22.01.2018

Die Erzählung vom Propheten Jona

Ich will nicht, Gott!

Man kann die Geschichte gut malen. Und gut spielen – im Religionsunterricht der Grundschule oder im Kindergottesdienst. Aber was hat die märchenhafte Erzählung von dem Propheten Jona erwachsenen Christen zu sagen?

Foto: wikimedia.de
Illustration der Jona-Geschichte aus dem mittel-
alterlichen „Hortus deliciarum“ 
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Vier knappe Kapitel hat das Buch Jona, und anders als bei allen anderen Prophetenbüchern stehen darin keine klugen Sprüche, göttlichen Drohungen oder Weissagungen. Das Buch ist eine Kurzgeschichte ganz eigener Art.

1. Dichtung und Wahrheit

Hauptperson der Geschichte ist Gott. Und Jona, der Sohn des Amittais. Orte der Handlung sind ein Schiff, ein Fisch und Ninive. Und darum geht es: Jona erhält den Auftrag, der Stadt Ninive Gottes Strafgericht anzudrohen. Doch Jona will nicht, sondern besteigt das nächte Schiff „nach Tarschisch“. Diese Stadt gibt es nicht, es ist so eine Art Atlantis, eine Insel der Seligen, weit weg von Gott und seinem Auftrag.

Doch Gott lässt sich die Flucht nicht gefallen und schickt einen Sturm. Die Seeleute machen bald Jona als Schuldigen aus. Der geht mehr oder weniger freiwillig ins Wasser, um Gott zu besänftigen – wo ihn ein Fisch verschluckt. Drei Tage sitzt er im Bauch, bis der Fisch ihn an Land spuckt.

Dann beginnt Kapitel 3, die heutige Lesung: „Das Wort des Herrn erging zum zweiten Mal an Jona“. Diesmal geht er nach Ninive. Aber die Reaktion der gottlosen Stadt ist anders als erwartet. Sie bekehrt sich, ruft Buße und Fasten aus. Gott ist beeindruckt und revidiert sein Urteil. „Das missfiel Jona ganz und gar“ – so beginnt Kapitel 4. Er ist beleidigt. So viel Mühe für nichts. Wieder haut er ab, raus aus der Stadt in die Wüste.

Die Jona-Geschichte, darin sind sich alle einig, ist nicht historisch. Nicht mal ansatzweise. Jona, Amittai, Ninive, die Sprache des Buchs, die Abfassungszeit – da passt historisch nichts zusammen, das ist Literatur, nicht Geschichte. Ist es deshalb Kinderkram?

Ein junger Leser fragte einmal Erich Kästner: „Die Geschichte von ,Emil und den Detektiven‘, die ist doch ganz bestimmt genauso passiert, oder?“ Und Kästner antwortete: „Ob sie so passiert ist oder nicht, ist doch egal. Hauptsache sie ist wahr.“ So ist es auch bei Jona: Passiert ist die Geschichte nicht, aber sie ist wahr.

 

2. Flucht vor Gott ist vergebens

Wahr ist, dass wir vor Gott nicht fliehen können. Nicht ans andere Ende der Welt, nicht ins Vergnügen, nicht in die Arbeit, nicht ins Vergessen. Gott ist da, und er bleibt da, und er findet Wege, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht immer so stürmisch wie bei Jona. Eher in kleinen Pieksern, wie wachsende Unzufriedenheit, ein Gefühl von Leere, ein unbestimmbares Unwohlsein.

Wahr ist auch, dass Gott uns trotz unserer kleinen und großen Fluchten nicht fallen lässt. Er schnappt nach uns wie der Fisch nach Jona. Das ist nicht immer gemütlich, es kann sogar einigermaßen beängstigend sein. Rettung ist nicht immer sofort als solche erkennbar. Und es kann Tage, Wochen, Jahre dauern, bis wir wieder ins Leben hinausgespuckt werden.

Wahr ist auch, dass uns das Leben manchmal vor dieselbe Aufgabe stellt, vor der wir geflohen sind. Vielleicht vor einer schmerzhaften Aussprache, vor einem Konflikt am Arbeitsplatz, vor einer notwendigen Umstellung der Lebensgewohnheiten, vor einer schwierigen Entscheidung. Die Zeit vergeht, der Auftrag bleibt.

Sie sind kein Prophet? Sie haben keine göttlichen Aufträge? Vielleicht ja schon. Vielleicht den Auftrag, mehr Verantwortung zu übernehmen in Familie, Beruf, Kirche. Vielleicht, sich einzumischen, wo anderen Unrecht geschieht. Vielleicht, sich irgendwo zu engagieren statt auf dem Sofa zu liegen. Vielleicht, zu lieben, zu verzeihen, neu anzufangen. Wahr ist, dass Gott für jeden Aufträge bereithält; er spricht sie nur nicht immer so klar aus wie damals bei Jona.

 

3. Gott macht doch, was er will

Wahr ist, dass Gott andere Maßstäbe anlegt und andere Entscheidungen trifft, als wir wollen. Jona leistet Widerstand. Er ist dagegen. Nicht dagegen, ein Strafgericht anzukündigen; Ninive galt als gottlos und verrucht, da ist die Vernichtung wie einst bei Sodom und Gomorra durchaus angemessen. Nein, wogegen Jona ist, wird beim Streitgespräch mit Gott in Kapitel 4 sehr deutlich. Jona seufzt: „Ach, Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich ja nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen.“

Genau das ist der Punkt: Jona ist der Ansicht, dass Ninive Vernichtung verdient hat und dass Gott gefälligst machen soll, was er als sein Prophet ankündigt. Was soll denn die Prophetie, wenn sie nicht Wirklichkeit wird? Da wird Jona doch unglaubwürdig! Und Gott auch.

Wahr ist aber: Gott macht doch, was er will. Sich anders entscheiden in diesem Fall. Gnädig sein, barmherzig. Auch wenn das an Jonas prophetischer Glaubwürdigkeit kratzt. Die Rettung der Stadt ist wichtiger.

Wahr ist auch, dass wir oft sehr genau wissen, was richtig ist, was wie getan werden sollte. Wir wissen auch oft, was Gott tun sollte. Nur: Er macht doch, was er will – und was wir oft weder verstehen noch gutheißen. Das macht wütend, zornig. Wie bei Jona.

Wahr ist aber auch: Wir dürfen zornig sein, widerständig. Gott lässt uns trotzdem nicht fallen. Für Jona lässt er gleich nach dem Streit einen Rizinusstrauch wachsen, „der seinem Kopf Schatten geben und seinen Ärger vertreiben sollte“. Echt nett, dieser Gott. Er kümmert sich sogar um gute Erfahrungen, die unsere Laune wieder verbessern.

 

4. Gott beantwortet die Fragen nicht, er stellt sie

Wahr ist, dass es in dieser Geschichte nicht darum geht, dass wir uns alle bekehren sollen. Die Bekehrung von Ninive aus der heutigen Lesung ist nur ein dramaturgischer Kniff. Der Konflikt ist der zwischen Gott und Jona. Hier steckt die Sinnspitze.

Wahr ist, dass Gott nicht belehrt. Er stellt Fragen, er regt zum Nachdenken an. Denn das Buch endet so: Nachdem Jona in die Wüste gegangen ist, lässt Gott zu seinem Schutz einen großen Rizinusstrauch wachsen. Aber schon am nächsten Tag verdorrt der Strauch – was Jona wieder hitzig macht. Da sagt Gott: „Dir ist es leid um den Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen. Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh?“ Und Schluss. Ende des Buches. Keine Antwort, nur eine Frage.

Wahr ist: Das Leben und das Glauben wären viel leichter, wenn Gott Antworten geben würde. Aber er stellt nur Fragen, er ist eine Frage. Denken müssen wir selbst.

Von Susanne Haverkamp