26.10.2017

„Ich bitte Sie um Ihr Gebet“

Ein „fortdauerndes Führungsversagen“ attestiert die Initiative „Eckiger Tisch“ dem Bistum Hildesheim.  Weihbischof Dr. Nikolaus Schwerdtfeger bittet alle Gläubigen, für die Opfer von sexuellem Missbrauch zu beten.

Das Gutachten zu den Missbrauchsfällen im
Bistum Hildesheim stößt auf unterschiedliche
Redaktionen. | Foto: Gossmann

Am Montag vor einer Woche ist der Bericht über Fälle von sexuellem Missbrauch im Bistum Hildesheim vorgestellt worden. Jetzt wendet sich Weihbischof Schwerdtfeger in einem Brief an die Pfarrgemeinden und schreibt: „Ich bitte Sie um Ihr Gebet für diejenigen, denen durch Geistliche schweres Unrecht widerfahren ist. Beten Sie auch für uns alle in der Kirche, die wir gemeinsam Verantwortung tragen.“

Durch eine Atmosphäre des Miteinanders und der Achtsamkeit solle aktiv darauf hingewirkt werden, eine mögliche Gefährdung von Kindeswohl künftig rechtzeitig zu erkennen. Nach einem Aufruf im Jahr 2010 waren beim Bistum 70 Meldungen über sexuellen Missbrauch eingegangen.

Es bleibt ein Zwiespalt

In dem Schreiben kommt Schwerdtfeger auch auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Bischof Heinrich Maria Janssen zu sprechen. Auf der einen Seite stehe der ehemalige Ministrant, dessen Schilderungen, dass ihm schlimmes Leid widerfahren ist, plausibel seien. Auf der anderen Seite stehe der verstorbene Bischof, für den die Unschuldsvermutung gelte. „Das bleibt ein Zwiespalt, der sich kaum auflösen lässt und uns auch in Zukunft zu einer differenzierten Betrachtungsweise zwingt“, schreibt der Diözesanadministrator.
 

Das Gutachten zu Missbrauchsfällen im Bistum Hildesheim belegt nach Einschätzung der Opferinitiative „Eckiger Tisch“ ein fortdauerndes Führungsversagen in der Diözese. Das Bistum sei über viele Jahre seinen dienstrechtlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen und habe Kinder und Jugendliche einer tatsächlichen Gefahr ausgesetzt, erklärte Sprecher Matthias Katsch. Guter Wille und gute Absichten reichten nicht aus, um Kinder wirksam zu schützen. „Nur wenn rückhaltlos aufgeklärt wird, wie jetzt geschehen, werden hoffentlich auch die geeigneten Konsequenzen gezogen.“ Die Initiative „Eckiger Tisch“ betonte, dass die Aufarbeitung mit der Vorlage des Gutachtens keineswegs beendet sei. Der Fall Peter R. müsse kirchenrechtlich weiterhin bearbeitet werden, so Katsch. Auch seien die zahlreichen Empfehlungen der Gutachter umzusetzen.

„Täterschutz ging vor Opferschutz“

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bezeichnete den Bericht als „ein weiteres erschreckendes Beispiel, wie Täterschutz vor Opferschutz in der katholischen Kirche über Jahrzehnte funktionierte“.

Er hoffe, dass nun die Regelungen im Bistum für den Umgang mit Missbrauchsfällen und die Vorbeugung vereinheitlicht sowie die Zusammenarbeit mit externen Ansprechpersonen intensiviert würden, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Matthias Bode

 

Will die Präventionsarbeit
weiter stärken: Weihbischof
Dr. Nikolaus Schwerdtfeger.

Aus dem Gutachten lernen
Weihbischof Schwerdtfeger, nach einem Monat im Amt des Diözesanadministrators hatten Sie gleich die Aufgabe, den Bericht des IPP zu den Missbrauchsfällen vorzustellen. Wie haben Sie sich gefühlt?

Den Bericht haben die Gutachter selbst vorgestellt. Ich habe dabei ihre Darlegungen als differenziert empfunden. Natürlich war diese ganze Situation, die für mich jetzt gleich am Anfang stand, alles andere als leicht. Mir selbst war und ist vor allem wichtig, die Opfer und ihre Angehörigen um Entschuldigung zu bitten für das bestürzende Leid, das ihnen widerfahren ist und auf das wir als Bistum leider nicht adäquat reagiert haben. Und mir ist wichtig, dass wir aus dem Gutachten lernen.

In den Medien ist das Bistum zum Teil sehr scharf kritisiert worden, auch weil keine personellen Konsequenzen gezogen wurden. Wie nehmen Sie die Kommentare und Reaktionen wahr?

Ich fand die Berichterstattung durch die Medien in der Regel sachlich, so schmerzhaft die Bilanz des Gutachtens für uns auch ist. Wir müssen ohne Wenn und Aber zugeben, dass nicht einer allein, sondern wir als Institution Fehler gemacht haben. Es tut weh, durch den Scheuersack der bitteren Resultate hindurchzumüssen. Das kann mit dazu beitragen, in Zukunft konsequenter und angemessener mit Fällen sexualisierter Gewalt umzugehen.

Der Bericht erwähnt weitere Opfer des Priesters Peter R. Wie geht das Bistum mit diesen Betroffenen um? Haben Sie Kontakt zu den Opfern aufgenommen und sind Zahlungen im Sinne der Anerkennung des Leids vorgesehen?

Das Gutachten nennt bis 2003 elf Opfer von Peter R., vermutet aber darüber hinaus eine noch größere Dunkelziffer. Soweit möglich, suchen wir den Kontakt. Wir kennen nicht jedes Opfer mit Namen und müssen im Blick auf eine eventuelle Retraumatisierung achtsam und verantwortlich vorgehen. Was Zahlungen an die Opfer angeht, ist hier zunächst einmal der noch lebende Täter selbst zur Rechenschaft zu ziehen. Sollte das nicht zu realisieren sein, können die Opfer eine Zahlung im Sinne der Anerkennung des Leids beantragen. Keine Zahlung kann jedoch das zugefügte Unrecht wiedergutmachen.

Prüft das Bistum weitere Maßnahmen gegen Peter R.? Gibt es disziplinarrechtliche Möglichkeiten, ist daran gedacht, ihm die Pension zu kürzen oder zu streichen?

Die Entscheidung darüber fällt in einem kirchenrechtlichen Verfahren. Dazu nötige Schritte habe ich eingeleitet.

Der Fall R. steht im Mittelpunkt des Berichtes. Die Praxis, Missbrauchs-Priester zu versetzen statt sie aus dem Dienst zu entfernen, hat es aber auch in anderen Fällen gegeben. Müsste hier nicht eine weitergehende Aufarbeitung erfolgen?

Die Gutachter haben sich selbst die Frage gestellt, ob eine weitergehende Untersuchung sinnvoll wäre. Sie konstatieren am Ende: „Zwingende Ansatzpunkte für eine umfassende Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim, die über den vorliegenden Bericht hinausgehen, ergeben sich aus unseren Recherchen nicht.“ Was den heutigen Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs und deren Aufarbeitung angeht, anerkennen die Wissenschaftler, dass das Bistum einen Paradigmenwechsel eingeleitet hat. Mir erscheint es nun wesentlich zu sein, dass wir die schon gute Präventionsarbeit weiter verstärken, um mitzuhelfen, dass Kinder und Jugendliche ungefährdet ihre Persönlichkeit in positiver Weise entfalten können.