05.09.2013

Konzilsdokumente (7): Ordensleute und Laien

Laien, traut euch! Orden, entstaubt euch!

Großes Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils war die Erneuerung der Kirche. Dazu äußerte es sich je eigens über die Laien, die Ordensgemeinschaften und die mit Rom unierten Ostkirchen. Drei weitere Belege für Besinnung auf die Quellen gepaart mit Zuversicht und Reformeifer.

Ordensleute und Laien: zwei Gruppen von Christen, welche die Kirche beim Konzil wiederentdeckt
hat. Hier polnische Weltjugendtagspilger 2005 in Köln.Foto: Federico Gambarini (dpa)

Mit dem Dekret „Apostolicam Actuositatem“ (AA) erläutert das Konzil, welche apostolische Sendung den Laien in der Kirche zugedacht ist. Das Dokument setzt voraus, was dazu in den Konstitutionen über die Kirche (Lumen Gentium) und die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes) gesagt ist.

Einleitung: Schon die Bibel bezeugt, wie auch einfache Christen gesandt sind, die Botschaft von Christus zu leben und zu verkünden. Das Apostolat der Laien wird heute stärker gebraucht, denn die Welt ist komplexer geworden, die Lebensbereiche sind autonomer – das erfodert zunehmenden Sachverstand. Dass Laien für die Kirche immer wichtiger werden, bewirkt Gottes Geist, der Laien zum Dienst beruft (Nr. 1).

Apostolat ist alles, was dazu beiträgt, Christi Herrschaft über die ganze Erde auszubreiten und seine Erlösung allen Menschen zu vermitteln. Dies ist die eine Sendung, die durch verschiedene Dienste ausgeübt wird. Weil die Laien getauft und gefirmt sind, haben sie teil am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi und sollen wie Sauerteig in der Welt wirken.

Wer glaubt, hofft und liebt, wie es Gottes Geist eingibt, der übt sein Apostolat aus. Dazu verteilt Gottes Geist verschiedene Gaben; die den Gläubigen das Recht und die Pflicht geben, sie einzusetzen zum Wohl der Menschen und zum Aufbau der Kirche (Nr. 2–3). In Glaube und Gebet kann Gottes Wille im Alltag erkannt werden. Wichtig sind zudem berufliche Sachkenntnisse, Sinn fürs familiäre und gesellschaftliche Gemeinwohl, für Gerechigkeit, Menschlichkeit, Aufrichtigkeit … (Nr. 4).

Christus möchte, dass sein Wille die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft durchdringt. Deswegen gilt das Apostolat der Laien sowohl in der Kirche wie in der Welt. Dies zu verwirklichen, gibt es unzählige Gelegenheiten, in der Art des alltäglichlichen Lebens wie auch im ausdrücklichen Bekenntnis gegenüber anderen.

Die Kirche soll die Menschen befähigen, die Welt und ihre Gesellschaft auf Gott hinzuordnen. Dabei sollen die Eigengesetzlichkeiten der Lebensbereiche zwar gewahrt sowie Traditionen und Kulturen beachtet werden, die höheren Grundsätze des christlichen Lebens sollen aber umgesetzt werden (Nr. 5–7).

Größtes Gebot dafür ist die Nächstenliebe; sie muss alle Menschen und deren Nöte umfassen. Allerdings soll sie Freiheit und Würde der Menschen respektieren, frei von Eigenvorteil und Herrschsucht sein und darf geschuldete Gerechtigkeit nicht als Liebe kaschieren. Wer Hilfe empfängt soll zur Selbstständigkeit geleitet werden (Nr. 8).

Das Wirken und der Einfluss von Frauen soll im Apostolat der Kirche wachsen (Nr. 9). Wichtige Bereiche des Laienapostolats sind Pfarrei, Bistum, nationale und internationale Ebenen und Organisationen. Hervorzuheben sind Ehe und Familie. Das Konzil lobt die Möglichkeiten der Jugend und bittet alle Laien, in ihren jeweiligen Milieus zu wirken durch die Einheit von Glauben und Leben, Rechtschaffenheit sowie die Liebe zum Wahren und Guten. Sie sollen sich stark machen für eine gerechte staatliche Ordnung und öffentliche Aufgaben übernehmen, wo dies nötig und ihnen möglich ist (Nr. 10–14).

Ihr Apostolat können Laien verschiedentlich ausüben: als Einzelne oder in verschiedensten Vereinigungen. Die sind kein Selbstzweck, sondern dienen der Sendung der Kirche. Laien dürfen Vereinigungen gründen, ihnen beitreten und sie leiten; allerdings verbunden mit der kirchlichen Autorität (Nr. 19). Die kirchliche Hierarchie soll den Einsatz der Laien fördern und schätzen und darauf achten, dass kirchliche Ordnung und Lehre gewahrt bleiben. Zudem sollen Eifersüchteleien vermieden und gegenseitige Hochschätzung gewahrt werden. Ohne Zustimmung der rechtmäßigen katholischen Autorität darf sich kein Werk „katholisch“ nennen (Nr. 23–24).

In Bistümern und Pfarreien sol- len Gremien eingerichtet werden, in denen Laien mitwirken. Fürs Apostolat sollen Laien sachlich wie geistlich möglichst gut ausgebildet sein. Zum Schluss beschwört das Konzil die Laien, dem Ruf Christi großmütig und entschlossen zu antworten (Nr. 26–33).

 

Das Dekret „Perfectae Caritatis“ (PC) baut auf Kapitel 6 der Kirchenkonstitution auf und erläutert allgemeine Grundsätze einer zeitgemäßen Erneuerung der Ordensgemeinschaften. (Nr. 1) Zeitgemäß ist die Erneuerung, wenn sie sich der Quellen des christlichen Lebens wie des Ursprungs der einzelnen Gemeinschaft erinnert und sich zugleich den veränderten Zeitverhältnissen anpasst. Dabei gelten folgende Grundsätze: a) die Nachfolge Christi, b) der Geist und die Absicht der Gründer der Gemeinschaft, c) die Teilnahme am Leben der Kirche und die Förderung der Erneuerung der Kirche, d) Kenntnis der Lebensverhältnisse der Menschen und der gesellschaftlichen Lage sowie e) geistliche Erneuerung als das Wesentliche (Nr. 2).

Lebensweise, Gebet und Arbeit der Orden müssen den Menschen von heute entsprechen, dem Apostolat, der jeweiligen Kultur und der sozialen wie wirtschaftlichen Umwelt. Alle wichtigen Texte und Bücher der Gemeinschaft sind zu sichten und mit dem Anliegen des Konzils in Einklang zu bringen (Nr. 3). Bei der Erneuerung sollen alle Mitglieder der Gemeinschaft beteiligt werden, auch wenn die Oberen entscheiden (Nr. 4).

Ordensmitglieder müssen Kontemplation mit apostolischer Liebe verbinden. Wie das geht, darin unterscheiden sich die Gemeinschaften im einzelnen (Nr. 5–11). Um das Gelübde der Ehelosigkeit leben zu können, sollen Ordensleute auf Gottes Hilfe vertrauen und sich nicht nur auf die eigenen Kräfte verlassen. Kandidaten dürfen nur nach ausreichender Prüfung und mit erforderlicher seelischer Reife zugelas- sen werden (Nr. 12). Das Gelübde der Armut wird dadurch gelebt, dass die Mitglieder tatsächlich nicht mehr haben, als sie brauchen, dass sie sich von Besitzdenken freihalten und sich bemühen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen (Nr. 13).

Im Gehorsam gegen ihre Oberen unterstellen Ordensleute sich letztlich Gottes Willen. Dabei sollen sie aber eigenen Verstand und Willen einsetzen. Obere sollen ihre Mitbrüder und -schwestern gerne anhören und beteiligen (Nr. 14). Das Gemeinschaftsleben soll geschwisterlich sein, solidarisch und keine unnötigen Rangunterschiede enthalten (Nr. 15). Eine zeitgemäße Erneuerung braucht gut ausgebildete Ordensmitglieder (Nr. 18). Bevor neue Gemeinschaften gegründet werden, ist zu prüfen, ob sie wirklich nötig sind. Bestehende Orden sollen prüfen, ob alles, was sie derzeit tun, noch nötig ist oder ihrer Gemeinschaft tatsächlich entspricht. Wo möglich sollen Institute ko-operieren; Orden, die kein fruchtbares Wirken erhoffen lassen, sollen keinen Nachwuchs mehr aufnehmen können (Nr. 19–23). Alle sollen sich für Ordensberufungen einsetzen (Nr. 24).

 

Von den katholischen, den rund 16 mit Rom unierten Ostkirchen handelt das Dekret „Orientalium Ecclesiarum“ (OE). Am Konzil nahmen 120 unierte und 2200 lateinische Bischöfe teil. – Das Konzil schätzt die Ostkirchen und wünscht, dass sie neu erblühen. Sie sorgen für eine Vielfalt, die der Einheit des mystischen Leibes Christi nicht schadet, sondern sie noch besser zeigt (Nr. 1–2). Lateinische und unierte Kirchen unterscheiden sich durch Liturgie, Kirchenrecht und geistliche Tradition; keine hat Vorrang vor der anderen, alle sind „der Hirtenführung des Bischofs von Rom anvertraut“. Alle Katholiken sollen ihren eigenen Ritus pflegen und bewahren (Nr. 4).

Alle Kirchen haben das volle Recht und die Pflicht, ihre Angelegenheiten nach bestem Wissen zu regeln. Über etwaige Neuerun-gen entscheiden die Ostchristen selbst (Nr. 5–6). Ebenso über ihre Ordnung der Sakramente (Nr. 12–14). Auch die Ostkirche möge den ständigen Diakonat wiederherstellen. Ehen zwischen katholischen und orthodoxen Christen sind gültig. Die Patriarchen dürfen ihre liturgischen Sprachen selbst festlegen (Nr. 17–23). Ost- christen können die katholischen Sakramente empfangen, umgekehrt Katholiken unter Vorausset- zungen die Sakramente der Orthodoxen (Nr. 27–28).

Von Roland Juchem

 

Wortlaut:

  • „Ein Hinweis auf diese …Notwendigkeit des Laienapostolats liegt auch in dem unverkennbaren Wirken des Heiligen Geistes, der den Laien heute mehr und mehr das Bewusstsein der ihnen eigentümlichen Verantwortung schenkt und sie …zum Dienst für Christus und seine Kirche aufruft.“ (AA 1)
  • „Alles apostolische Wirken muss seinen Ursprung und seine Kraft von der Liebe herleiten. … Das karitative Tun kann und muss heute alle Menschen und Nöte umfassen.“ (AA 8)
  • „Das Apostolat der Eheleute und Familien (hat) eine einzigartige Bedeutung für die Kirche wie für die … Gesellschaft.“ (AA 11)
  • „Die Katholiken seien bestrebt, mit allen Menschen guten Willens zu-sammenzuarbeiten zur Förderung dessen, was wahr, gerecht, heilig und liebenswert ist.“ (AA 14)
  • „Der Laie muss … die Welt … unserer Zeit gut kennen und darum ein Glied seiner eigenen Gesellschaft sein, das für deren Kultur aufgeschlossen ist.“ (AA 29)
  • „Zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens heißt: ständige Rückkehr zu den Quellen jedes christlichen Lebens und zum Geist des Ursprungs der einzelnen Institute, zugleich aber deren Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse.“ (PC 2)
  • „Erneuerung (ist) mehr von einer gewissenhaften Beobachtung der Regel und der Konstitutionen als von einer Vermehrung der Vorschriften zu erhoffen.“ (PC 4)
  • „Obschon die Institute … das Recht auf Besitz alles dessen haben, was für ihr Leben und ihre Arbeiten notwendig ist, sollen sie doch allen Schein von Luxus, von ungeordnetem Gewinnstreben und von Güteranhäufung vermeiden.“ (PC 13)
  • „Das Ordensgewand … sei einfach und schlicht, arm und zugleich schicklich, dazu den gesundheitlichen Erfordernissen, den Umständen von Zeit und Ort sowie den Erfordernissen des Dienstes angepasst. Ein Gewand, das (dem) nicht entspricht, muss geändert werden.“ (PC 17)
  • „Die Kirchen des Ostens wie des Westens haben das volle Recht und die Pflicht, sich jeweils nach ihren eigenen Grundsätzen zu richten, die … den Gewohnheiten ihrer Gläubigen besser entsprechen und der Sorge um das Seelenheil angemessener erscheinen.“ (OE 5)

 

Chronik:

  • Vor dem Konzil: Eine eigene Kommission – ohne Laien – berät einen Text zum Laienapostolat, der zweimal gekürzt und dann wieder erweitert wurde. Ein extrem langer Text zu den „Ständen der zu erlangenden Vollkommenheit“ (Orden) wird gerafft. 15 Entwürfe zu den unierten Ostkirchen werden erstellt. Ein Teil geht später ins Dekret über die Ökumene ein.
  • Dezember 1963: Text über die Orden soll weiter gestrafft werden.
  • 1964: Neue „Leitsätze über die Ordensleute“ werden weiter überarbeitet.
  • Oktober 1964: Das Laienapostolat wird diskutiert mit vielen Änderungsvorschlägen zum Text. Beim Text zu den Ostkirchen werden die Artikel 2 bis 4 abgelehnt.
  • November 1964: Ordenstext wird diskutiert und mit über 14 000 Änderungsvorschlägen (Rekord!) in die Revision geschickt.
  • 21. November 1964: Der Text zu den Ostkirchen wird mit 2110 Ja- und 39 Nein-Stimmen gebilligt.
  • Oktober 1965: Weitere Diskussion des Textes über die Orden.
  • 28. Oktober 1965: 2321 Ja- und 4 Nein-Stimmen für den Text zur Erneuerung des Ordenslebens.
  • 18. November 1965: 2340 Ja- und 2 Nein-Stimmen für den Text zum Laienapostolat.

 

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