17.09.2015

Themenwoche Familie "Liebe leben"

Eucharistie ist kein Lohn für Perfekte

Nicht nur die deutsche Sicht: Der Bischof von Sitten (Schweiz), Jean-Marie Lovey, ein Ordensmann, spricht sich im Interview zur Familiensynode für die Schaffung einer Art von „Noviziat für künftige Eheleute“ aus.

Bischof Jean-Marie Lovey
Foto: pr

Mgr. Lovey, welches sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Themen der Bischofssynode?

Wichtig ist, die Synode in der Perspektive ihres Themas in den Blick zu nehmen: „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“. Angesichts der wirklichen Krise, die „die Familie“ in unserer Gegenwartskultur durchmacht, ist der wichtigste Aspekt derjenige der Berufung. Die Ehepartner antworten in aller Freiheit und Verantwortlichkeit auf einen Anruf, der an sie ergeht. An die Ehe glauben ist ein wirklicher Glaubensakt.

Nach der Berufung kommt die Sendung. Unsere Welt wird von vielen Unruhen heimgesucht: Spannungen, Extremismen, Gewalt, Katastrophen, die durch die Natur geschehen oder der Natur angetan werden, Armut, Arbeitslosigkeit, Einwanderung, soziale Ausgrenzung – all diese Dinge werden täglich reflektiert und führen zu Ängsten und Misstrauen. Wo soll da die nötige Hoffnung für die nachwachsenden Generationen herkommen? Viele unserer Zeitgenossen wollen weder heiraten noch vor allem Kinder haben, weil sie denen eine zu schwierig gewordene Welt hinterlassen würden. Ehe und Familie sind Barometer, an denen man die Krise der Hoffnung ablesen kann, die unsere westliche Gesellschaft befallen hat.

Die Familie ist – über die Kirche hinaus – eine Realität innerhalb der Zivilgesellschaft. Die Kirche verfolgt nicht das Ziel, sich dieser Gesellschaft prinzipiell entgegenzusetzen. Ihre Werte dienen der ganzen Menschheit. Ein christliches Verständnis der Ehe hat der Welt die Herausforderung der Barmherzigkeit anzubieten. Die Werte gegenseitigen Respekts, der Treue, gegenseitiger Hilfe, der Fruchtbarkeit dienen dem Zusammenhalt zwischen den Völkern und dem Frieden zwischen den Nationen.

 

In Deutschland schauen viele Menschen vor allem auf die Fragen des Sakramentenempfangs von wiederverheiratet Geschiedenen und des Umgangs mit Homosexuellen. Rechnen Sie in diesen Feldern mit neuen Bewertungen oder einer neuen Praxis?

Diese Erwartungen sind auch in der Schweiz sehr präsent. Die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen ist eine pastorale Sorge erster Ordnung. Die Kirche kann sich nicht in eine Pastoral des „Erlaubt - verboten“  flüchten. Ich bete dafür, dass es uns gelingt, Wege der Begleitung zu finden für Personen, die sich in dieser Situation befinden.

Diese christliche Botschaft beinhaltet nicht die Verurteilung persönlicher Lebensverhältnisse, sondern den Ruf zur Bewältigung des Lebens. Die Dynamik des Lebens erfordert – wie bei einer Wanderung im Gebirge – Selbstverleugnung, Anstrengung, Mut. Ich wünsche mir, dass die Kirche, angeregt vom Heiligen Geist, eine Sprache findet und zu Haltungen kommt, aus denen nicht nur die Sorge um das spricht, was das Evangelium verlangt, sondern auch um das, was die Situation der Menschen heute erfordert. Die Kommunion ist keine Belohnung für die Perfekten, sie ist auch nicht etwas, auf das jemand einen Anspruch hätte. Sie ist vielmehr Nahrung für die Schwachen, die bescheiden als Christen auf ihrem Lebensweg unterwegs sind.

 

Müssen höhere Anforderungen an das Wissen um das Ehe- und Sakramentsverständnis der katholischen  Kirche bei den Paaren gestellt werden?

Der Weg der sakramentalen Ehe steht für nicht wenige ohne jede Verbindung zu einer religiösen Praxis beziehungsweise kirchlichem Engagement da. Manche jungen Leute führen zunächst ein christliches Leben, leben dann aber zusammen, ohne eine sakramentale religiöse Eheschließung zu wollen. Andere bitten uns um eine religiöse Eheschließung, obwohl sie als Kinder oder Jugendliche jede religiöse Praxis aufgegeben haben. Im Ordensleben laufen den Gelübden ein Postulat, ein Noviziat und Probezeiten voraus. Ein lebenslanges Engagement wie die Ehe entscheidet sich nach nur wenigen Vorbereitungssitzungen. Sollte man nicht eine Art von „Noviziat für künftige Eheleute“ entwickeln?

 

Welche Haltung soll die Kirche gegenüber jenen Paaren einnehmen, die (noch) keine kirchliche Ehe eingehen möchten?

Damit das Sakrament eine wahre Eheschließung ist, setzt dies den Glauben der Personen voraus, die sich ein Jawort geben. Die Seelsorger müssen über eine Pastoral der Begleitung nachdenken, der daran gelegen ist, den Glauben der Getauften zu stärken. Außerdem müssen sie einen Blick bekommen für die Werte, die in bestimmten Partnerschaftsformen auch außerhalb der Ehe gelebt werden und diese als vorbereitende Hinweise auf das Sakrament der Liebe begreifen.