat ja eine doppelte Bedeutung. Wenn der 8-jährige Junge von seiner Mutter gefragt wird, wie denn die neue Lehrerin sei, und er antwortet: „nett“, dann ist das ehrlich und vollkommen in Ordnung. Wenn mir während meiner Studienzeit ein Kommilitone sagte, der neue Professor sei „nett“, dann wusste ich, dass ich nicht in die Vorlesung gehen musste. Nett bedeutet hier, der Mann hat keine Ecken und Kanten, er fordert mich nicht heraus. So ist Gott nicht, im Gegenteil. Wir haben unsere Gottesvorstellung weich gespült. Was Gott ist, wissen wir nicht, erkannte schon im 13. Jahrhundert Thomas von Aquin. Gott bleibt ein Geheimnis. Wir können eher definieren, was er nicht ist, als das, was er ist. Und wir sollten uns an das Gebot erinnern, dass wir uns kein Bild von Gott machen sollen.  „Nett“ in dem negativen Sinn ist mir jedenfalls entschieden zu wenig.  

Sie schreiben von Phrasen und Floskeln auch im kirchlichen Leben. Wie kann unsere Sprache von Gott wieder konkret werden?

Wir müssen menschliche Erfahrungen ernst nehmen. Es muss um Lebendigkeit im Glauben gehen, nicht um Begriffe. Das wird auch unsere Sprache verändern. Sprache ist immer dann konkret, wenn sie Verben hat, nicht Substantive. Verben atmen Erfahrung, sprechen von Bewegung und Lebendigkeit. Und darum geht es im Glauben, nicht um etwas Eingefrorenes oder Definiertes.

Sie haben das Buch den Suchenden gewidmet. Stehen die Suchenden bei Ihnen auch sonst im Fokus?

Ich glaube, dass alle Menschen eine tiefe Sehnsucht haben nach einer Dimension, die sich nicht messen, fühlen oder berechnen lässt. Diese Sehnsucht möchte ich auch in meiner weiteren Arbeit aufgreifen. Die Kirche kann und muss sich noch mehr öffnen, ohne ihr Erbe zu verraten oder sich selbst aufzugeben.

Uns allen ist der künftige Bischof von Hildesheim unbekannt. Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich komme aus Norddeutschland, meine Muttersprache ist Plattdeutsch und ich spreche noch heute mit meinen Geschwistern Platt. Ich bin gern mit anderen zusammen und sehe mich durch und durch als Gemeinschaftsmensch und Teamarbeiter. Allein ist man schneller, gemeinsam kommt man weiter. Humor ist mir ganz wichtig. Bei allen nötigen Anstrengungen weiß ich um die Begrenztheit menschlichen Handels. Das Beste wird mir und den anderen geschenkt. Im Psalm 127 heißt es: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; was recht ist, gibt der Herr denen, die er liebt, im Schlaf.“ Das sollte man im Kopf behalten, es hilft gegen Aktionismus.  

Vom Bauernhof im Emsland nach New York und Rom – das ist kein Katzensprung. Sind Sie eher bodenständig geblieben oder ein Mensch der Metropolen geworden?

Ich habe in den letzten Jahren viel in Großstädten gelebt und es ging mir gut dabei. Aber ich bin recht bodenständig geblieben. Ich habe den Mutterboden unter den Fingernägeln, bis zu meinem 14. Lebensjahr wollte ich Bauer werden. Ich bewege mich bis heute viel in der Natur, besuche in Rom oder anderswo Parks oder laufe durch Wälder.

Sie sind mit 19 Jahren in den im Bistum Hildesheim eher unbekannten Orden der Herz-Jesu-Priester eingetreten und ihm seit fast 40 Jahren treu geblieben. Was begeistert Sie an dieser Gemeinschaft?

Die  Herzlichkeit,  die  Gastfreundschaft, die Offenheit, eine große Entspanntheit. Bei uns steht nicht das Kirchenrecht oder das Dogma im Vordergrund, sondern der Mensch. Das zweite ist die Herz-Jesu-Verehrung. Es mag manchen schwerfallen, damit etwas anzufangen, wenn er auf kitschige Herz-Jesu-Figuren trifft. Aber dahinter steht etwas anderes: Ein Gott, der ein Herz hat, der konkret wird in Jesus. Und diese Herz-Jesu-Verehrung hat auch einen Blick für diejenigen, die am Rand stehen, für die Kranken, Schwachen, Gescheiterten. Und ein Letztes: Wir haben im Orden in der Aktivität tägliche Momente der Stille. Dieser Puls zwischen Aktion und Kontemplation fasziniert mich.

Welche Erfahrungen des Ordenslebens bringen Sie mit in ein Bistum, das von Diaspora, Priestermangel, Strukturdebatten und einer sinkenden Zahl von Kirchgängern geprägt ist?

Eine Grunderfahrung, die ich mitbringe ist die, dass ich in den letzten Jahren in völlig unterschiedlichen Kontexten gelebt habe. Heute arbeite ich in der Generalleitung unseres Ordens mit zwölf Männern aus vier Kontinenten und zehn Ländern zusammen, drei von ihnen haben einen muslimischen Hintergrund. Menschen suchen Gott in ganz unterschiedlichen Situationen. Wenn ich eine neue Aufgabe angehe, ist es mir wichtig, zunächst hinzuhören, zu verstehen, zu vergleichen, zu bedenken. Ich habe Respekt vor den gewachsenen Strukturen und Traditionen, gehe da aber angstfrei ran. Traditionen sind dann gut, wenn sie heute das Leben bereichern. Ich scheue mich nicht davor, alte Zöpfe abzuschneiden und neue Wege vorzuschlagen.  

 

„Ich lese gern, und zwar querbeet, nicht nur Fach-
literatur“, sagt Pater Heiner Wilmer. | Foto: kna

Sie sind der jüngste Bischof, den das Bistum Hildesheim seit langer Zeit hatte. Welche grundsätzlichen Veränderungen werden wir gemeinsam mit Ihnen erleben?

Mit Ankündigungen bin ich zurückhaltend. Im ersten Jahr möchte ich ankommen und zuhören. Ich werde viele Besuche machen und durchs Bistum fahren. Dann sehen wir weiter.

Wie haben Ihre Familie und Ihr engstes Umfeld die Bischofsernennung aufgenommen?

Meine Familie war zunächst einmal sprachlos, aber jetzt freuen sich alle, dass ich in heimatliche Gefilde zurückkomme. Ich habe neben meiner Mutter und drei Geschwistern auch noch zahlreiche Freunde und Bekannte im Emsland.
 
Kommen Sie allein nach Hildesheim? Mit wem werden Sie unter einem Dach wohnen?

Wie sich das gestaltet, weiß ich noch nicht. Das wird auf jeden Fall eine große Umstellung für mich. Seit meinem 19. Lebensjahr lebe ich ununterbrochen in einer Gemeinschaft. Ich bin kein Einzelkämpfer.

Haben Sie ein Hobby?

Ja, Radfahren. Das musste ich mir allerdings in den letzten drei Jahren verkneifen. Fahrradfahren in Rom ist zu gefährlich. Außerdem gehe ich gern mit anderen Menschen ins Kino, ins Theater oder in Konzerte. Und ich lese gern, und zwar querbeet, nicht nur Fachliteratur.

Die Menschen im Bistum Hildesheim erwarten Sie mit großer Freude und mit vielen Erwartungen. Sie haben jetzt genau einen Satz, um alle für sich einzunehmen.

Ich freue mich auf die Gesichter, deren Augen, die Gespräche, die Nähe und das gemeinsame Leben aus dem Glauben heraus und ich freue mich auf die Bereicherung, die die Menschen im Bistum mir gegenüber verkörpern.  
 
Interview: Matthias Bode