07.07.2017

Internationale Jugendbegegnung auf dem Wohldenberg

Wo einer zum Engel des anderen wird

Sie kommen aus Serbien und Rumänien, aus Ungarn und Moldavien,  aus Weißrussland und Deutschland – zum dritten Mal trafen sich jetzt 40 Jugendliche zur internationalen Begegnungswoche im Haus Wohldenberg. Im Mittelpunkt das Thema Schöpfung.

Dank an einen Engel: Jugendliche aus sechs Nationen
kamen sich näher und wurden einander zu „Engeln“.

Am schwarzen Brett hängt eine Nachricht von Hans an seinen Engel. Er dankt ihm für den Kaffee am Nachmittag, der plötzlich vor ihm stand, genau in dem Moment, als ihn gerade die Müdigkeit einzuholen drohte. Anna Bretschneider liest sie und geht lächelnd weiter. Sie hat heute von ihrem Engel Schokolade bekommen. Vorhin, direkt nach dem Mittagessen. Sie hatte ihren leeren Teller auf dem Geschirrwagen abgestellt, war ganz kurz von ihrem Platz aufgestanden und als sie zurückkam, lag sie da: eine kleine Tafel, in blaues Papier gewickelt, und ein kleiner Zettel darauf. „For Anna. With love from your angel.“

Anna hat keine Ahnung, wer ihr Engel ist. Vielleicht Filip aus Serbien, Catalin aus Rumänien? Oder doch Lena aus Hannover, die ihr gerade auf der Terrasse gegenübersitzt und einen Mond aus Silberpapier ausschneidet? Fest steht nur: Einer der 40 Teilnehmer der dritten internationalen Begegnungswoche muss es sein. Denn hier sind sie alle Engel. Auch Anna selbst. Auch sie hat am ersten Tag, gleich nach ihrer Ankunft am Wohldenberg, einen Zettel gezogen, auf dem der Name eines der Jugendlichen stand. Und ist nun dafür verantwortlich, denjenigen unauffällig im Auge zu behalten, an ihn zu denken und ihm hin und wieder eine kleine Freude zu machen.

Austausch von Erfahrungen und Gesten

Die gegenseitige Aufmerksamkeit, der Austausch von Erfahrungen und Ges­ten, ist eines der Prinzipien der Begegnungswoche, erzählt Hans Höing. Er ist Projektreferent des Fachbereichs Jugendpastoral im Bistum Hildesheim und Organisator der Veranstaltung. „So stellen wir Verbindungen zwischen den Jugendlichen her. Die kennen sich ja erst mal nicht, die haben ganz unterschiedliche Hintergründe, aber sie sind natürlich hier, um sich kennenzulernen.“ Und zwar in erster Linie über Projekte, in die sie ihre unterschiedlichen kulturellen Erfahrungshorizonte einbringen können. „In diesem Jahr kommen sie aus, Moment... sechs verschiedenen Nationen“, sagt Höing. An den Fingern zählt der 32-Jährige sie auf: „Serbien, Rumänien, Ungarn, Moldawien, Weißrussland. Das sind fünf. Ach ja, und aus ganz Deutschland natürlich.“ Ein nahezu grenzenloses Austausch-Potenzial. „Ja, grenzenlos im doppelten Sinn“, sagt Höing und wird für einen Augenblick nachdenklich. „Grundsätzlich eine tolle Voraussetzung für eine Begegnungswoche, man muss nur gut überlegen, was man mit diesem Potenzial macht, in welche Bahnen man es lenkt.“
 

Anna Bretschneider ist schon zum dritten
Mal dabei. Zum Thema Schöpfung stanzt
sie Sterne aus. Daraus soll die Milchstraße
entstehen. | Fotos: Kathi Flau

In Turnschuhen, lässiger Jeans und T-Shirt sitzt er im Innenhof der weitläufigen Jugendbildungsstätte, blinzelt in die Sonne und könnte ebensogut selbst einer der Teilnehmer sein. Aber die ruhige, überaus reflektierte Weise, in der er über die Veranstaltung spricht, weist ihn dann doch als Verantwortlichen aus. „Jede Begegnungswoche steht unter einem Motto. Diesmal heißt es 'Schöpfung“. Jede findet an einem anderen Ort in Deutschland statt, aber immer spielt Bergen-Belsen eine Rolle. In diesem Jahr besuchen wir die Gedenkstätte in Hannover-Ahlem. Eine ehemalige jüdische Gartenbauschule, die unter der Naziherrschaft zu einer Hinrichtungs- und Sammelstelle für Deportationen wurde.“

Außerdem stehen viele praktische Projekte auf dem Programm. Am Tag zuvor haben die Teilnehmer eine Gebetsstelle mit steinernem Altar am Wohldenberg gesäubert, die zu verwahrlosen drohte. Sie haben den Boden geebnet, Teile der kleinen Mauer neu verfugt und drei Sitzbänke gebaut. Nun lädt sie wieder Spaziergänger zum Verweilen ein, zu einer Verschnaufpause, vielleicht zu einer kurzen Begegnung mit Gott.

„Die Jugendlichen schaffen gemeinsam etwas über alle Sprachbarrieren hinweg. Das ist wichtig und das ist toll“, sagt Höing. „Und so versuchen wir immer wieder, unterschiedliche Konstellationen in den Gruppen zu erzeugen. Die nationale, um mal ein ganz simples Beispiel zu nennen. Indem man fragt, was die eigene von anderen Nationen trennt. Oder was sie andersrum verbindet, klar.“

Ein sehr praxisnaher Ansatz: Fremd ist der katholische Gottesdienst zum Beispiel den orthodoxen Teilnehmern aus Serbien und Rumänien, deren eigene Gottesdienste keiner vergleichbaren Liturgie folgen. „Das gibt einfach Anlass für Fragen: Warum beten wir, wie wir beten?“ Bei jeder Begegnungswoche gibt es zudem eine „Night of nations“, einen Abend, an dem die Teilnehmer in Gruppen ihr Land vorstellen, mit allem Typischen und in jeder Ausdrucksform: Musik, Essen, Kleidung, Tänze. „Alles Dinge, die ohne Sprache funktionieren. Und so eine ganz unmittelbare Verbindung zwischen den Jugendlichen herstellen.“Projektarbeit über Sprachgrenzen hinweg.

Eine Woche voller Eventualitäten

Von diesen Dingen gibt es hier eine Menge. Jeder Tag beginnt im Innenhof mit einem Spiel. Heute Morgen war es eine Variation der Reise nach Jerusalem: Alle liefen durcheinander, doch auf Höings Zuruf musste sich blitzschnell eine bestimmte Anzahl von Leuten zu einer Gruppe zusammenfinden – wer übrig blieb, war raus. Auch am Abend findet sich immer irgendjemand, der Lust hat Ball zu spielen oder Schach oder Tischtennis. Dass eine so bunte Mischung von Leuten auch ein bisschen Chaos mit sich bringt, muss man einkalkulieren, findet Hans Höing, den hier alle nur Hans nennen. „Das ist doch klar. Das fängt bei der Planung an und hört mit der Abreise auf.“ Die ersten Anmeldungen zur Begegnungswoche bekommt er oft schon ein Jahr im Voraus – der organisatorische Idealfall. Lächelnd sagt er: „Aber wie es so ist: Die letzten erreichen mich immer erst ein paar Tage vorher.“ Damit kann er umgehen. „Die ganze Woche ist voll von Eventualitäten und spontanen Planänderungen. Zum Beispiel ist 23 Uhr eigentlich als späteste Nachtruhezeit vorgesehen. Gestern, oder besser: heute, war es morgens halb 5.“

Da kann schon mal einiges durcheinandergeraten, da kann es auch mal sein, dass Höing erst morgens um zwei dazu kommt, seine E-Mails zu beantworten, die ihn auch hier, während der Begegnungswoche, erreichen. Jetzt aber widmen sich die meisten Teilnehmer tatsächlich konzentriert der kleinen Tagesaufgabe, die er ihnen gestellt hat: In sieben kleine Gruppen eingeteilt, soll jede einen Tag der Schöpfungsgeschichte darstellen. Auf Zeichnungen und Plakaten, mit Farben und Papier und allen sonst zur Verfügung stehenden Mitteln. Das Thema von Annas Gruppe ist der vierte Tag, die großen Lichter und die kleinen, die Gott schuf. Anna Bretschneider stanzt Sterne aus leuchtend gelber Folie.

Kontakte bleiben  über viele Jahre erhalten

„What is this?“, fragt sie den Jungen neben sich und zeigt auf den Schweif, den er mit weißen Punkten auf dunkles Papier setzt. Dann erkennt sie es selbst. „Aah, the milky way! Die Milchstraße!“ Der Junge lächelt und nickt. „Yes“, sagt er schüchtern, „the milky way is my favourite... - what is it called?“ Anna überlegt. „Galaxy?“ – „Yes! Thank you! My favourite galaxy.“ Die 19-Jährige aus Winsen/Luhe, die schon zum dritten Mal an einer Begegnungswoche teilnimmt, weiß, dass sich aus den kleinen Gesprächen echte Freundschaften entwickeln können. „Ich habe noch zu einigen Leuten aus den letzten Jahren Kontakt“, sagt sie, während sie weiter konzentriert auf ihre Sterne schaut. Neben ihr liegt die geöffnete Schokolade im blauen Papier. Anna hat sie in viele kleine Stücke zerbrochen, die sie in die Mitte des Tisches schiebt, damit sich jeder eins davon nehmen kann. Ihr Engel hat es gut mit ihr gemeint. Erst am Tag der Abreise wird sie erfahren, wer er ist, und auch erst dann wird sich zeigen, ob sie es war, die Hans Höing einen Kaffee gebracht hat. Bis dahin aber ist es noch ein paar Tage hin, bis dahin gibt es noch sehr viel zu tun: nach Vokabeln suchen, Sterne stanzen, kleine Aufmerksamkeiten teilen.

Kathi Flau

 

Dynamische Lebenswelten

Jugendliche für den Glauben zu begeistern ist eine ganz spezielle Aufgabe. Als Projektreferent der Jugendpastoral sieht Hans Höing seinen Schwerpunkt da vor allem in der Praxis. Ob er die Begegnungswoche begleitet oder ob es ein punktuelles Event wie die Chrisammesse ist, die er samt Aufgabenverteilung an gut 30 Helfer koordiniert: Höing ist vor Ort, bei den Jugendlichen. „Ich glaube, anders geht es nicht“, sagt er, „weil wir es mit ganz dynamischen Lebenswelten und -realitäten junger Menschen zu tun haben, und wenn man die nicht selbst erfährt, dann kann man sie auch nicht in sein Angebot einbinden.“
Und das ist äußerst vielfältig. Unter anderem gehört die Jugendarbeit der Verbände dazu, die Ministrantenarbeit; Religionsunterricht und Schulpastoral, Sakramenten- und Gemeindekatechese, Berufungspas­toral oder kulturelle Angebote in Jugendchören und -bands.

Im Unterschied zu anderen Begriffen wie beispielsweise Jugendseelsorge macht „Jugendpastoral“ deutlich: Es geht um den Menschen in seiner Gesamtheit, um seine geistliche, geistige, aber auch körperliche und emotionale Entwicklung. „Außerdem“, so Höing, „werden die Jugendlichen auch selbst aktiv – sie sind nicht nur 'Empfänger', sondern auch Träger der Jugendpastoral.“ Und überall dort, wo sie Eigenverantwortung und kirchliches Engagement beweisen, hat er seinen Job gut gemacht.