17.09.2015

Themenwoche Familie "Liebe leben"

Nicht hinter Worthülsen verstecken

Nicht nur die deutsche Sicht: Erzbischof Charles Joseph Chaput begrüßt Papst Franziskus Mitte September zum Weltfamilientag in Philadelphia. Was er von der Synode in Rom erwartet, sagt er im Interview.

Welches sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Themen der Synode?

Erzbischof von Philadelphia, Charles Joseph Chaput
Foto: kna-bild

Die größte Herausforderung für die Synode kommt in ihrem Arbeitsdokument gar nicht vor. Sehr viele Leute – anständige Menschen, die sich als gute Katholiken verstehen – führen ihr Leben auf eine Weise, die praktischem Atheismus näher ist  als echtem Glauben. Ihr moralisches Vokabular ist christlich, aber den Inhalt passen sie ihren Bedürfnissen an. Ich glaube nicht, dass Jesus solch ein Evangelium im Sinn hatte, als er für uns am Kreuz starb.

Bei der Synode müssen wir die Theologie des Körpers, die der heilige Johannes Paul II. so gut verkündigt hat, bewahren und vertiefen. Wir leben in einer Zeit, die alles – auch den menschlichen Körper – zum Rohmaterial menschlichen Willens macht. Das aber schafft nur Leid. Der Körper hat eine „hochzeitliche“ Bedeutung. Jede Theologie, welche die Bedeutung des Körpers im Namen einer weiteren Bedeutung von „Liebe“ schmälert, untergräbt die männlich-weibliche Komplementarität und endet in einer Form von Gnistizismus. Diesen Weg ist die Kirche schon einmal gegangen.

Schließlich müssen wir uns hüten, Ehe und christliche Sexualität zu Idealen zu erklären, auf die wir uns allmählich hinbewegen. Diese Art von Annäherung findet sich nirgendwo in den Schriften oder in Jesu Rede von Bekehrung. Natürlich sündigen und versagen wir alle viele Male. Gott ist geduldig. Er will uns helfen mit seiner Gnade, so dass wir von vorne beginnen können. Aber „Prozess“ und „Reise“ sind keine Zwecke an sich.

 

In Deutschland schauen viele Menschen vor allem auf die Fragen des Sakramentenempfangs von wiederverheiratet Geschiedenen und des Umgangs mit Homosexuellen. Rechnen Sie in diesen Feldern mit neuen Bewertungen oder einer neuen Praxis?

Die christliche Lehre und Vorschriften sollen dem Glück des Menschen dienen. Sie wurzeln in Gottes Liebe. Sie sind viel mehr als der Ausdruck eines Gesetzes; und sie lassen sich nicht ablegen ohne Verwirrung und Leid zu verursachen. Wer diese Dinge ändern will, soll das klar und deutlich sagen und sich nicht verstecken hinter Ausdrücken wie „neue Bewertung“ und „neue Praxis“; das könnte ausweichend klingen. Ich verstehe den Wunsch nach einer Veränderung. Jeder von uns trägt die Last seiner Fehler, die wir in der Vergangenheit gemacht haben. Doch wenn es um Themen wie die Ehe geht, glaube ich: die Praxis der Kirche ist schon korrekt und wahr – und zudem langfristig sehr barmherzig. Wahre Barmherzigkeit lässt sich von Wahrheit nicht trennen. Das befreit die Kirche nicht davon, alles zu tun, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen willkommen zu heißen und sie zu unterstützen. Aber Mitleid entbindet uns nicht von klarem Denken, Treue zur Wahrheit und dem Einsatz für die Rettung der Seelen.

 

Müssen höhere Anforderungen an das Wissen um das Ehe- und Sakraments-verständnis der katholischen Kirche bei den Paaren gestellt werden?

Im allgemeinen haben wir in den vergangenen fünf Jahrzehnten schlechte Arbeit geleistet, wenn es darum ging, Paare auf die sakramentale Ehe vorzubereiten. Jetzt ernten wir die Ergebnisse. Alles, was verlobten Paaren hilft, die Schönheit und Dauerhaftigkeit des Bundes, den sie eingehen wollen, zu verstehen, ist gut.

 

Welche Haltung soll die Kirche gegenüber jenen Paaren einnehmen, die (noch) keine kirchliche Ehe eingehen möchten?

Eine christliche Ehe ist Quelle großer Freude und neuen Lebens. Um jedoch diese Geschenke zu erhalten, braucht es beim Mann wie bei der Frau eine Bekehrung: eine radikale Abkehr des heutigen Kultes um Individualismus und materiellen Konsum. Der beste Weg junge Paare zu beeinflussen, die noch nicht reif sind für eine sakramentale Ehe, ist es, ihnen Beispiele zu zeigen von Paaren, die ihr Sakrament mit Freude und in Treue leben. Ein Beispiel ist viel wirksamer als jedes Programm und jeder Pastoralplan. Wenn Menschen treu die Wahrheit einer christlichen Ehe leben, werden sie andere anziehen.