Prälat Rainer Korten über das Bild der Türkei in den Medien und seine Erfahrungen

Neue Kirchen – aber für wen?

Nach elf Jahren Aufbauarbeit verabschiedete sich jetzt Prälat Rainer Korten in Antalya von seinen Gemeindemitgliedern. Im Interview äußert sich der Priester aus der Diözese Hildesheim zu seinen Erfahrungen und dem Bild der Türkei in den Medien.

Tränengas und  Wasserwerfer gegen demonstrierende Menschen am Taksim-Park in Istanbul haben in den deutschen Medien in den letzten Jahren immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Foto: kna-bild/Reuters

Oft hören wir kritische und negative Nachrichten aus der Türkei. Welches sind Ihre Erfahrungen aus den vergangenen elf Jahren?

Meine 11-jährigen Erfahrungen in dem Land decken sich in den wenigsten Punkten mit dem Bild, das durch die Medien in Deutschland geprägt wird. Vieles  läuft in der Türkei anders, aber deshalb nicht schlechter. Es wird sich ja noch erweisen, ob zum Beispiel das kurzfristige Verbieten von „youtube“ für eine Gesellschaft nachteiliger ist als das Fehlen von Kindern und das Vergreisen einer Gesellschaft, wie es sich in Deutschland abzeichnet. Das erste Thema greifen die Medien immer gern als Beweis für gesellschaftliche Defizite in der Türkei  auf, das andere wird seit Jahrzehnten in Deutschland  verschwiegen, weil damit sogenannte Errungenschaften einer modernen Gesellschaft auf den Prüfstand gestellt werden müssten.

Prälat Rainer Korten ist Priester der
Diözese Hildesheim. Er war 11 Jahre als
Seelsorger in den türkischen Orten Alanya
und Antanlya. Seinem Nachfolger, Pfarrer
Ludger Paskert aus der Diözese Münster,
hat er eine stabile christliche Gemeinde
an der Südküste der Türkei übergeben.
Foto: kna-bild

Seit der Gründung der Türkei sollten nach französischem Vorbild Staat und Religion  getrennt sein. Gibt es einen zunehmenden Einfluss fundamentalistischer islamischer Kräfte?

Nicht jeder, der seinen Glauben ernst nimmt, ist fundamentalistisch, was man im Westen oftmals meint. Ich kann die Frage nach elf Jahren nur aus der Praxis beantworten: Wir als christliche Gemeinde und ich als Pfarrer sind nie mit fundamentalistischen Engstirnigkeiten in Kontakt gekommen. Unsere Gemeindehäuser mit den Kirchenräumen in Antalya und Alanya, in den Zentren der Städte gelegen, sind kein einziges Mal beschmiert gewesen oder Ziel von irgendwelchen Belästigungen geworden. Nun ist die Türkei aber ein räumlich großes Land, in anderen Teilen ist es vereinzelt zu Zwischenfällen gekommen.

Lange Jahre war der Bau christlicher Kirchen verboten und gleichzeitig wurde der Bau von Moscheen in Deutschland gefordert. Wie sieht es aktuell aus: Dürfen in der Türkei Kirchen gebaut werden?

Ich muss zurückfragen: Für wen? In der Türkei leben höchstens 100 000 Christen, davon sind die Armenier mit 60 000 die größte Gruppe, konzentriert in Istanbul. Für die wenigen Christen gibt es im Land genügend Kirchen,  und wenn Bedarf besteht, dürfen auch neue eröffnet werden. Die deutschsprachige Gemeinde hat vor zehn Jahren von der Regierung die Erlaubnis zur Bildung eines Kirchenvereins bekommen und ist seitdem Rechtsperson ohne Komplikationen. In Antalya wurde vor einiger Zeit eine sehr schöne, alte, orthodoxe Kirche restauriert und den russischen Residenten, also den dort lebenden Russen, und Touristen für den Gottesdienst übergeben.

Für wen wurde eigentlich vor elf Jahren die deutschsprachige Gemeinde in Antalya und Alanya gegründet?

Für vornehmlich drei Zielgruppen. Einmal für die ungefähr 12 000 deutschen Dauerresidenten, also meistens Menschen in Rente, die ihren Lebensabend hier verbringen, ferner für die etwas über vier Millionen deutsche Touristen, die jährlich am Flughafen Antalya anlanden und für die rund 40 Reise-und Pilgergruppen, die die Türkei wegen ihres reichen kulturellen Erbes besuchen. Schließlich kam kein Geringerer als der Apostel Paulus einst nach Antalya. Aus der ursprünglich deutschen Gründung ist inzwischen ein internationaler Gottesdienstort geworden.

Sie wollen auch nach der Pensionierung in der Türkei bleiben. Warum?

Ich habe hier eine junge, zukunftsorientierte, das Alter wertschätzende und in allem gesunde Gemeinschaftskultur erlebt, die den Alltag menschlich sehr befriedigend erleben lässt.

Fragen: Edmund Deppe