Weihbischof Heinz-Günter Bongartz erläutert Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen

„Es hat keine Zeugen gegeben“

Die Nachricht von den Missbrauchsvorwürfen gegenüber Bischof Heinrich Maria Janssen hat im Bistum Bestürzung ausgelöst. Viele Menschen zweifeln, ob die Vorwürfe stimmen.  Weihbischof Heinz-Günter Bongartz beantwortet die Fragen von Matthias Bode:

Weihbischof Heinz-Günter Bongartz (rechts) und Domkapitular Martin Wilk stellten sich am vergangenen Freitag den Fragen der Journalisten. Foto: Branahl

Die Menschen fragen sich, wie stichhaltig die Vorwürfe sind. Was spricht für die Glaubwürdigkeit des Opfers?

Dafür spricht einiges. Der Betroffene konnte zahlreiche Details wie Umstände, Zeit und Orte des Missbrauchs benennen. Wir haben diese Angaben, so weit möglich, geprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass sich die Dinge so abgespielt haben könnten. In den Gesprächen, die Domkapitular Martin Wilk und ich mit dem Mann geführt haben, war eine große persönliche Betroffenheit zu spüren. Darüber hinaus legt der Lebensweg des Mannes nahe, dass er eine solche Geschichte nicht einfach erdichtet hat. Schließlich hat er seine Angaben durch eine Eidesstattliche Erklärung untermauert, ein ganz wichtiger Faktor für uns.

Reicht das?

Wenn Missbrauchsvorwürfe bei uns auftauchen, gilt grundsätzlich auch die Unschuldsvermutung gegenüber dem Beschuldigten. Wir prüfen genau, ob wir nicht jemandem Unrecht tun, wenn wir uns der Sicht des vermeintlichen Opfers anschließen. In diesem Fall haben wir die Vorwürfe für insgesamt plausibel gehalten. Letztlich wissen wir nicht, was sich wirklich ereignet hat, aber es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Dinge so oder so ähnlich abgespielt haben, wie sie uns der Mann geschildert und mit einer eidesstattlichen Erklärung dokumentiert hat. Domkapitular Wilk und ich haben die Gespräche mit dem Opfer immer mit den zwei psychotherapeutisch kompetenten Mitgliedern des Beraterstabes unseres Bistums für sexuellen Missbrauch kommuniziert. Der Mann selbst hat ein direktes Gespräch mit den Ansprechpartnern ausdrücklich abgelehnt. Auch sie hielten die Angaben des Mannes für glaubwürdig. Daraufhin haben wir den Fall, wie es die Ordnung der Deutschen Bischofskonferenz vorsieht, an die zentrale Koordinierungsstelle für sexuellen Missbrauch gemeldet.

Die Stelle hat die Schilderungen geprüft und eine Zahlung von 10 000 Euro für angemessen erachtet. Das ist das Doppelte wie üblich, aufgrund der Schwere der Taten. Das Bistum hat gezahlt. Erkennen Sie dadurch nicht die Schuld des Täters, in diesem Fall des ehemaligen Bischofs, an?

Die Zahlung ist eben keine Schuldanerkenntnis. Wir erkennen an, dass das Opfer ganz offenbar Leid erlitten hat. Dafür gibt es eine materielle Leistung in Anerkennung des Leids. Wir sagen nicht, dass damit sämtliche Schilderungen des Opfers wahr sind. Und wir verurteilen damit auch den Beschuldigten nicht. Die Schwierigkeit ist, dass auf der einen Seite der betroffene Mann den behaupteten Missbrauch nicht beweisen kann, andererseits der Beschuldigte sich nicht zu den Vorwürfen äußern kann, da er verstorben ist.

Sie sagen, das vermeintliche Opfer habe versucht, eine höhere Geldzahlung durch das Bistum zu erreichen und sich gleichzeitig bereit erklärt, bei Erfüllung der Forderung über den Vorgang zu schweigen. Hat Sie ein solches Verhalten – das ja einer Erpressung nahekommt – nicht stutzig gemacht? Spricht das nicht gegen die Glaubwürdigkeit des Betroffenen?

Ich persönlich habe nie von Erpressung gesprochen, aber natürlich wirft ein solches Verhalten einen Schatten auf die Glaubwürdigkeit des Opfers. Ich verstehe auch nicht, warum der Mann dies getan hat und – nachdem er mit uns strikte Vertraulichkeit vereinbart hatte – selbst den Weg in die Öffentlichkeit gewählt hat. Wichtig ist: Die Beurteilung des Falles durch uns hier in Hildesheim als auch durch die zentrale Koordinierungsstelle in Bonn haben vor dieser Geldforderung stattgefunden.

Wenn wir in die 50er- und 60er-Jahre zurückblicken – war ein Missbrauch durch einen Oberhirten überhaupt möglich? Stand ein Bischof nicht selbst unter ständiger Beobach­tung?

Jeder einzelne Missbrauchsfall ist schwer vorstellbar. Aber es gibt offenbar Orte und Zeiten, an denen ein Missbrauch unbemerkt stattfinden kann. Das war vor 50 oder 60 Jahren nicht anders als heute. Es gibt Missbrauchsfälle in Familien. Und man kann kaum glauben, dass dies niemand bemerkt. Insofern ist auch der Missbrauch durch einen Bischof nicht auszuschließen.

Haben Sie, bevor Sie an die Öffentlichkeit gegangen sind, auch entlastende Fakten für Bischof Heinrich Maria Janssen geprüft?

Umfängliche Befragungen waren aufgrund des Opfer-Wunsches, absolute Vertraulichkeit zu wahren, nicht möglich. Hinzu kommt, dass es kaum Personen aus den 50er- und 60er-Jahren gibt, die darüber verlässlich berichten können. Die Missbrauchshandlungen fanden nach Aussage des Opfers darüber hinaus im Geheimen statt, es hat keine Zeugen gegeben. Die Zeugenschaft ist bei nahezu allen Missbrauchsfällen ein Problem, eben weil verborgene Orte gewählt und die Opfer unter Druck gesetzt werden.  Kinder fühlen sich in ihrer Situation meistens völlig alleingelassen und haben in der Vergangenheit kaum Gehör bei Erwachsenen gefunden. Ein Missbrauchsopfer hat mir einmal gesagt: „Der größte Missbrauch war, dass meine Eltern mir nicht geglaubt haben.“ Wie wollen Sie unter diesen Voraussetzungen glaubwürdige Zeugen finden?

In verschiedenen Kommentaren wird Ihnen vorgeworfen, den Missbrauchsfall nicht frühzeitiger öffentlich gemacht zu haben. Sie berufen sich darauf, dass das Opfer auf Vertraulichkeit bestanden habe. Wäre es nicht möglich gewesen, den Täter zu nennen und gleichzeitig das Opfer zu schützen?

Wie soll das gehen? Der Betroffene hat uns darauf verpflichtet, den gesamten Vorgang unter absoluter Vertraulichkeit zu behandeln. Das haben wir in Übereinstimmung mit den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz getan.  Was hätten wir machen sollen? Vor die Presse treten und sagen: „Es gibt Vorwürfe gegen einen ehemaligen Bischof. Aber wir können Ihnen nicht sagen, um wen es sich handelt, wer die Vorwürfe erhebt und wie wir dazu stehen.“ Eine so diffuse Kommunikation ist unverantwortlich und nicht vermittelbar.

Kommentare

Die Debatte über Missbrauchsfälle, die 2010 wieder aufgekommen ist, gibt viel Anlass zum Nachdenken. Zum Beispiel auch über unser Opferbild. Dem gesellschaftlichen Mythos zu Folge werden vor Allem schwache, minderwertige, mit Makeln versehene Kinder missbraucht. Die dann später auch nie auf einen grünen Zweig kommen, weil sie dazu ja gemäß dieser Logik weder geeignet noch würdig sind. Der Täter, folgt man solchen Erwägungen, hat ja quasi eine notwendige soziale Selektion vollzogen. Da die "Guten", "Starken", "Reinen" und dort die "Schlechten", "Schwachen", "Besudelten". Und Missbrauchsopfer, diese Verkörperung defizitärer Existenz, seien deshalb zu Demut und Dankbarkeit verpflichtet. Auch gegenüber Menschen, die ihnen Selbstverständlichkeiten entgegen bringen. Für mein Dafürhalten verkörpert so etwas eine sehr abwertende Sicht auf Menschen. Aber das würde passen. Denn Missbrauch hat mit Sexualität zu tun. Und die wird in unserer Gesellschaft traditionell dämonisiert. Es sei denn, sie dient der direkten Fortpflanzung. Ich sehe es etwas anders: die Kinder, deren Missbrauch unsere Gesellschaft zulässt, werden von ihr geopfert. Ganz verschiedenen Zwecken, je nach Kontext und Tatort. Sie reichen von: "dieser Priester ist ein guter Spendensammler, deshalb lassen wir ihn Kinder missbrauchen" bis hin zu "Mutter hat auch ein wenig Liebe verdient, darum muss Max mit ihr das Bett teilen, auch wenn er schon 11 Jahre alt ist". Drastisch ausgedrückt: "Opfer werden von der Gesellschaft auf den psychosozialen Biomüllhaufen entsorgt". Wie kann man so einer kollektiven Misshandlung Genüge tun? Wer kann das entscheiden? Gibt es überhaupt den "einen, passenden" Weg? Sollte man die Wahl nicht den Betroffenen selbst überlassen? Der eine wünscht sich Therapie, der nächste Geld, ein anderer ein offenes Ohr. Ist das nicht überall im Leben sonst auch so? Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Ich kenne Bischof Heinrich Maria aus meiner Zeit im Collegium Albertinum (ab 1962) persönlich, da ich auch im Bischofshaus und im Dom als Ministrant tätig war. Die dem Bischof vorgeworfenen Vergehen sind für mich schlichtweg unglaublich. Ich habe Bischof Heinrich Maria als einen gutherzigen Menschen kennengelernt, dessen Integrität für mich außer Zweifel steht. Auch wenn das widersprüchlich klingen mag: er war einerseits sehr freundlich und an der Person interessiert, andererseits war da - allein schon wegen der Autorität, die er für uns darstellte - immer eine deutliche Distanz spürbar. Es gab auch keine körperlichen Kontakte, wie z.B. ein belobigendes Tätscheln, das bei anderen Erwachsenen in dieser Zeit durchaus üblich war. Er war weiß Gott auch nicht oberflächlich, Interesse an "seinen" Ministranten hatte er nicht nur pro forma: 10 Jahre nach meiner Zeit im Albertinum erkannte er mich anlässlich einer Firmung in meiner Heimatgemeinde, durchbrach das Protokoll und fragte, wie es mir denn so gehe. Seine Leistungen als Bischof kann und will ich nicht beurteilen, als Mensch habe ich ihn in guter Erinnerung, daran ändern auch diese Missbrauchsvorwürfe nichts.

Ich selbst habe in einem Klosterinternat in den 1960er Jahren massiven sexuellen Missbrauch an meinen Mitschülern durch einen Mönch erlebt. Ich bin überzeugt davon, dass hier nur die Spitze des Eisberges an die Öffentlichkeit kommt. Dass der Betroffene im Falle des Bischofs Heinrich Maria Janssen wegen der nachträglichen Geldforderung unglaubwürdig ist, kann ich mir nicht vorstellen. Es ist für mich typisch, so wie es auch damals war, dass erst einmal die "Würdenträger" glaubwürdiger erscheinen nach dem Motto "Was nicht sein darf, kann nicht sein". Da spielen auch Enttäuschungen eine Rolle, dass man jemand verehrt hat, der nun nicht mehr dieser Verehrung würdig erscheint.

Da ich selbst über Jahre Opfer schweren Missbrauchs gewesen bin, kann ich nicht verstehen, wie leichtfertig und oberflächlich Herr Weihbischof Bongartz, Domkapitular Wilk und die Psychologen mit diesem Thema umgehen. Was sie als Verhalten des Mannes schildern, erzeugt bei mir Zweifel an der Richtigkeit seiner Vorwürfe. Wer solche tiefen Verletzungen erfahren hat, verhält sich, meiner persönlichen Erfahrung nach, anders. Auch nach einem halben Jahrhundert wirken erlittene seelische Wunden noch nach. Aber sie führen doch nicht zu einer Verhaltensweise, bei der das erlittene Leid zur Geldforderung instrumentalisiert wird. Wenn dieser Mann wirklich solche tiefen Verletzungen erfahren hat, müsste er dann nicht geradezu Sehnsucht danach haben, mit Hilfe von guter (auch außerkirchlicher) psychologischer Begleitung, dieses Trauma besser verarbeiten und im Idealfall überwinden zu können? So kann ich nicht nachvollziehen, warum er dieses Angebot ausgeschlagen hat. Ist er sich nicht bewusst, dass er mit der nachträglichen Geldforderung die Würde seiner eigenen Person zum Druckmittel erniedrigt und sich selbst erneut zu einem „Missbrauchsopfer“ macht? Ging es hier doch nur ums Geld?

Kommentar zum Text vom 12.11.15 - 23:43 Uhr: Nach meinem, innerem Empfinden, geht Weihbischof Bongartz keinesfalls leichtfertig und oberflächlich mit dem Thema um! Was soll er denn machen, kraft Amtes - den Richter spielen? Zeit & Raum des Ereignisses sind vergangen! Herr Weihbischof Bongartz hat kraft seines Amtes eine schwere Verantwortung / Bürde zu tragen, um die ihn wohl niemand hier beneidet: Er muß aus dem "HEUTE" zurückgreifen -> in eine Zeit, die nicht nur vergangen ist, sondern es fehlt auch in "unserem Heute" -> der ZEITZEUGE VON DAMALS, nämlich Bischof Janssen selber! Das Einzigste, was Herr Weihbischof Bongartz in "UNSEREM HEUTE" tun konnte -> war das vorstellig gewordene Opfer durch Zuhören, Anteilnahme und durch ein "innerseelisches MIT-TRAGEN" zu würdigen. Auch das angebotene Therapeuten-Gespräch empfinde ich als Würdigung des Mannes, denn der Leidende wird auf AUGENHÖHE ernst- und angenommen; in seiner ganzen Person! Das sich daran, eine "Anerkennung des zur Sprache gebrachten Leidens" anschließt, ist für mich stimmig! Fühlbar unstimmig jedoch, wird es für mich -> durch das Wort "Forderung"! Das einzigste, was fühlbar in diesen LEIDENS-KONTEXT paßt, wäre das Wort Dankbarkeit! Danke für den vertrauensvollen Raum - Danke für das Zuhören - Danke für die Annahme meiner Person - Danke für das Hilfsangebot der Therapeuten - und danke für die Anerkennung auf materieller Ebene! EINFACH NUR DANKE, WEIL ICH ANGEKOMMEN BIN -> MIT MEINEM LEID - NACH 50 JAHREN SCHWEIGEN !!!

So ist auch mein Empfinden und ich verurteile wie sehr ein verdienter Bischof und Seelsorger in den Dreck gezogen wird Das Bistum prüft nicht genug... Ich habe den Bischof nicht persönlich gekannt, doch nur Gutes gehört.Ich hoffe, es gibt keine Trittbrettfahrer Als Opfer verhält man sich nicht so???? Ich bin selber betroffen Doch nun Dank Vertrauen gestärkt.(Gespräche mit einem Seelsorger)

Das Bistum zu erpressen ist das etwa die Reaktion eines Opfers??? Diesem Mann geht es um Geld.der Spiegel hat gezahlt Es mag sein,dass der Bischof Nähe und Distanz nicht korrekt eingehalten hat-
Der Mann macht Euch allen etwas vor- Es wäre besser gewesen im Mai Transparenz zu zeigen.Nun wird ein Bischof beschuldigt der sich nicht mehr verteidigen kann.Im Zweifel........ Der Mann leidet nicht.Er ist nicht glaubhaft Ich weiss wie sich ein Opfer fühlt