Die Folgen des Bergbaus

Sie ist die Zinnhauptstadt Boliviens: Huanuni liegt auf knapp 4000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel, 50 Kilometer südöstlich von  Oruro, der Hauptstadt des gleichnamigen Departements. Etwa 20 000 Menschen leben in dem Ort, 4600 arbeiten in der Zinnmine. Am Berg Posokoni die größte Zinnmine Südamerikas, in der 5 Prozent des weltweit geförderten Zinns abgebaut werden, monatlich 400-500 Tonnen.

Für Bacilia Morochi ist der Bergbau Reichtum und Fluch zugleich. Fotos: Bosl

Wir treffen uns mit Bacilia Morochi. Die Juristin arbeitet bei Caritas Oruro und stammt aus  Huanuni. Ihr Vater und zuvor ihr Großvater waren Bergleute. Bereits am Werkstor begrüßen sie ehemalige Klassenkameraden und Verwandte.  Sie hat uns die Genehmigung verschafft, das Minengelände zu besichtigen. Das Misstrauen ausländischen Besuchern gegenüber bleibt trotzdem zu spüren. Die staatliche Minengesellschaft COMIBOL, die die Mine betreibt, redet nicht gerne über die gravierenden Umweltschäden, die der Zinnabbau verursacht.

1900 stieß der bolivianische Handelsgehilfe  Simón Patiño auf die reichste Zinnader der Welt und begann den systematischen Ausbau eines Bergbauimperiums. In den 1920er Jahren förderte Patiño 50% des bolivianischen Zinns. Er baute ein Eisenbahnnetz, das die bolivianischen Erzförderstätten  verband und erwarb 1911 die deutsche Gießerei Zinnerzwerke Hamburg-Wilhelmsburg. 30.000 Menschen arbeiteten zu dieser Zeit für den Zinnbaron.

Mit einem Lastenaufzug fahren wir auf halbe Höhe des Berges. Hier beginnt der Verarbeitungsprozess des Gerölls, das mit großen Kippfahrzeugen aus dem Berg gebracht wird. Ein Teil der Maschinen, die die Gesteinsbrocken nacheinander zertrümmern, zerreiben, rütteln und ausschwemmen stammt noch aus Patiños Zeiten. Die Anlage verbindet traditionellen Bergbau mit moderner Technik. So wird derzeit in 300 Meter Tiefe ein Stollen unter dem Dorf vorangetrieben, der den Hügel gegenüber dem Zinnberg für die Förderung vorbereitet. Dort liegen reiche Vorkommen an Zink, Silber und Blei, Vorsorge für die Zeit nach dem Zinn, das noch zwischen 30 und 50 Jahren verfügbar sein soll.

Mit diesem Aufzug habe sie ihrem Vater das Essen zur Mine gebracht, erzählt uns Bacilia. Sie ist stolz auf ihre Herkunft. Die Minenarbeiter aus Huanuni gelten bis heute als gut organisiert und wehrhaft. 1981/82 ließ der bolivianische Diktator Banzer den Ort vom Militär einnehmen. Bacilia erinnert sich, wie die Frauen der Bergarbeiter sich in das Kulturzentrum des Ortes flüchteten. Dort gab es eine Radiostation, die mit internationaler Reichweite sendete. Sie retteten Teile der Anlage vor dem Zugriff der Militärs, indem sie sie im Berg versteckten.  Die Soldaten schossen von den umliegenden Hügeln auf Frauen und Kinder, es gab Tote und Verletzte. Bacilia war damals 11 Jahre alt. 

Mitte der 1980er Jahre brach der internationale Zinnmarkt zusammen, 30 000 Bergleute wurden entlassen. Auch Bacilias Familie verließ 1985 Huanuni und zog in die Stadt nach Oruro. Der Vater verkraftete diesen Wechsel bis zu seinem Tod nicht, die Mutter musste vier Kinder als Straßenverkäuferin ernähren. Alle haben das Abitur gemacht und studiert. Bacilia wurde Anwältin.

Nach drei Stunden verlassen wir das Werkgelände staubig und mit dröhnenden Ohren.
Bacilia steuert den Pickup der Caritas durch den Ort ans Flussufer. Dunkelgrau schäumt der Uyuni durch das Tal. An seinen Ufern arbeiten die „Palliris“, Frauen, die den Abraum der Mine nach Restmetall durchsieben. Vier bis sieben Prozent sind daraus noch zu holen. Auch sie sind bei der staatlichen Minengesellschaft angestellt, sind ihr unterster sozialer Sockel.

Die abwasser der Mine sind orange  - ein Hinweis, wie vergiftet sie sind.

Der Geruch in der Luft ist beißend. Wir laufen an den Rückhaltebecken vorbei, in denen die Abwässer der Mine orange bis türkisblau leuchten. Um Zinn zu lösen, braucht man viel Wasser und Zyanid. Die Becken liegen direkt hinter dem Dorf, neben Abfallbergen, in denen sich ein Rudel Schweine vergnügt. Bacilia lacht, das seien die reichsten Schweine der Welt, mit so einer Menge an Zinn im Blut. Wir fahren durch das weite Tal des Lago Poopó, eines Sees, in dem nun kaum mehr Fische schwimmen und auf dem keine Wasservögel mehr leben. Die Flussebene ist verkarstet und vergiftet.

Bacilia hadert mit dem Niedergang ihrer Heimat. Wie die meisten Menschen hier ist sie mit dem Bergbau verbunden, der Reichtum und Fluch ist. Wie viele Familien, die vom Bergbau und von der Landwirtschaft gleichzeitig leben. Sie ist Anwältin geworden, um für Gerechtigkeit einzutreten. Ihr Traum ist es, eine Umweltgruppe zu gründen, die den Menschen die Auswirkungen ihres Handelns deutlich macht. Sie setzt auf die Frauen, die näher am Leben sind, die ihre Kinder gesund aufwachsen sehen möchten. Bolivien hat gute Umweltgesetze, die keiner beachtet oder einfordert. Eine große Herausforderung für eine Anwältin der Caritas und eine dringende Anfrage an unsere weltkirchliche Solidarität.

Katharina Bosl von Papp

Deine Bewertung: Keines Average: 3 (1 vote)