12.07.2017

„Und was ist mit Musik?“

Die Werkwoche für Liturgie und Kirchenmusik gilt als wichtigste Fortbildungsveranstaltung des Fachbereichs Liturgie. Im Juni fand sie bereits zum 42. Mal statt. Was die Teilnehmer im Jakobushaus in Goslar allerdings tatsächlich erleben, ist vor allem ein großes Fest des Miteinanders – und natürlich der Musik.

Immer voll im Einsatz: Thomas Viezens treibt die
Teilnehmer der Werkwoche an. | Fotos: Kathi Flau

Wie einen … Berg. Ja, wie einen Berg muss man sich die Betonung dieser Liedzeile vorstellen, sagt Thomas Viezens zu seinem Chor. Wie den gleichmäßigsten Anstieg, wie eine Sinuskurve. „Ehre sei dem Vater und dem Sohn“, singt er und wirft sie mit dem ganzen Körper in die Luft, diese Kurve, seine Vorstellung von Gleichmäßigkeit.

Wer ihm zusieht, wüsste selbst dann, wenn er noch nie Musik gehört hätte, was die Aufgabe eines Dirigenten ist. Mit fließenden Bewegungen stellt Viezens Poesie und Kraft in den Raum wie ein Biologielehrer ein Skelett: um daran zu erläutern, was er meint, wenn er sagt: Harmonie! Intonation! Seinen zehnköpfigen Chor lässt er die Zeile nachsingen. Noch einmal. Und noch einmal: Ehre sei dem Vater und dem Sohn.

Einsingen, um richtig zu atmen

Seit neun Uhr laufen die Proben an diesem Vormittag im St. Jakobushaus in Goslar. Überall wird gesungen, gespielt, dirigiert. Vorher gibt es ein Frühstück für alle 44 Teilnehmer der Werkwoche und ihre Dozenten, gemütlich sitzen sie in zwei Räumen der herrschaftlichen Villa. Der Ausblick auf die Berge ist postkartenwürdig, auch wenn sie an diesem Morgen im Nebel liegen. Niemand hat es eilig, man trinkt noch einen Kaffee, plaudert über dies und das. Um zehn nach neun betritt endlich auch der Letzte den Übungsraum des Chors. Die anderen singen sich längst ein. „Ach, sieh mal an! Matthias!“, scherzt Viezens. „Was führt dich zu uns? – Ach ja, richtig, du bist im Arbeitskreis dabei, hatte ich ganz vergessen.“

Beim Einsingen geht es zunächst gar nicht ums Singen, sondern um das richtige Atmen. Genauer: um das Ausatmen auf den Buchstaben S. „Crescendo!“, ruft der Maestro in die Runde, und die Geräuschkulisse schwillt an wie die eines näherkommenden Bienenschwarms. Dann sind es die Vokale O und A, die Viezens tonleiterartig singen lässt, und zum Schluss eine Zeile, die sich Fred Feuerstein ausgedacht haben könnte: „Yabadabadaya“.

„In Schuhen kann kein Mensch singen“

Endlich geht es ans Eingemachte. An die echte Musik. An das Gesangbuch Gotteslob. „Schlagt mal Seite 63 auf“, sagt Tomas Viezens. Matthias, der Zuspätkommer, und Simone, mit elf Jahren die jüngste Teilnehmerin der Werkwoche, ziehen ihre Schuhe aus. „In Schuhen kann kein Mensch singen“, sagt das Mädchen und klingt wie ein Profi. Kalt wird ihr nicht, sagt sie. „Nö, ich bin das gewöhnt. Ich singe jeden Tag, also gehe ich auch jeden Tag barfuß. Ist ganz praktisch, dann vergesse ich abends nicht zu duschen.“
Mit ihrem Vater ist sie zur Musikwoche gekommen. Der allerdings singt nicht im Chor mit, sondern spielt Orgel. Dass er sich einen anderen Arbeitskreis als sie selbst ausgesucht hat, findet Simone gut: „Wir machen ja sonst so viel Musik zusammen, da kann hier auch mal jeder sein Ding machen.“ Genau diese Abwechslung vom Alltag ist es, die die mittlerweile 42. Werkwoche ihren Teilnehmern bieten will.

 

Die Notenblätter liegen vor,
handschriftlich wird noch
die Betonung ergänzt.

Exkursion nach Wittenberg

Auch Thomas Viezens, im wahren Leben Hildesheimer Dommusikdirektor, Organist und Kirchenmusikreferent der Diözese, weiß die Auszeit zu schätzen. Hier ist er nicht nur von einer anderen Landschaft, sondern auch von anderen Menschen umgeben als sonst – zum Teil alte Bekannte, zum Teil neue Gesichter. „Was ich mag, ist das Miteinander und das, was daraus wächst. Und das tolle Angebot an Veranstaltungen, das bringt viel Abwechslung in diese Woche.“ So stehen in diesem Jahr eine Exkursion nach Wittenberg auf dem Programm, Vorträge wie der von Prof. Dr. Jochen Arnold, gemeinsame Gottesdienste in der Hauskapelle und natürlich das Abschlusskonzert in St. Benno in Goslar. „Die haben da jetzt eine neue Orgel“, sagt Viezens, „das wird richtig super.“

In der Pause vertraut Simone ihm an, dass sie noch nicht weiß, was sie einmal werden will. „Als Einzige in meiner Klasse! Ich hatte schon verschiedene Ideen, aber keine guten.“ Zum Beispiel, sagt sie, wollte sie Polizistin werden. „Aber ich bin schlecht im Sport. Gut, manche Polizisten müssen ja auch bloß Akten sortieren. Aber wahrscheinlich würde mir da schnell langweilig werden.“ Viezens schaut sie ernst an und überlegt lange, bevor er sagt: „Und was ist mit Musik?“ Simone zuckt die Achseln, wenig begeistert von der Idee. „Du singst ganz toll“, sagt er und legt für eine Sekunde die Hand auf ihren Arm. „Wirklich.“ Da lächelt sie.

Jeder Teilnehmer muss vorsingen

Nach der Pause geht es weiter. „Bis in den Himmel reicht deine Liebe, Herr / bis zu den Wolken deine Treue“, singt jeder Einzelne der zehn Chorteilnehmer vor. „Nein, nein!“, unterbricht Thomas Viezens eine Frau. „Wo liegt die Betonung bei ‚Himmel‘?“ Lautlos formt sie das Wort mit den Lippen. „‚Himmel‘ ist die halbe Note“, sagt sie. „Genau“, sagt Viezens. „Und nochmal!“ Dann ist Michael dran. „Super, super, toll. Aber achte auf die Pause. Und nimm das Wort ‚Treue‘ hell mit! Hell, nicht so dunkel!“ Und dann singt er die Zeile selbst vor, der Chorleiter und Dirigent, hebt die Arme und lässt sie nach unten gleiten, harmonisch wie die Silben selbst. Und jeder Laie versteht: Ah, der Berg, die Sinuskurve. Nur diesmal steigt sie nicht, sie fällt. Ein Ausklang, wie er weicher nicht sein könnte.

Kathi Flau