Keine einfachen Zeiten für die Kongregation

Vinzenz folgen – aber wie?

Ein Krankenhaus geschlossen, ein Altenheim vor dem Aus, eine Klinik auf der Kippe: Keine einfachen Zeiten für die Kongregation der Vinzentinerinnen und dem ihr gehörenden Vinzenz-Verbund.
 

Vinzentinerin gibt Essen aus
Dem Nächsten helfen, so wie er ist, – das ist der Kern vinzentinischer Spiritulität. | Foto: Wala

Da kam in kurzer Zeit viel zusammen. Im Dezember musste die Kongregation der Barmherzigen Schwestern von Hl. Vinzenz das Krankenhaus St. Vinzenz in Braunschweig schließen. Im Januar wurde das Aus für das Altenpflegeheim Marienhaus in Hannover verkündet – voraussichtlich zum 30. September diesen Jahres.

Mittendrin noch eine weitere Nachricht: Die Geburtshilfeabteilung im Krankenhaus St. Martini in Duderstadt steht auf der Kippe.  Wird noch weiter zurückgeblickt: In der jüngeren Vergangenheit haben die Vinzentinerinnen unter anderem ein Altenpflegeheim in Liebenburg aufgegeben und im März 2014 das Krankenhaus Neu- Mariahilf in Göttingen verkauft.   

 

Situation zwingt zu Schließungen

„Es kommt viel zusammen“, sagt Schwester Teresa M. Slaby, Generaloberin der Hildesheimer Vinzentinerinnen. Und: „Das war so nicht beabsichtigt.“

Der Grund für die Schließungen: „Die wirtschaftliche Situation hat uns dazu gezwungen.“ Beispiel Krankenhaus St. Vinzenz. Die finanziellen Verluste des Krankenhauses hatten sich zuletzt rasant verstärkt. Auch eine Umstrukturierung zu einer Fachklinik für Lungenkrankheiten war mit hohen wirtschaftlichen Belastungen verbunden – zu hohen.

Beispiel Marienhaus: Das Altenheim mit 71 Plätzen schreibt seit Jahren rote Zahlen. So rot, dass die Mitarbeiter bereit waren, vier Jahren lang auf das Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie tarifliche Erhöhungen zu verzichten. Hinzu kommt: Das Gebäude ist 100 Jahre alt. Um dort ein zeitgemäßes Pflegeheim zu unterhalten, braucht es hohe Investitionen. Zu hohe.
 

Krankenhaus St. Vinzenz in Braunschweig
Das Krankenhaus St. Vinzenz in Braunschweig musste im Dezember 2016 geschlossen werden. | Foto: Archiv

„Wir schließen nicht leichtfertig Einrichtungen“, betont Sr. Teresa. Sowohl für die Kongregation als auch den Verbund sind das schmerzhafte Einschnitte. Das Krankenhaus St. Vinzenz zum Beispiel in Braunschweig war die Einrichtung, die die Vinzentinerin vor über 100 Jahren in die Löwenstadt gebracht haben. Viele Ordensfrauen haben dort selbst gearbeitet.

Die Vinzentinerinnen sind auch angetreten, ein „anderer“ Arbeitgeber zu sein. Die Spur des heiligen Vinzenz von Paul und der heiligen Luise von Marillac sollen in den Einrichtungen spürbar sein. Und jetzt: Schließung, Entlassung, Sozialpläne – und Bewohner, für die ein neues Altenheim gefunden werden muss. „Ich kann den Ärger und die Enttäuschung der Mitarbeiter gut verstehen“, betont Sr. Teresa.

Der Verbund versuche so gut wie möglich die Mitarbeiter bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu unterstützen.

Was bedeuten aber diese Einschnitte für die Kongregation, die seit weit über 150 Jahren das Gesicht der Barmherzigkeit im Bistum Hildesheim ist? Das eine ist der Blick auf das Geld. Die wirtschaftliche Verantwortung sowohl für Kongregation als auch die Einrichtungen und ihre Mitarbeiter liegt letzten Endes beim Generalrat des Ordens – und bei der Generaloberin. Einrichtungen, die aus der Substanz des Kongregationsvermögens leben, kann Sr. Teresa nicht mehr verantworten. Defizite sind über Jahre ausgeglichen worden. Im Falle der Geburtshilfe in Duderstadt sogar bereits seit einem Jahrzehnt. Grund der Schieflage:   Zu wenige Geburten im Eichsfeld.

 

Keine fertigen Konzepte, sondern eine Suche
 

Schwester M. Teresa Slaby
Setzt auf Wachstum und Spiritualität: Schwester M. Teresa Slaby, Generaloberin der Vinzentinerinnen. 
| Foto: Wala

Eine weitere Herausforderung: die Schwestern werden weniger. Dass, was mit den Vinzentinerinnen verbunden wird – die Schwester im Kindergarten, in der Sozialstation im Dorf – das gibt es schon lange nicht mehr. Auch keine Schwester mehr im Stationsdienst eines Krankenhauses. Die wenigen jüngeren Schwestern gehen eher einzelne Wege: Klinikseelsorge, Einsatz für bedrängte Frauen nennt Sr. Teresa als Beispiele. Wie bekommt dann aber Vinzentinische Spiritualität ein Gesicht in den Einrichtungen?

„Das ist eine große Herausforderung“, sagt Sr. Teresa. Und eine, auf die es keine fertige Antwort gibt. Eher eine Suche mit Angeboten an Mitarbeiter, sich vom vinzentinischen Wertehorizont anstecken zu lassen. Vielleicht mit der langfristigen Perspektive einer Laiengemeinschaft, wie sie auch andere Orden kennen. Für Sr. Teresa ist der Boden dafür bereitet.

Bleibt der schärfer werdende Wettbewerb im Sozialbereich: Wirtschaftlichkeit ist für Sr. Teresa ein ethisches Gut. Und das Rezept für die Zukunft könne nur lauten: Wachsen. In Kooperation mit anderen vinzentinischen Gemeinschaften außerhalb des Bistums. Kleine Einrichtungen werden nicht allein in der Landschaft stehen bleiben.

Von Rüdiger Wala

 

Der Vinzenz-Verbund

Im Juli 2014 hat die Kongregation der Vinzentinerinnen in Hildesheim den Vinzenz-Verbund gegründet: Ein gemeinnütziges Unternehmen, das die ordenseigenen Sozialeinrichtungen führen soll. Dazu gehören beispielswiese die Krankenhäuser in Duderstadt (St. Martini), Hannover (Vinzenz) und Kassel (Elisabeth). Auch das Krankenhaus St. Elisabeth in Salzgitter wird mit verwaltet. Insgesamt fast 900 Betten. Auch fünf Altenheime mit gut 300 Plätzen gehören zum Verbund – und eine Kindertagesstätte, eine Fachschule für Sozialpädagogik, zwei Gesundheits- und Krankenpflegeschulen mit über 100 Ausbildungsplätzen, das Hospiz Luise und ein ambulanter Palliativdienst. Insgesamt arbeiten über 2000 Menschen beim Vinzenz-Verbund.

Logo Vinzenz-Verbund
 

Weitere Infos:
www.vinzenz-verbund.de