KiZ-Serie: Unterwegs im Bistum - Teufelsmoor und Worpswede

„Den Eersten sien Dood…“

Die Landschaft ist Idylle pur. Aber Besucher sollten die Schilder ernst nehmen, die vor dem Verlassen der Wege warnen. Ein paar unbedachte Schritte, und schon könnte man langsam, aber unerbittlich in die Tiefe gezogen werden.

Rolf Podgornik kennt das Teufelsmoor genau. Hier entspannt er sich bei Spaziergängen, beobachtet die Zugvögel. Fotos: Stefan Branahl

Rolf Podgornik kennt das Teufelsmoor genau. Hier entspannt er sich bei Spaziergängen, beobachtet die Zugvögel. Fotos: Stefan Branahl

Wen das Teufelsmoor packt, den gibt es nicht mehr her. Und gepackt hat es beispielsweise Rolf Podgornik. Der ist allerdings alles andere als eine Moorleiche.  Quicklebendig führt er zu den schönsten Stellen rund um den Huvenhoopssee, einen der letzten erhaltenen Hochmoorseen Niedersachsens, nördlich von Bremen. Oft streift Podgornik hier durch die Gegend, vor allem, wenn die Kraniche zu Tausenden Rast machen. Er kennt Moosbeere und Gagelsträucher, kann Weißes Schnabelried und Scheidiges Wollgras benennen.

Als er vor Jahren mit seiner Frau ins Teufelsmoor zog, war er auf der Suche nach einer Fluchtburg für die Zeit nach dem Beruf: In Düsseldof begleitete er als Therapeut missbrauchte  Kinder und Jugendliche, kämpfte gegen gesellschaftliche Ignoranz und Behördenwillkür.

Sträftlinge hoben den Kanal aus

Eine Fluchtburg hat das Ehepaar gefunden, eine alte Schule in Gnarrenburg, in der zuletzt der von allen respektierte Lehrer Arthur Apel ein Dutzend Jungen und Mädchen unterrichtete. Vor dem Haus dümpelt träge das schwarze Wasser des Hamme-Oste-Kanals, Ende des 18. Jahrhunderts von Sträflingen mit der Schaufel ausgehoben. Hinter dem Haus erstreckt sich sein riesiger Garten, den die Podgornis  nach und nach mit viel Sachverstand und noch mehr Herzblut angelegt haben.

Das Teufelsmoor liegt wenige Kilometer nördlich von Bremen

Lange war das Teufelsmoor eine unwirtliche Gegend, um die man einen großen Bogen machte.  Rolf Podgornik erzählt von Kommissar Jürgen Christian Findorff, der vor 250 Jahren im Auftrag des Kurfürsten von Hannover das Land entwässerte und Siedler anwarb – einfache Knechte vor allem, die hier nicht nur günstig an Grund und Boden kamen, sondern auch von Steuern und Militärdienst befreit waren. Findorffs Beiname war „Vater aller Moorbauern“, er ließ Schulen und Kirchen als gesellschaftliche Mittelpunkte bauen. Trotzdem war es ein hartes Leben, und von den Alten kennt noch mancher den Spruch: „Den Eersten sien Dood, den Tweeten sien Noot, den Drüdden sien Brot“.

Die kleine Kapelle Maria Frieden in Worpswede ist auch für viele Gäste ein Ort der Besinnung und Ruhe.
Die kleine Kapelle Maria Frieden in Worpswede ist auch für viele Gäste ein Ort der Besinnung und Ruhe.

Im Laufe von zwei Jahrhunderten wurden Millionen von Kubikmetern Torf gestochen und auf Kähnen als Brennmaterial nach Bremen gebracht. So wie die Maler der Künstlerkolonie Worpswede den Landstrich noch auf Leinwand festgehalten haben, gibt es das Teufelsmoor längst nicht mehr. Selbst als Fritz Mackensen, einer der Gründer von Worpswede, 1895 sein prämiertes monumentales Bild „Gottesdienst im Moor“ präsentierte – drei Dutzend Männer und Frauen, die unter freiem Himmel mit gefalteten Händen und gesenkten Köpfen einer Predigt folgen – hatte der Mensch die Natur schon in großen Teilen zerstört.

Vom ursprünglichen Teufelsmoor ist nur noch ein kümmerlicher Rest geblieben. Der hat zwar unbestritten seine Reize, doch Touristen kommen nur selten in die Gegend. Der Beobachtungsturm am Ufer des Huvenhoopssees, für viel Geld auch mit EU-Mitteln gebaut, steht meistens einsam und verlassen da. Höchstens der Moorexpress, eine alte Lokalbahn, lockt zu den Fahrtagen Gäste an.

Rolf und Heide Podgornik bewohnen das ehemalige Schulhaus in Gnarrenburg. Hier haben sie einen riesigen Garten angelegt.
Rolf und Heide Podgornik bewohnen das ehemalige Schulhaus in Gnarrenburg. Hier haben sie einen riesigen Garten angelegt.

Worpswede lockt die Besucher an

Die konzentrieren sich eher auf den Mittelpunkt des Teufelsmoores: Worpswede gilt heute als international bekannter Künstlerort mit seinem Barkenhoff (von Heinrich Vogeler zu einer Jugendstil-Villa umgebaut), mit der Kunsthalle, dem expressionistischen Kaffee-Gebäudeensemble und der bemerkenswerten Zionskirche inmitten eines alten Friedhofs mit dem Grab der Malerin Paula Modersohn-Becker.

Anziehungspunkt für viele Besucher ist allerdings auch eine neuere, eher unscheinbare Kirche, die 1974 erbaute katholische Kapelle Maria Frieden. Sie steht eigentlich auf der Liste der Kirchen, die in absehbarer Zeit geschlossen werden sollen. Das will ein Förderverein verhindern, den Rolf Podgornik mitgegründet hat. Weit über den Kreis der Katholiken hinaus findet er Unterstützung. „Ausstellungen, Konzerte, Gottesdienste und ökumenische Andachten machen Maria Frieden zu einem religiösen Mittelpunkt in Worpswede“, sagt Podgornik. Er blättert im Gästebuch und zitiert den jüngsten Eintrag: „Diese Kapelle ist ein Ort der Ruhe und der Einkehr. Es wäre traurig, wenn sie geschlossen wird.“

Von Stefan Branahl

Kommentare

Sehr geehrter Herr Branahl, als ehemaliger Dortmunder fühle ich mich doch ein wenig betroffen. Herr Podgornik hat nicht in Düsseldorf, sondern in Dortmund gewirkt. Ist schon wichtig für mich, der in Dortmund lange Zeit selber gelebt und gearbeitet hat. Liebe Grüße