01.11.2017

500 Jahre Reformation – die Ökumene und das Jubiläum

Kurz vor dem Reformationstag war Landesbischof Ralf Meis­ter von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zu Gast im Bischöflichen Gymnasium Josephinum in Hildesheim. Mit kritischem Blick beleuchtete er den Menschen Martin Luther. Anschließend stellte sich Bischof Meister den Fragen der Schüler und der KirchenZeitung.

Der Mensch Martin Luther steht im Mittelpunkt des
Vortrags von Landesbischof Ralf Meister im Gymnasium
Josephinum. | Fotos: Edmund Deppe

Das Reformationsjubiläum, das auch als Lutherjahr oder als Christusgedenken begangen wurde, neigt sich langsam dem Ende zu. Wie ist Ihr Eindruck vom bisherigen Verlauf des Jubiläums?

Ich glaube, dass es ein sehr erfolgreiches Jahr war, weil es ein neues Interesse an den Kirchen geweckt hat, nicht nur an der evangelischen.  Es gab tatsächlich eine Neugier – sowohl auf die Ereignisse im 16. Jahrhundert, aber vor allen Dingen auf die Frage, welche Konsequenzen die Ereignisse damals für die Welt von heute haben. Und für mich persönlich ist das wichtigste Ereignis, dass wir in der Ökumene dieses Jahr nicht als Belastung, sondern als Stärkung des gemeinsamen Auftrags der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche erlebt haben.

500 Jahre Reformation: Das wurde auf unterschiedlichste Weisen gefeiert von Gottesdiensten über Diskussionsrunden bis hin zu Mittelaltermärkten. Stand das Feiern im Vordergrund oder eher die kritische Auseinandersetzung mit der Reformation, ihren Folgen und den Reformatoren?

Zu Anfang habe ich gedacht, dass das Feiern im Vordergrund steht und muss mich nun korrigieren. Es war viel Fröhlichkeit dabei, aber das Wichtigste war für mich schon ein kritisches Nachdenken,  auch ein selbstkritisches Nachdenken innerhalb der evangelischen Kirchen über den Umgang mit Martin Luther,  seiner Person,  seiner Geschichte und  seinen dunklen Flecken. Genauso wichtig war  ein theologisches Nachdenken über die kommenden Schritte in der Ökumene und die Herausforderungen für die evangelische Kirche in ihrem Zeugnis in dieser Welt.

 

Auch mit sehr persönlichen Fragen wird Bischof
Meister konfrontiert:  „Warum sind Sie evangelisch?
- Was bedeutet Martin Luther für Sie? – Glauben Sie,
dass die Kirchentrennung wieder aufgehoben wird?“

Ging es auch darum, nach 500 Jahren den aktuellen eigenen Standpunkt kritisch zu betrachten und sich als evangelische Kirche neu zu positionieren, neu auszurichten?

Ja, es muss eine kritische Selbstbetrachtung sein. Jetzt schon in den letzten Tagen des Gedenkjahres das Fazit zu ziehen, ist allerdings verfrüht. Ich finde, wir sollten das im besten Sinne ein wenig sacken lassen und dann schauen, was wir aus diesem Jahr, den Feierlichkeiten, den Begegnungen und den Veranstaltungen lernen können. Ich möchte mal einen Punkt herausgreifen. Als Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers haben wir in Wittenberg  den „Erlebnis-Raum Taufe“ eröffnet. Dort haben wir deutlich gemerkt, wie wichtig die Einzelansprache ist und  das Hineinnehmen in eine offene und zum Teil intime religiöse Situation. Das spricht Menschen in besonderer Weise an. Es geschah dort mit einem Film, mit dem Betrachten oder Berühren eines alten Taufsteins und der Möglichkeit einen Taufsegen zugesprochen zu bekommen. Das ist etwas völlig anderes als eine große Kampagne zu machen oder mit Riesenevents kirchliche Botschaften zu verbreiten. Wir  müssen  weiter nachdenken, was diese Erfahrungen für unsere zukünftige Arbeit bedeuten.

Viele Veranstaltungen und Gottesdienste – angefangen vom großen Versöhnungsgottesdienst in St. Michaelis in Hildesheim – wurden gemeinsam von katholischer und evangelischer Kirche gefeiert. Was hat das letzte Jahr für die Ökumene gebracht?

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Thomas Sternberg, dem Vorsitzenden des Zentralkomitees der deutschen Katholiken im Anschluss an den Gottesdienst „Healing of Memorys“ in St. Michaelis. Er sagte mir nach dem Gottesdienst: Wissen Sie, vor einigen Jahren habe ich gedacht, lass das Jahr 2017 schnell vorübergehen. Da schalten wir als römisch-katholische Kirche zurück. Aber der Eindruck ist heute ein vollständig anderer. Es ist eine Belebung, eine Intensivierung, auch ein neuer Versuch auszuloten, was miteinander geht. Für mich bis hin zu Fantasien, was doch noch einmal möglich sein kann und woran wir in der Ökumene arbeiten müssen. Das erlebe ich als einen ganz starken Impuls. Ich nehme  durch aktuelle kritische Äußerungen von Kardinal Wölki oder Kardinal Müller allerdings auch wahr, dass es sehr kritische Stimmen zum ökumenischen Gespräch sowie zur Person Martin Luthers gibt. Ich höre diese Stimmen und würde vorschlagen, dass wir in der Ökumene an manchen Stellen, wie Paulus im Korinther- und Römerbrief empfiehlt, auf die Schwachen Rücksicht nehmen müssen.

 

„Könnt Ihr auch mal eine
einfache Frage stellen?“, fragt
Meister lachend die Schüler.

Insgesamt war es für die evangelische Kirche, aber auch ökumenisch ein Jahr mit vielen Höhepunkten. Doch wie sollte es jetzt weitergehen? Den Jugendlichen haben Sie eben gerade gesagt, man muss die Dynamik dieses Jahres nutzen.

Im Blick auf die Zukunft bin ich zuversichtlich wegen der jungen Menschen, die durch dieses Jahr inspiriert sind und sich engagiert haben – ich denke da beispielhaft an die Young Reformers, die durch den Lutherischen Weltbund auf ihren Wegen sind und ein eigenes Netzwerk unterhalten. Zurückhaltend bin ich, aus bischöflicher oder kirchenleitender Sicht zu sagen, „das muss jetzt kommen“. Denn das Großartige an diesem Jahr war doch, dass in der Fläche, in den Gemeinden, in den Initiativen und neugegründeten Gruppen etwas entstanden ist, womit wir vielleicht gar nicht gerechnet haben. Von der Kirchenleitung aus gesehen, müssen wir eher Freiräume schaffen, in denen Dinge möglich werden, die vorher nicht möglich waren. Vielleicht ist das der Weg, aber das sind Fragen, die wir jetzt noch nicht beantworten können.

Haben Sie da vielleicht eine Vision, wie es aus Ihrer Sicht weitergehen könnte?

Es gibt ja diese schöne Initiative, die das Bistum Hildesheim und die Evangelisch-lutherische Kirche Hannovers zusammen haben – „Kirche hoch zwei“.  Wie wir da missionarisches Potenzial zusammengebunden und jeweils eine ganze Stelle hineingegeben haben, finde ich nach wie vor höchst bemerkenswert. An dieser Stelle strahlen beide Kirchen gemeinsam aus in missionarischer Initiative. Wie kann es da weitergehen? In der Caritas und Diakonie ist die Zusammenarbeit schon lange gut und selbstverständlich. Aber im Missionarischen ist das noch nicht so, da könnte ich mir deutlich mehr vorstellen. Ganz lokal auf Hildesheim und Hannover bezogen, bin ich auch zuversichtlich, dass zwischen den Ehrenamtlichen in leitenden Funktionen Verbindungen wachsen. Ich war wirklich dankbar, dass bei unserer letzten Landessynode die Vorsitzenden der Diözesanräte aus Osnabrück und Hildesheim zur Eröffnung gekommen sind. Das war ein schönes Zeichen der Verbundenheit, und auch dort müsste noch mehr möglich sein. Wir können viel voneinander lernen.

Sie haben gerade ein katholisches Gymnasium besucht, mit den Schülern diskutiert und ihre Fragen beantwortet. Macht Ihnen das Spaß?

Ich gehe unglaublich gerne in Schulen. Es macht mir Spaß, von den Jugendlichen zu lernen und zu hören, wie sie die Welt sehen, welche  Fragen sie an diese Welt  und an Gott haben  oder ob Gott für sie überhaupt noch eine Rolle spielt. Und wenn es nicht Gott ist, interessiert mich, woran sie sonst ihr Herz hängen. Oft ermutigen mich auch solche Gespräche im Blick auf  manche Sorge, die ich um die Zukunft dieser Welt habe. Ich freue mich,  Schülerinnen und Schüler zu sehen, die frisch und frei nach vorne schauen, die ihren Weg benennen und für die – egal ob sie katholisch oder evangelisch sind – die Trennung der Kirchen so gut wie keine Rolle mehr spielt.

Interview: Edmund Deppe